Neuer "Wichmann"-Film Das muss wohl Liebe sein

Erst mit Senioren ein Käffchen trinken, danach weiter zum Schreiadler: Henryk Wichmann bestellt den kargen Acker der Brandenburger Politik. Der Film "Herr Wichmann aus der dritten Reihe" könnte den Abgeordneten lächerlich machen. Doch er zeigt einen Helden des Politikeralltags mit viel Herz.

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Henryk Wichmann liebt sein Land. Es kann gar nicht anders sein, sonst täte er sich das alles nicht an. Er ist Jurist, er ist mit 35 Jahren noch relativ jung, er könnte Karriere machen als Anwalt. Stattdessen lässt er sich von wohlmeinenden Bürgern mit den immer gleichen Topfpflanzen beschenken, setzt sich zu einem Seniorenkaffeekränzchen, fährt über endlose Landstraßen mit klassischer Musik im Autoradio und löchrigem Handy-Empfang. Man könnte sagen: Henryk Wichmann geht durch die Hölle. Aber er scheint es zu genießen.

Henryk Wichmann ist Landtagsabgeordneter für den Wahlkreis Uckermark III/Oberhavel IV, eingezogen über die Landesliste der CDU, und auch hier nur als Nachrücker. In Brandenburg regiert seit der Wiedervereinigung die SPD, und die Union, ihr langjähriger Regierungspartner, ist seit 2009 dazu verdammt, in der Opposition auszuharren und ab und zu spitze Reden zu halten, die dann zu Protokoll genommen werden. Wichmann ist das ungefähr unwichtigste Mitglied einer sehr einflussarmen Fraktion. Er ist, könnte man böse sagen, so ziemlich das ärmste Würstchen, das die deutsche Politik aufzubieten hat. Aber man muss auch sagen: Henryk Wichmann ist ein Held, nicht nur der Titelheld aus Andreas Dresens neuem Film "Herr Wichmann aus der dritten Reihe".

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Herr Wichmann unterwegs: Politik ist, wo's weh tut
Wenn die Leute im nicht gerade prosperierenden Brandenburg oder ähnlich sorgenschweren Landstrichen noch einen Restglauben an die Demokratie behalten haben sollten, ist das Helden wie Wichmann zu verdanken. Seine Parteizugehörigkeit spielt dabei keine Rolle, wenn er sich in die Tiefen der Bürgernähe begibt. Hier zählt der Schreiadler, dessen naturgeschützte Anwesenheit den Bau eines Fahrradwegs verzögert. Hier zählt der verfallene Haltepunkt der Regionalbahn im Hinterland, der saniert werden muss, damit die Schüler weiterhin zur Schule kommen. Hier zählt es, den Bürgern zuzuhören. Und sei es nur, ihnen dabei zuzuhören, wie sie sagen, dass ja nie jemand von denen da oben aus der Politik zu ihnen kommt, um ihnen mal zuzuhören.

Andreas Dresen liebt seine Figuren. Der Filmemacher hat ein Auge für die Normalität, für gebrochene Figuren, liebenswerte Antihelden, Bewältiger des Alltags. Selbst seine fiktionalen Charaktere wirken stets so, als könnten sie in der Mietwohnung nebenan leben. Nie führt er sie vor, die man so leicht vorführen könnte, nie macht er sich lustig über ihre Eigen- und Einfachheiten.

Auch nicht über den realen Herrn Wichmann, der, gäbe es ihn nicht tatsächlich, eine schön ausgedachte Dresen-Figur sein könnte. 2003 hat Dresen ihn zum ersten Mal porträtiert, "Herr Wichmann von der CDU" war ein Film über einen aufstrebenden jungen Mann mit wenig Chancen auf ein Bundestagsdirektmandat (ausgerechnet für die CDU in Brandenburg!). Jetzt, bald zehn Jahre später, zeigt er uns einen gereiften, aber immer noch jungenhaften Wichmann. Einen Wichmann, der mit rührender Ernsthaftigkeit seinem Politikerberuf nachgeht, der interessiert und ernst nickt, und sei das Bürgeranliegen noch so marginal.

Die große Kunst des Andreas Dresen

Es wäre sehr leicht gewesen für Dresen, diesen Wichmann zu einer Karikatur zu machen, zu einem lächerlichen Mann auf lächerlicher Mission. Es wäre sehr einfach gewesen, den Alltag des Abgeordneten Wichmann so darzustellen, wie er wohl ist: unglaublich öde. Es ist aber die große Kunst des Andreas Dresen, seinen Protagonisten und dessen Lebensumstände so geschickt und menschenfreundlich für den Film aufzubereiten, dass in all der Ödnis das Wichmannsche Engagement als Wert an sich aufscheint. Und so wirken auch die Niederungen und Akteure des regionalpolitischen Alltags nie deprimierend oder grotesk, sondern schlicht normal.

Man kann "Herr Wichmann aus der dritten Reihe" sehen als Film zum Schmunzeln über seinen irritierend wohlgelaunten Hauptdarsteller, über ein Brandenburg, das aussieht, als sei es noch Teil der DDR, über Unwichtigkeiten und Nebensachen aus und in der Provinz. Dabei ist der neue "Wichmann" vor allem aufklärendes Werk über Leben und Politik im Deutschland unserer Zeit - gehaltvoller, realitätsnäher und damit wichtiger als jede politische Talkshow.

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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
klotzkopf 06.09.2012
1.
Zitat von sysopAndreas DresenErst mit Senioren ein Käffchen trinken, danach weiter zum Schreiadler: Henryk Wichmann bestellt den kargen Acker der Brandenburger Politik. Der Film "Herr Wichmann aus der dritten Reihe" könnte den Abgeordneten lächerlich machen. Doch er zeigt einen Helden des Politiker-Alltags mit viel Herz. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,854072,00.html
Also sorry, ich hab´den Film gesehen, aber für mich war das nichts weiter als ein Imagefilm! Kaum ein Kommentar von Herrn Wichmann war für mein Verständniss nicht als vesteckter Seitenhieb gegen den politischen Gegner zu verstehen (Bis hin zu auf die SPD bezogene Kommentare wie "Da kommen die Kommunisten"), der Nabu wurde für meinen Eindruck fast ausnahmslos lächerlich gemacht und Herr Wichmann wurde dem Zuschauer 1 Std. 33 Min als bürgernaher Omiflüsterer verkauft. Nicht zu fassen, dass der Regisseur von "Sommer vorm Balkon" sich für eine derart billige Partei-Werbung (für mich jedenfalls war das nichts anderes) hat instrumentalisieren lassen. Das liesse sich meiner Ansicht nach nur mit einer gehörigen Portion Naivität entschuldigen! Umso ärgerlicher wenn für solch eine einseitige Dokumentation Filmfördergelder geflossen sein sollten!
Masumania 06.09.2012
2. Abstand vom Politischen
Zitat von klotzkopfAlso sorry, ich hab´den Film gesehen, aber für mich war das nichts weiter als ein Imagefilm! Kaum ein Kommentar von Herrn Wichmann war für mein Verständniss nicht als vesteckter Seitenhieb gegen den politischen Gegner zu verstehen (Bis hin zu auf die SPD bezogene Kommentare wie "Da kommen die Kommunisten"), der Nabu wurde für meinen Eindruck fast ausnahmslos lächerlich gemacht und Herr Wichmann wurde dem Zuschauer 1 Std. 33 Min als bürgernaher Omiflüsterer verkauft. Nicht zu fassen, dass der Regisseur von "Sommer vorm Balkon" sich für eine derart billige Partei-Werbung (für mich jedenfalls war das nichts anderes) hat instrumentalisieren lassen. Das liesse sich meiner Ansicht nach nur mit einer gehörigen Portion Naivität entschuldigen! Umso ärgerlicher wenn für solch eine einseitige Dokumentation Filmfördergelder geflossen sein sollten!
Ist ihnen schon einmal in den Sinn gekommen, dass dies vielleicht nicht die persöhnliche Meinung des Regissers widerspiegelt, dass vielleicht ganz im Gegenteil bewusst solche Äußerungen unkommentiert und damit unverfälscht und "echt" im Film enthalten blieben, damit die Figur Wichmann sich dem Zuschauer besser erschließt, damit er einfach authentisch wirkt. Ihnen ist Herr Wichmann unsympatisch, aber wenn der Regisseur diese Szenen nicht gezeigt hätte, dann könnte er ihnen gar nicht so unsympatisch sein. Der Film funktioniert nur mit der nötigen (auch und gerade politischen) Distanz. Ob CDU oder SPD spielt hier eigentlich keine Rolle, es geht um die langsam mahlenden Mühlen der Ortsverbandspolitik in der Peripherie, und die zeigt der Film sehr eindringlich.
klotzkopf 06.09.2012
3.
Zitat von MasumaniaIst ihnen schon einmal in den Sinn gekommen, dass dies vielleicht nicht die persöhnliche Meinung des Regissers widerspiegelt, dass vielleicht ganz im Gegenteil bewusst solche Äußerungen unkommentiert und damit unverfälscht und "echt" im Film enthalten blieben, damit die Figur Wichmann sich dem Zuschauer besser erschließt, damit er einfach authentisch wirkt. Ihnen ist Herr Wichmann unsympatisch, aber wenn der Regisseur diese Szenen nicht gezeigt hätte, dann könnte er ihnen gar nicht so unsympatisch sein. Der Film funktioniert nur mit der nötigen (auch und gerade politischen) Distanz. Ob CDU oder SPD spielt hier eigentlich keine Rolle, es geht um die langsam mahlenden Mühlen der Ortsverbandspolitik in der Peripherie, und die zeigt der Film sehr eindringlich.
Ach so, Herr Wichmann lästert also fröhlich, ungehemmt und durchgehend über den politischen Gegner oder Nabu ins Mikro am Revers- und in im Gespräch mit dem Bürger ab, und das nennt man dann heutzutage "nicht politisch" und "authentisch" oder wie? Herr Wichmann ist mir unsypatisch, weil er sich mir im Film so dargestellt hat, dass er sich zwar auf den ersten Blick freundlich und bürgernah gegeben hat - ich ihn dabei aber kontinuierlich stichelnd und "Parteipolitik-machend" erlebt habe. Immer so nach dem Motto: "Waaaaaaaaaaaas? Soooo schlecht ist die SPD Regierung also mit Ihnen umgesprungen? Sie armer, armer Bürger, Sie!": Aber ich denke nicht, dass es der Film darauf anlegt, dies zu verdeutlichen. Ich vermute, Herr Wichmann gibt sich darin viel unschuldiger und unbedarfter als er ist! Für mich ist der Film astreine Parteipolitik - Ich halte dem Regisseur wie gesagt nur zugute, dass er eventuell zu gutmütig gewesen ist, um zu bemerken, das er politisch instrumentalisiert wurde! Aber um das noch mal zu verdeutlichen: Ich fande es schon reichlich ärgerlich wenn dafür auch noch Fördergelder geflossen sein sollten!
desiderium 06.09.2012
4. Von Klotzköpfen und anderen Kleingeistern
Dem Regisseur zu unterstellen, er habe sich parteipolitisch instrumentalisieren lassen, ist schon ziemlich hanebüchen. Vielleicht mal den ersten Film von Dresen über seinen Protagonisten ("Herr Wichmann von der CDU") als zusätzliche Verständnishilfe anschauen. Der verständige Zuschauer fragt hingegen (mit einem Schmunzeln im Gesicht): was hat sich die CDU wohl damals dabei gedacht, als sie Dresens Projektvorhaben 2002 zugestimmt hat?
multi_io 30.09.2012
5.
Zitat von klotzkopfAch so, Herr Wichmann lästert also fröhlich, ungehemmt und durchgehend über den politischen Gegner oder Nabu ins Mikro am Revers- und in im Gespräch mit dem Bürger ab, und das nennt man dann heutzutage "nicht politisch" und "authentisch" oder wie? Herr Wichmann ist mir unsypatisch, weil er sich mir im Film so dargestellt hat, dass er sich zwar auf den ersten Blick freundlich und bürgernah gegeben hat - ich ihn dabei aber kontinuierlich stichelnd und "Parteipolitik-machend" erlebt habe. Immer so nach dem Motto: "Waaaaaaaaaaaas? Soooo schlecht ist die SPD Regierung also mit Ihnen umgesprungen? Sie armer, armer Bürger, Sie!": Aber ich denke nicht, dass es der Film darauf anlegt, dies zu verdeutlichen. Ich vermute, Herr Wichmann gibt sich darin viel unschuldiger und unbedarfter als er ist! Für mich ist der Film astreine Parteipolitik - Ich halte dem Regisseur wie gesagt nur zugute, dass er eventuell zu gutmütig gewesen ist, um zu bemerken, das er politisch instrumentalisiert wurde! Aber um das noch mal zu verdeutlichen: Ich fande es schon reichlich ärgerlich wenn dafür auch noch Fördergelder geflossen sein sollten!
Ich habe den Film gerade gesehen -- da ist kaum was "parteipolitisches" drin. Wichmann äußert sich mehrmals positiv zu SPD- und Linkspartei-Politikern, er sagt, dass er mit vielen von denen konstruktiv zusammenarbeitet, im Verlauf des Films kommt es auch zu einer Gesetzesänderung, an der Wichmann mitwirkt und nach deren Abschluss er den zuständigen Minister lobt als Mann, mit dem man konstruktiv zusammenarbeiten kann. Und was den NABU betrifft -- der fordert in dem Film, einen Radweg nicht zu bauen, weil dadurch angeblich Schreiadler beim Brüten behindert werden. Und das obwohl ein paar Meter weiter bereits eine Autobahn durch das Gebiet durchläuft. Der NABU vertritt hier -- um es mal ganz klar zu sagen -- eine absolute Extremposition, eine ideologische Partikularinteresse, die sonst niemand in dem Film teilt. Sie können nunmal nicht erwarten, dass ausgerechnet ein CDU-Mann dem NABU da nicht widerspricht. Der Regisseur wollte einen Film machen, der den Alltag eines Landtagsmitglieds zeigt. Da es keine partei- und interessenlosen Landtagsmitglieder gibt, landet man bei sowas halt in irgendeiner politischen Richtung. Wenn der Film einen Linkspartei-Politiker porträtieren würde, würden Sie dann auch sagen, dass sei "Parteipolitik"? Auch Platzeck kommt in dem Film mehrmals zu Wort, u.a. bei einem Schulbesuch, wo der mit den Schülern durchaus eingängig und konstruktiv die Vorzüge der parlamentarischen Demokratie diskutiert. Und sowas ist verdammt wichtig, gerade in der politikverdrossenen brandenburgischen Provinz, wo bloß noch 40% wählen gehen und nicht wenige sich die DDR zurückwünschen. Da ist jeder Euro Fördergeld gut angelegt.
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