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Weltkriegsdrama mit Brad Pitt: Der Albtraum im Inneren des Panzers

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Fünf Männer gegen das Deutsche Reich: Im Weltkriegsdrama "Herz aus Stahl" bildet die Besatzung eines US-Panzers eine fast familiäre Zweckgemeinschaft - mit Brad Pitt als Patriarch im Geschützturm.

Deutschland im Frühjahr 1945, ein Leichenfeld: Schattenhaft erhebt sich zu Beginn von "Herz aus Stahl" eine Gestalt über eine matschige Brache. Es ist US-Sergeant Don Collier (Brad Pitt), der einen Erkundungsgang über den Schauplatz erbitterter Kämpfe macht. Ein SS-Offizier zuckt noch, Collier stößt ihm sein Bajonett durchs Auge. Erst wütend, dann erschöpft guckt er, als er schließlich zu seinen Männern auf den Sherman-Panzer steigt, das einzige US-Kampfgefährt, das bei diesem Gefecht heil geblieben ist. Amerika gewinnt den Krieg, aber die Verluste, physisch wie psychisch, sind groß.

"Fury", also Furie oder Wut, heißt David Ayers Kriegsfilm im Original, und so steht es auch auf dem Kanonenrohr des Panzers, um dessen Besatzung es geht. Das Problem: Die wütende, stählerne Rachegöttin der Amerikaner ist zwar schnell und wendig, kann aber in Sachen Panzerung und Bewaffnung kaum gegen die Brachialität der deutschen "Tiger I"-Kolosse bestehen. Analog zu einer bekannten Feuerzeug-Marke wurden die Shermans in der US-Armee auch als "Ronson lighters" verspottet, weil sie bei Beschuss so leicht in Flammen aufgingen. Jeder Einsatz in den endlosen Wiesen und Feldern der deutschen Provinz war ein Himmelfahrtskommando. Überall, hinter jedem Knick, in jedem Dorf, konnten sich Teile von Hitlers letztem Aufgebot verschanzt haben.

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"Herz aus Stahl": Wardaddy wird's schon richten
"Herz aus Stahl" knüpft an, wo "Der Soldat James Ryan" aufhörte. Steven Spielbergs Weltkriegsopus begann mit der bis heute unerreicht schonungslosen Re-Inszenierung der Landung in der Normandie und endete als klassisches Platoon-Movie über mehr oder minder heroische Männerschicksale im Hinterland. In Ayers Film sind seit dem D-Day Monate vergangen, die Mühen der Etappe ließen den letzten Rest Siegeseuphorie verfliegen. Zynismus und Müdigkeit beherrschen die Befreiungsmacht, die sich Schritt für Schritt Richtung Reichshauptstadt vorkämpft. Die Furie, das ist längst nicht mehr der ironisch betitelte Tank, sondern der Krieg selbst.

Seelische Verheerung

Ayers Film hat alles, was ein guter Kriegsfilm braucht: den Dreck, den Lärm und die beängstigende Stille, die rußverschmierten Gesichter mit den bangen Augen, die Enge im Inneren des Panzers, die packende Action der Gefechte, die Brutalität von Guten wie Bösen. "Herz aus Stahl" ist darüber hinaus aber auch ein zum Teil überraschend behutsames Psychodrama über die Entstehung dessen, was heute als posttraumatische Belastungsstörung bezeichnet wird: die seelischen Verheerungen des Krieges.

Beide Großväter von Regisseur Ayer waren US-Soldaten im Zweiten Weltkrieg, er selbst leistete mehrere Jahre Dienst in der US-Marine auf einem U-Boot, bevor er begann, Filme über Männer in Extremsituationen zu drehen. Der heute 46-Jährige schrieb das Drehbuch zum Polizei-Thriller "Training Day" und inszenierte das pseudo-dokumentarische Cop-Drama "End Of Watch" mit Jake Gyllenhaal. Für "Herz aus Stahl" verlegte er den Schauplatz seiner Stressgeschichten von den Straßen L.A.s in die letzten Wirren des Weltkriegs auf deutschem Boden.

Collier und sein Panzerteam bilden eine Zweckgemeinschaft, die ihren eigenen Regeln folgt. Zur Besatzung gehören der Latino-Steuermann Gordo (Michael Pena), der dauerfluchende Redneck-Lader "Coon-Ass" (Jon Bernthal), der zusammen mit dem gottesfürchtigen Kanonier Boyd "Bible" Swan (Shia LaBeouf) das Geschütz bedient. Neu dazu kommt der junge Rekrut Norman (Logan Lerman).

Der Sergeant erkennt sofort, dass der moralisch noch integere Frischling sein Team durch Angst und Skrupel in Gefahr bringen könnte und zwingt ihn dazu, einen gefangen genommenen deutschen Soldaten zu erschießen. Norman wehrt sich mit Händen, Füßen und Tränen gegen diesen Zwang, den Collier für nötig hält, um den jungen Soldaten abzuhärten und das Überleben der Gruppe zu gewährleisten.

Angespannter Versuch von Zivilisation

Eine harte, fragwürdige Szene. Ayer kontert sie mit einer langen, atmosphärisch dichten Sequenz in der Mitte, in der Collier und Norman es sich in einem Dorf bei zwei jungen deutschen Frauen gemütlich machen. Die US-Soldaten verhalten sich höflich und respektvoll in dieser übergriffigen Situation, es kommt zu Zärtlichkeiten, und es wird am Tisch zusammen gegessen - ein angespannter Versuch von Zivilisation inmitten der Barbarei. Collier, von Brad Pitt mit Bürstenschnitt, breitem Kreuz und Grübelgrimassen als John-Wayne-Hommage verkörpert, verhält sich zu Norman wie ein strenger, aber gutmütiger Vater, der unter seiner selbstverordneten Härte durchaus leidet. Seine Schutzbefohlenen nennen ihn nicht umsonst "Wardaddy".

Shia LaBeouf als frömmelnder "Bible" nimmt in dieser Konstellation die Rolle der emotionalen Mutterfigur ein, Pena und Bernthal spielen Normans verrohte ältere Brüder. Als sie das gemütliche Quartett stören, kippt die Stimmung in dem schlichten Apartment von friedfertig zu aggressiv. Nur mit Mühe kann Collier den drohenden Gewaltausbruch verhindern. Aber er verhindert ihn.

Das gelingt dem Panzer-Patriarchen am Esstisch, aber nicht auf dem Schlachtfeld: Zum Showdown seines unbedingt sehenswerten, zwischen Schock und Schönheit fein ausbalancierten Films schickt Ayer die Männer seiner Kleinfamilie mitsamt ihrem bald havarierten Panzer in die ultimative Mut- und Bewährungsprobe an einer strategisch völlig unbedeutenden Straßenkreuzung im Nirgendwo.

Im Innenraum des Panzers verdichtet sich das existenzielle Drama der Frontsoldaten zur Geburt des Kriegstraumas aus kreischendem Stahl. Ein Albtraum aus zischenden Geschossen, brennenden Körpern, explodierenden Bomben und verlorener Unschuld, der auch für den, der ihn überlebt, niemals enden wird.

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Herz aus Stahl
USA 2014

Originaltitel: Fury

Buch und Regie: David Ayer

Darsteller: Brad Pitt, Logan Lerman, Michael Pena, Shia LaBeouf, Jon Bernthal, Scott Eastwood

Produktion: Le Grisbi Productions, Crave Films, Huayi Brothers Media

Verleih: Sony

Länge: 134 Minuten

Start: 1. Januar 2015

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insgesamt 162 Beiträge
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1.
Eduschu 31.12.2014
Mittlerweile dürfte es wohl mehr Filme über Kampfhandlungen der US-Panzerwaffe und US-Infanterie in Deutschland geben als tatsächlich stattgefundene.
2. Schon wieder ein Schinken voller Pathos
heinz.mann 31.12.2014
und schwarz-weiß Malerei. Hier die Guten Amerikaner, dort die Bösen Deutschen..
3. hmmmm
ralphofffm1 31.12.2014
sieht für michauch so aus als ob hier das Dekmal des aufrechten, amerikanischen Kriegers bisschen poliert werden sollte. Ich werd mir den Film aber wohl ansehen.
4.
Freifrau von Hase 31.12.2014
"Ayers Film hat alles, was ein guter Kriegsfilm braucht:" Nun, "gute Kriegsfilme" gibt es nur sehr, sehr, wenige. Wann ist ein Kriegsfilm gut? Wenn man hinterher sagt "Nie wieder Krieg" und "Egal auf welcher Seite, am Ende alles arme Schweine". In dieser Reihe fallen mir Filme wie "Im Westen nichts Neues", "Bataillon der Verlorenen" oder "Gallipoli" ein. Alle spielen im Ersten Weltkrieg. Filme über den Zweiten Weltkrieg leiden häufig daran, dass sie in dämliche Gut/Böse-Klischees abdriften. "James Ryan" fand ich denn auch nicht so besonders.
5. 5 gegen 300 :D
muzepuckel 31.12.2014
In den amerikanischen Heldenepen sind die Amis immer in Unterzahl. Die haben doch schon bei gleichen Chancen nie was auf die Reihe bekommen, geschweige denn in Unterzahl.
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