Paraderolle für Tom Hiddleston Sex, Gewalt und eine Dose Hundefutter

Politisch, böse und komisch: Die Romanverfilmung "High-Rise" macht ein Hochhaus im London der Siebzigerjahre zum Schauplatz einer sozialen Apokalypse. Tom Hiddleston brilliert als entfesselter Bourgeois.


"Zurück zum Beton" wollte einst einer der besseren Punksongs. Eben dorthin geht "High-Rise", die Verfilmung des gleichnamigen Romans von J. G. Ballard. Mit viel Gestaltungslust bringen Regisseur Ben Wheatley ("A Field in England") und Drehbuchautorin Amy Jump die dystopische Vorlage auf die Leinwand und imaginieren ein wuchtiges Hochhaus in der Londoner Vorstadt des Jahres 1975: Ein steingewordenes Zukunftsversprechen, das zwischen Party im Penthouse und Klassenkampf im Keller ein ebenso blutiges wie beschwingtes Zivilisationsfanal bezeugt.

Doch zuvor zieht Dr. Robert Laing in sein neues Appartement. Der Facharzt für Physiologie ist die zentrale Gestalt unter den vielen schillernden Figuren des Films. Gespielt wird er von Tom Hiddleston, der sich eigentlich in jeder Rolle großartig macht, hier aber so feinnervig und elegant am Abgrund laviert, dass es ein besonderes Vergnügen ist.

Schnell lernt Neumieter Laing die anderen Hausparteien kennen, darunter die alleinerziehende Charlotte Melville (eine sinnlich und smart aufspielende Sienna Miller) und den Dokumentarfilmer Charles Wilder (Luke Evans), der mit seiner Frau Helen (Elisabeth Moss) ein weiteres Kind erwartet.

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"High-Rise": Brutaler wohnen für alle

Familien mit Nachwuchs, das begreift Laing sofort, stehen in der sozialen Rangordnung des Gebäudes ganz unten und wohnen entsprechend nah am Boden. Es ist eine der feineren satirischen Spitzen in "High-Rise", dass diese vermeintlichen Plebejer für Außenstehende zur Mittelschicht gehören: Lehrer, Journalisten oder Flugzeugpiloten mögen sich zwar eine Wohnung in dem Wolkenkratzer leisten können, doch einmal drinnen, dürfen sie nicht in die höchsten Etagen. Die klassische Arbeiterklasse ist hingegen längst tot oder existiert nur noch als romantische Projektion für angehende Revolutionäre wie Charles Wilder.

Totschlag statt Tratsch im Treppenhaus

In den Top-Etagen ignoriert man deren Unmut. Dennoch oder gerade deshalb ist Laing geschmeichelt, als er vom Architekten zum Antrittsbesuch ins oberste Geschoss eingeladen wird. Anthony Royal (Jeremy Irons) hat das Hochhaus nicht nur entworfen, er lebt an dessen Spitze. Für seine Frau hat Royal ein kitschiges Cottage samt weißem Ross und schwarzem Schaf aufs Dach gesetzt, doch hauptberuflich, so versichert er Laing, sei er natürlich Modernist.

Aber sein Fortschritt für alle lässt auf sich warten, während im hauseigenen Supermarkt die Pfirsiche verschimmeln. Zudem wird der Alkohol knapp, was für die sündigen Bewohner des Brutalismus-Baus weit schlimmer ist. Alsbald zeigt sich der materielle und moralische Verfall an allen Ecken dieser englischen Alptraum-Immobilie, aus der es augenscheinlich für niemanden ein Entrinnen gibt. Nimmt man einen suizidalen Brexit über die Balkonbrüstung mal aus.

Das Streichorchester auf einem höfischen Kostümfest im Penthouse spielt noch "SOS" von ABBA, aber es ist schon zu spät: Die Stimmung im Gebäude kippt, Barrikaden werden errichtet und es fließt Blut. Mittendrin Robert Laing, ein schöner Mann ohne andere sichtbare Eigenschaften. Zwischen Fronten und Stockwerken muss der Opportunist entscheiden, auf welcher Seite dieser Geschichte er stehen will.

Wer braucht hier noch Zombies?

Womöglich nicht umsonst ist sein Name eine Referenz an den schottischen Psychiatrie-Reformer Ronald D. Laing, der die rein pathologische Sicht auf Schizophrenie und andere, vermeintlich abnorme mentale Zustandsformen ablehnte: Wenn die Psychose vielleicht nur die korrekte Wahrnehmung einer aus den Fugen geratenen Welt ist, dann erspart in "High-Rise" die Axt im Haus den Psychologen.

Bei der Bebilderung sittlicher Degeneration halten sich Wheatley und Jump jedenfalls nicht mit Subtilitäten auf, naheliegende politische Allegorien werden laut hervorgehoben. Ebenso bereitwillig legen sie ihre sozio-apokalyptischen Kinovorbilder offen. "A Clockwork Orange" (1971) findet sich als Inspiration, aber auch der atavistische "Themroc" (1973), die dekadente Selbstauslöschung aus "Das große Fressen" (1973), der zugespitzte Klassenbegriff von Lindsay Andersons "If…" (1968) und das sich besinnungslos fortpflanzende Grauen aus David Cronenbergs "Shivers" (1975), mithin Prototyp des Hochhaushorrors. George Romeros kapitalismuskritischer Klassiker "Dawn of the Dead" ließe sich noch nennen, nur wer braucht schon Zombies, wenn die marodierenden Lebenden den Job allein erledigen?

"High-Rise" ist jedoch mehr als nur surreale Farce und nostalgisches Potpourri aus Untergangsfantasien. Wheatley und Jump betonen erfolgreich die weiterhin virulenten Themen des immerhin 40 Jahre alten Romans: So findet die in Ballards Buch prognostizierte ökonomische und soziale Verödung des "Grey Britain" der Siebziger ihre weltweite Fortsetzung in jenen entvölkerten Spekulationskathedralen aus Glas und Sichtbeton, die heute den urbanen Raum dominieren. Ballards Prosa skizziert auch, wie der industrielle Niedergang und das Verschwinden der Produktivkräfte mit ihrem inhärenten revolutionären Potential neue Formen des Protests gebiert. Tatsächlich arbeitete sich bald darauf die Subkultur des Punk am Zerrbild einer ohnehin nur imaginierten working class ab und setzte dem verwalteten Elend eine Lust des Nichtfunktionierens entgegen.

Ein Bourgeois häutet sich

Der Film glaubt an die Gültigkeit dieses Gestus für die Gegenwart, was auch durch den ästhetischen Zugriff deutlich wird, denn Wheatley inszeniert seine Sicht der Siebziger ähnlich stilsicher und unverbraucht wie Ang Lee in der makellosen Adaption von "The Ice Storm" (1997). Gegenwärtig wird "High Rise" zudem durch Hiddlestons Robert Laing, einer bis zuletzt aufregenden Figur, die in ihren Metamorphosen gleichsam einnimmt und abstößt. So wie Laing während einer Autopsie ungerührt die Haut von einem menschlichen Schädel zieht, als pellte er eine Apfelsine, so schält er sich im Verlauf aus der Rolle eines Lust- und Spielobjekts für die noch Reicheren und noch Schöneren.

Wohl kein anderer Star kann aktuell die Erfahrung einer solchen komplexen Objektivierung bestechender vermitteln als Hiddleston, umschwärmter Mann der Stunde in Feuilleton wie Regenbogenpresse. Es ist denn auch die maßgeschneiderte Präsenz des britischen It-Boy, die "High-Rise" in die Jetztzeit holt. Der Eton-Schüler und Cambridge-Student Hiddleston kratzt mit Lust an der eigenen, perfekten Oberfläche: Ohne Seidenkrawatte aus der Savile Row zeigt sich sein kleiner Bourgeois Laing vollends entfesselt und bereit für Sex, Gewalt und eine Dose Hundefutter zum Abendessen.

Zwischen gut gelauntem Nihilismus und satirischer Kulturkritik beschreibt "High-Rise" somit einen Ort, an dem sich die Gesellschaft häutet. Ob sie sich dabei ihrer selbst entledigt oder aber zu einer neuen Form findet, bleibt abzuwarten. Der Vorgang aber, so unappetitlich er auch sei, ist faszinierend anzusehen.

Im Video: Der Trailer zu "High-Rise"

"High-Rise"

    GB 2015

    Regie: Ben Wheatley

    Drehbuch: Amy Jump, Benjamin Taylor

    Darsteller: Tom Hiddleston, Jeremy Irons, Sienna Miller, Luke Evans, James Purefoy, Keeley Hawes, Peter Ferdinando, Sienna Guillory

    Verleih: DCM Filmdistribution

    Länge: 119 Minuten

    FSK: ab 16 freigegeben

    Start: 30. Juni 2016

  • Offizielle Website zum Film
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Seite 1
DerZauberer 29.06.2016
1.
Die moderne Welt erwartet bei Filmbesprechungen auch sowas wie ein "Review" - also die schlichte Beantwortung der Frage, ob der Film was taugt. Allein diese überkandidelte Feuilleton-Sprache und der gleichzeitige Versuch einer schriftlichen Interpretation des Werks im Stile einer Germanistik-Hausarbeit sind anstrengend. Mag sein, dass es noch ein paar aussterbende Dinosaurier und "Kultur"liebhaber gibt, die sich solche Texte - am liebsten ausgedruckt auf gutem alten Zeitungspapier - antun. Die Internet-Community sicherlich nicht.
Celegorm 29.06.2016
2.
Zitat von DerZaubererDie moderne Welt erwartet bei Filmbesprechungen auch sowas wie ein "Review" - also die schlichte Beantwortung der Frage, ob der Film was taugt. Allein diese überkandidelte Feuilleton-Sprache und der gleichzeitige Versuch einer schriftlichen Interpretation des Werks im Stile einer Germanistik-Hausarbeit sind anstrengend. Mag sein, dass es noch ein paar aussterbende Dinosaurier und "Kultur"liebhaber gibt, die sich solche Texte - am liebsten ausgedruckt auf gutem alten Zeitungspapier - antun. Die Internet-Community sicherlich nicht.
Ach was, das muss letztlich eh jeder für sich selbst beurteilen. Weshalb eher diese meist stark verknappte "Daumen hoch/runter und x Sterne"-Mentalität der meisten Filmbesprechungen nervt. Zumal diese ihre Beurteilung oft genug aus dem Werbeprospekt oder Trailer zu beziehen scheinen. Da ist es vergleichsweise erfrischend, wenn sich jemand ausnahmsweise mit einem Film etwas tiefgehender auseinander setzt. Einfache Bewertungen gibt es auf den einschlägigen Seiten zur Genüge..
Chris rockt 29.06.2016
3. Großartiger Film!
Hab ihn vor ein paar Monaten im Rahmen eines Festivals sehen können und wahr mehr als positiv überrascht. Leider erwarten die Kinobetreiber scheinbar wenig Kundschaft. Hier in Nürnberg läuft der Film selbst in der Eröffnungswoche nur im Nachtprogramm, in kleinen Sälen und nur in deutscher Synchro. Ich werde ihn mir dennoch noch mal anschauen und kann ihn nur wärmstens empfehlen.
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