HipHop-Film "Status Yo!" Bilder, Beats und Biss

Low Budget und doch großes Kino: Till Hastreiters exzellenter Debütfilm "Status Yo!" präsentiert eine multikulturelle Gruppe von Berliner HipHop-Kids bei ihrem Kampf um Identität und Anerkennung.

Von Birgit Glombitza


Rapper Bindo (M.), DJ Hazze (r.): Am Mikro und am Puls der Stadt

Rapper Bindo (M.), DJ Hazze (r.): Am Mikro und am Puls der Stadt

Respekt, Liebe und die nächste fette Party: Darum geht es, so will es das Glaubenskenntnis der HipHop-Szene. Ob in Brooklyn oder Berlin. Mag der Himmel auch noch so tief und grau über der Hauptstadt hängen. Mag das eigene kleine Leben auch gerade völlig aus den Fugen gehen. Wie bei Sässion, dem Rapper mit den kroatischen Wurzeln, der seine Freundin, eine Kreuzberger Türkin, nur heimlich lieben kann. Bis ihr Bruder den beiden auf die Schliche kommt, seine Schwester zusammenschlägt und entführt, um sie in die Türkei zu verschleppen.

Oder wie bei dem schlurfigen Rap-Poeten Sera Finale, der seinen Job im Altenheim verliert, als herauskommt, das sein ebenso liebevoller wie spezieller Pflegeservice gegen das Betäubungsmittelgesetz verstößt. Aus der Wohnung fliegt er dann auch noch, weil sein Dealer sie an einen schlecht gelaunten Waffenträger verpfändet hat. Und das Schlimmste daran: Seras Plattensammlung gleich mit.

Sprayer Tarek, der Sohn chinesischer Einwanderer träumt derweil von einem jungfräulich weißen Zug. Eine endlos rollende, ganz und gar eigene Leinwand für seine Sprühwerke. Und die fünf Amoks, die angesagte Breakdance-Truppe der Szene, scheitert kläglich bei einem Auftritt als Hintergrund-Tänzer in einem lausigen Popvideo.

Cineastischer Jam ohne Pädagogen-Dünkel

Rapper Sera Finale (vorne rechts) und Breakdancer 5 Amoks: Kämpfen und reimen im Untergrund

Rapper Sera Finale (vorne rechts) und Breakdancer 5 Amoks: Kämpfen und reimen im Untergrund

Das Leben in "Status Yo!" ist alles andere als ein Wunschkonzert. Wenn der eigene Freund nicht zu einem steht oder die Familie, die eigenen Pläne vom kleinen Glück mit autoritären Raubritterzügen durchkreuzt, dann ist das zum Schreien und Heulen - im rhythmischen Versmaß versteht sich. Bei Till Hastreiter und seinem seit der Berlinale zurecht viel beachteten Debüt "Status Yo!" wird daraus ein cineastischer Jam. Angenehm entfernt von allem sozialpädagogischen Dünkeln und, mit seinen aus der Szene geborgten Laiendarstellern, (überwiegend Migranten aus Kreuzberg, Prenzlauer Berg und Friedrichshain), nahe genug dran, um zu berühren.

Ein kleiner, schmutziger Film ist "Status Yo!" geworden. Einer, der die Rituale und den Ehrenkodex der Szene verdammt ernst nimmt und sich niemals über seine Protagonisten lustiger machen würde, als sie es in den eingeschobenen rhythmischen Rezitativen bereits selbst tun. "Status Yo!" gehört darüber hinaus zu den Berlin-Filmen, die die Stadt nicht länger als verheißungsvolle Kulisse hochfahrender Hauptstadt-Träume ins Bild setzen.

In Wolfgang Beckers "Das Leben ist eine Baustelle" (1997) beispielsweise taugte die Stadt noch als rauer, aber romantischer Abenteuerspielplatz, der junge Leute eine Weile vom Erwachsenwerden ablenken konnte. Und in Tom Tykwers "Lola rennt" (1998) bildete Berlin die Rennstrecke für energetische Teens und Twens, denen die Berliner Republik viele Optionen anzubieten schien.

Berlin als Bild und Beat

Osama von der Breakdance-Truppe 5 Amoks: Respekt und Liebe

Osama von der Breakdance-Truppe 5 Amoks: Respekt und Liebe

Till Hastreiter entwirft die Stadt hingegen in seinem inner city blues als schroffes Gelände, in dem "battles", wortmächtige Kämpfe mit Beats und Reimen, zum alltäglichen Ritual gehören. Als unübersichtlichen multi-ethnischen Lebensraum, der ähnlich wie die Montage dieses Films immer wieder neu zu organisieren ist.

Denn Hastreiter verfährt am Schneidetisch mit seinen Takes wie ein DJ mit seinen Beats. Ein permanentes Remix-Verfahren, das nach den ersten Screenings Zuschauerwünsche und -kritik in den Ablauf seiner Episoden eingehen ließ und dabei manche Handlungsstränge nicht selten zugunsten von HipHop-Tracks und Breakdance-Einlagen noch einmal neu positionierte. Das macht "Status Yo!" zu einer eigenwilligen Großstadtsymphonie, deren Akzente vom Filmemacher Hastreiter selbst immer wieder neu zu Disposition gestellt werden.

Hastreiter, der früher selbst scratchte und beim Breakdance "die armen Knochen geschunden" hat, versteht sich weder als Sozialarbeiter einer Szene wütender, enttäuschter und gleichzeitig unglaublich kreativer Jugendlicher noch als plaudernder Insider. Seine tiefe Solidarität mit den Jugendlichen hat nichts von den Tarnfedern oder dem assimilierenden Gepiepe, mit denen sich filmende Ornithologen bei der Beobachtung von Enten oder Zugvögeln unter ihre Studienobjekte mischen.

Laiendarstellerin Selda Kaya als Yesim: Heimliche Liebe in HipHop-Land

Laiendarstellerin Selda Kaya als Yesim: Heimliche Liebe in HipHop-Land

Sein HipHop-Dokument entstand jenseits der Jugendkultur-Ikonografie, wie sie vom kommerziellen Musikfernsehen verbreitet wird. Es erzählt von der jugendlichen Suche nach Identität und Zugehörigkeit in einer Stadt, die von ihren jungen Talenten wenig zu wissen scheint. Und das dazu in einem Medium, das die Heldengeschichten musikalischer Underdogs vom geprügelten Kind bis zum gefeierten Star zumeist ungleich aufwändiger feiert als den subtilen Glamour und die schmuddeligen Anfänge einer Horde inspirierter und kompromissloser Newcomer.


Status Yo!

Deutschland 2004. Regie und Drehbuch: Till Hastreiter. Darsteller: Yaneq, Jamie, Saession, Yesim, Sera Finale, Vern, 5 Amoks, Dany, DJ Quest, Storm, Jan Eq, Pepi, Codeak. Produktion: Discofilm, gute filme (Schweiz). Verleih: Die TelePaten . Länge: 101 Minuten. Start: 4. November 2004





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