HipHop-Musical "Idlewild" Auf dem Zeitsprung

André Benjamin und Antwan A. Patton von OutKast haben jede Menge Zeit: Mit ihrem HipHop-Kino-Musical bewegen sie sich geschickt zwischen Vergangenheit und Gegenwart, ohne sich festzulegen. Fest steht nur ihr unbedingter Wille zum Entertainment.

Von Daniel Haas


Schon wieder ein Flirt mit der Nostalgie? Erst kürzlich kokettierte Christina Aguilera mit Jazz- und Blues-Romantik. Davor verkleidete sich Robbie Williams als Crooner der Swing-Ära. Und jetzt verquirlen André Benjamin und Antwan A. Patton, besser bekannt als OutKast, sämtliche Stile afroamerikanischer Musik - von Bebop bis HipHop - zu einem Dreißiger-Jahre-Musical.



HipHop als Soundtrack für eine Geschichte der Depressionsära: Man sieht schon, wie ernst die beiden nostalgische Gefühle nehmen. Die Zeitachsen sind verdreht, die Vergangenheit klingt nach Drumcomputer so wie die Zukunft Taschenuhren, Frack und Gamaschen trägt. In der Welt von OutKast herrscht posthistorisches Durcheinander - kein Wunder, dass ein Song des Soundtracks "Chronometrophobia" - die Angst vor Uhren - heißt.

Deshalb ist auch das Idlewild, in dem dieses Gauner- und Gassenhauer-Stück spielt, ein Potemkinsches Dorf. Es liegt nicht wie das geschichtlich verbürgte Idlewild im nordamerikanischen Michigan, sondern im Süden, in Georgia. Zeit sind nicht die zehner Jahre des 20. Jahrhunderts, sondern die Dreißiger, als Depression und Prohibition das Klima bestimmten.

Das ursprüngliche Idlewild war die erste Urlaubskolonie für Schwarze, die in der Erinnerung der Bürgerrechtsbewegung später zum sozialen Utopia stilisiert wurde. OutKasts Idlewild ist ein mörderisches Kaff, in dessen Zentrum die Church steht, ein Club und Speakeasy, in dem man alles haben kann, was Spaß macht und gefährlich ist: Alkohol, Glückspiel und natürlich Tanz und Musik.

Benjamin und Patton alias Big Boi haben mit dieser Entertainment-Kirche den idealen Ort für ihr Verfahren geschaffen: Anders als viele aktuelle HipHopper setzen die beiden nicht auf ein eindeutiges Erscheinungsbild, sondern auf Differenz, Vielfalt und Widersprüche. Der Pop-Dandy Benjamin und der Rap-Rabauke Patton - aus diesen Gegenätzen haben die beiden Künstler aus Atlanta eine Karriere gezaubert, die 2003 mit dem furiosen Doppelalbum "Speakerboxxx/The Love Below" ihren vorläufigen Höhepunkt erreichte. Elf Millionen Mal verkaufte sich das Werk, das aus einer genialen Pop-Travestie und einem Rap-Geniestreich bestand.

Im Church-Club treten die beiden als Entertainer und Barpianist in Erscheinung, hier können sie ihr eklektizistisches Talent ausleben - ohne Rücksicht auf Historiografie und Dramaturgie. Zwar gibt es einen Plot - Rooster (Patton) wird von der Mafia erpresst, Percival (Benjamin) verliebt sich in eine geheimnisvolle Sängerin -, aber letztlich ist die Erzählung Nebensache. Es zählt die choreografische Raffinesse, der tänzerische Stunt, die musikalische Grandezza, mit der diese Pop-Show über die Bühne geht.

Die "New York Times" warf Regisseur Bryan Barber einen Mangel an Narration und ein Zuviel an visuellen Gimmicks vor. Eine konsistente Erzählung will "Idlewild" aber gar nicht sein - es geht um Impressionen, in denen Epochen und Stile ineinanderschießen, nicht um das Ausdifferenzieren geschichtlicher Zusammenhänge.

Noch einmal Postmoderne also, noch einmal Collage und Zitat, und das mit einer Verve, die dem Musical Beine macht wie zuletzt Rob Marshalls Showbiz-Musical "Chicago". Da spielte Zeit ebenfalls keine Rolle (auch wenn es um die "Windy City" der zwanziger Jahre ging); die Geschichte war ein Potpourri der Storys und Ideen, man musste nur einen attraktiven Ort haben, an dem man ihn in Szene setzen konnte. Und der heißt nun eben Idlewild, sein musikalisches Pendant ist HipHop. Wie keine andere Form kann Rap die Genres mischen und dabei zeitlos und zugleich höchst gegenwartsbezogen sein.

Wer braucht also historische Rekonstruktionen, wenn er die Vergangenheit als Idee des Jetzt erleben kann, als Simulation des Gestern mit den Mitteln von morgen? Wenn Rooster, umgarnt von Revue-Girls und angefeuert von Bläsertruppe und stampfendem Piano, seine Raps zum Besten gibt, dann wird HipHop mit den Mitteln des Kinos tatsächlich wieder jener popkulturelle Dialog, für den ihn seine Verfechter immer gehalten haben.



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