Drama "Die Königin und der Leibarzt": Gefährliche Doktorspiele

Von Daniel Sander

Im Historienfilm "Die Königin und der Leibarzt" treibt es eine Königsgattin in Dänemark mit dem Arzt ihres Mannes, gleichzeitig treibt sie den Geist der Aufklärung voran. Hauptattraktion ist aber eine Nebenfigur: der fröhlich psychopathische König Christian VII.

Da dachte Prinzessin Caroline Mathilde von Großbritannien, sie hätte den ganz großen Fang gemacht. Zwar kannte sie den Mann noch nicht, den sie im November 1766 heiraten sollte, aber immerhin war er König von Dänemark, mit 17 Jahren nur zwei Jahre älter als sie, und als ihr Cousin gehörte er ja sowieso schon zur Familie. Dazu hieß es, er sei kunstinteressiert, intelligent und geistreich. So sah sich Caroline selbst auch. Und brach nach Kopenhagen auf, eine Zukunft aus Reichtum, Macht und Glück im Sinn. Vielleicht sogar Liebe. Perfekt.

Tja, das hat dann nicht so gut geklappt. König Christian VII. erweist sich schon am ersten Tag als eher wenig geistreich, dafür aber als hundertprozentig geisteskrank. Wirrer Blick, ständig debil kichernd wie ein Fünfjähriger und so aufgekratzt, als wäre er auf Koks. Regieren interessiert ihn nicht, das übernimmt ein Stab von Beratern. Sex findet er super, aber bloß nicht mit der neuen Ehefrau. Die hält er für langweilig und spießig.

Bald schon nennt er sie Mutter. Der armen Caroline bleibt nur: Zähne zusammenbeißen, dem Gatten den obligatorischen Thronfolger schenken und danach die Schotten dichtmachen und auf bessere Zeiten hoffen. Vielleicht springt der Typ ja irgendwann aus dem Fenster. Zuzutrauen wäre es ihm.

Unaufhaltsamer Psychopathen-Tornado

Nein, es ist kein freundliches Bild, das der Regisseur Nikolaj Arcel in "Die Königin und der Leibarzt" vom damaligen dänischen Herrscher zeichnet. Die psychischen Probleme von Christian VII. gelten als historisch verbürgt, doch in Gestalt des Schauspielers Mikkel Boe Folsgaard ist der Mann weniger ein armer Irrer als ein Psychopathen-Tornado, der auf seinem Weg durch den Palast alles niedermäht, was sich ihm in einer Resthoffnung auf Sinn und Verstand in den Weg stellt. Und er meint es ja gar nicht böse. Er ist nur ein fröhlicher Wahnsinniger, der nicht verstehen kann, warum alle um ihn herum so sterbensöde sein müssen.

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Drama "Die Königin und der Leibarzt": Gefährliche Doktorspiele
Und damit hat er eigentlich auch recht, denn hier liegt das kleine Problem von "Die Königin und der Leibarzt": Es macht viel Spaß, Christian VII. dabei zu beobachten, wie er sonnigen Gemüts den ganzen Tag Unfug anstellt - aber er ist nur eine einsam unterhaltsame Nebenfigur, umzingelt von deutlich langweiligeren Gestalten, denen der Film viel mehr Raum gibt. Vor allem natürlich den beiden Titelhelden, der blassen Caroline (Alicia Vikandar) und dem anständigen persönlichen Königsdoktor Johann Struensee (Mads Mikkelsen). Weil der Arzt aus Deutschland der einzige ist, der den König einigermaßen ernst nimmt, genießt er bald dessen vollstes Vertrauen und kann Christian VII. ein paar Reformideen im Geiste der Aufklärung unterjubeln. Und weil so viel Progressivität besonders bei der frustrierten Königin gut ankommt, landet Struensee mit ihr auch bald im Bett. Geht natürlich nicht so gut zusammen.

Es folgen Intrigen (die konservativen Königsberater und Christians böse Stiefmutter fürchten angesichts Struensees wachsender Macht um ihre eigene), Liebesschwüre und Verrat. Alles, was man von einem typischen Historienschinken eben so erwartet. Als solcher funktioniert "Die Königin und der Leibarzt" auch ganz prächtig: kurzweilig erzählt, schöne Kostüme und immer ein Skandälchen auf Lager. Ein solides Stück Kino, das aber genauso gut als Fernsehfilm durchgehen könnte, ohne große Überraschungen oder filmische Ideen. Nur wenn König Christian über die Leinwand tobt, entwickelt der Film ein Feuer, das ihm sonst auch gut getan hätte.

Mikkel Boe Folsgaard bekam für seine Darstellung des Königs auf der diesjährigen Berlinale den Silbernen Schauspieler-Bären, was ungewöhnlich ist für eine Nebenrolle, aber in diesem Fall aber auch gerecht, denn einen so sympathischen und glaubhaften Schizophrenen gab es selten im Kino zu sehen. Dass es dazu auch noch einen Bären fürs beste Drehbuch gab, zeugt allerdings auch von einer gewissen Schizophrenie der Jury.


Die Königin und der Leibarzt. Start: 19.4. Regie. Nikolaj Arcel. Mit Mads Mikkelsen, Alicia Vikandar, Mikkel Boe Folsgaard.

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insgesamt 5 Beiträge
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1. nette Kritik, ABER
frauhuhn 19.04.2012
...manchmal wünschte ich mir eine bedachtere und nicht ganz so inflationäre, teilweise schlicht unpassende, Verwendung von dem Begriff Schizophrenie. Mitunter ließe er sich besser schlicht durch Ambivalenz ersetzen.
2.
Bernhardsson 19.04.2012
Zitat von sysopIm Historienfilm "Die Königin und der Leibarzt" treibt es eine Königsgattin in Dänemark mit dem Arzt ihres Mannes, gleichzeitig treibt sie den Geist der Aufklärung voran. Hauptattraktion ist aber eine Nebenfigur: der fröhlich psychopathische König Christian VII. Drama "Die Königin und der Leibarzt": Gefährliche Doktorspiele - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,828341,00.html)
Vielleicht als Hintergrund zum oberflächlichen Artikel: 1768 wird der deutsche Arzt Johann Friedrich Struensee als Leibarzt des 19-jährigen Königs von Dänemark und Norwegen angestellt. Christian VII. überlässt seinem Leibarzt nicht nur die faktische Macht sondern auch Königin Caroline Mathilde, mit der Bitte sich ihrer anzunehmen.Mit 633 Dekreten verwirklicht Struensee die fortschrittlichen Ideen der Aufklärung – bis ihn der Emporkömmling Ove Høegh-Guldberg 1772 verhaften und zum Tode verurteilen läßt und selbst die Macht an sich reißt. Bedeutend an der Person Struensees war die spätere Wirkung der Ideen der Aufklärung auf die heutige skandinavische Gesellschaft. Das Buch des schwedischen Autors Per Olov Enqist ist hochinteressant und lesenswert!
3.
jugo311 19.04.2012
Enqist und der Film waren nicht die Ersten. Es gibt einen alten Film aus den 50ern, mit O.W. Fischer, sehr empfehelnswert.
4. tststs
Werner Mueller 19.04.2012
Hallo Herr Sander! Es macht Sinn, nur Begriffe zu verwenden, die man auch versteht. Sie verwechseln hier "psychopathisch" mit "psychotisch".
5.
leif_e. 30.04.2012
Offenbar liegt hier noch eine weitere Verwechslung vor. Nämlich die, in der der Autor dieses Berichtes sich mit einem ernstzunehmenden Kritiker verwechselt!
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