Biopic "Hitchcock": Der Mann, der zu viel fraß

Von David Kleingers

20th Century Fox

Was für ein Desaster! Das Biopic "Hitchcock" will vom Dreh des Thrillers "Psycho" erzählen - und von der Blondinen-Obsession seines berühmten Schöpfers. Stattdessen sehen wir Anthony Hopkins als Hitch-Handpuppe, die nachts den Kühlschrank plündert. Das hat der Meisterregisseur nicht verdient.

"Wenn das Kino von heute auf morgen wieder ohne Tonspur auskommen müsste und wieder zu einer stummen Kunst werden würde, wäre ein Gutteil Regisseure zur Arbeitslosigkeit verurteilt, unter den Überlebenden aber wäre Alfred Hitchcock, und alle Welt würde endlich begreifen, dass er der beste Regisseur der Welt ist."

So François Truffaut am 2. Juni 1962 in einem Brief an eben diesen Hitchcock, den er mit dem Schreiben für ein Buchprojekt erwärmen wollte. Das auf einem 50-stündigen Interview basierende Werk "Le Cinéma selon Hitchcock" erschien dann einige Jahre später, in Deutschland wurde es unter dem schmissigen Titel "Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?" populär.

Natürlich wollte Truffaut dem Adressaten besonders schmeicheln, aber seine Bewunderung war aufrichtig und reflektierte die Bedeutung, die Hitchcocks visuelle Virtuosität für die experimenthungrigen Autorenfilmer der Nouvelle Vague hatte. Wie kein anderer Filmemacher vor ihm machte Hitchcock das Kino zu einer angst- wie lustvollen Schule des Sehens. Und nicht wenige seiner besten Filme machten den schuldigen Blick des voyeuristischen Betrachters selbst zum Thema. Dies alles sollte man sich vergegenwärtigen, denn nur dann wird das ganze, klägliche Ausmaß des Versagens von Sacha Gervasis bräsigem Biopic "Hitchcock" deutlich.

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Biopic "Hitchcock": Bonmots auf Knopfdruck
Gervasi will nicht weniger als drei Geschichten erzählen: Warum sich Alfred Hitchcock nach seinem erneuten Comeback mit der Agentenposse "Der unsichtbare Dritte" (1959) gegen etliche Widerstände ausgerechnet für das Wagnis "Psycho" entschied, welche Gestalt seine oft kolportierte Obsession für zumeist blonde Hauptdarstellerinnen hatte, und wieso seine Beziehung mit Ehefrau Alma Reville so wichtig war. Da hier ohnehin kein Suspense zu finden ist, sei vorweggenommen: Keine einzige der spekulativen Fragen wird nur annähernd befriedigend, geschweige denn unterhaltsam beantwortet.

Die Hitch-Handpuppe

Stattdessen bekommt das Publikum eine Lektion in Wald- und Wiesenpsychologie, die schon in den Fünfzigern als altbacken abgetan worden wäre. Sowie ein Bild von Hollywood, das dermaßen klischiert daherkommt, als hätte sich eine Rosamunde-Pilcher-Produktion auf dem Weg nach Cornwall verflogen. Und buchstäblich bildfüllend Anthony Hopkins in der Rolle des korpulenten Regiestars und PR-geschulten Selbstinszenators Hitchcock. Nur ist Hopkins hier nicht mehr als ein latexummantelter Sprechkörper, eine Hitch-Handpuppe, die mechanisch Bonmots artikuliert.

Weitaus lebendiger, aber leider nicht glücklicher wirkt da Helen Mirren als Alma Reville, die sich im imposanten Schatten des Gatten um dessen Gesundheit und Geschäftsgebaren sorgt. Dabei böten das erhebliche finanzielle Risiko, das die Hitchcocks als Produzenten von "Psycho" eingingen, sowie die Skepsis seitens der Studios angesichts des wenig kommerzträchtigen, aber umso riskanteren Plots um das mordende Muttersöhnchen Norman Bates tatsächlich Stoff für eine spannende Fiktion über die Entstehung des prototypischen Thrillers.

Doch statt sich wirklich hinter die Kulissen zu wagen, und vielleicht sogar mal zu zeigen, wie Illusionsbildung funktioniert, mäandert der Film lieber zwischen einem halbgaren Flirt zwischen Alma und Drehbuchautor Whitfield Cook (Danny Huston) und vermeintlich entlarvenden, aber im Grunde entsetzlich biederen Szenen aus dem Hitchcock-Haushalt, die sich um den Umstand drehen, dass der übergewichtige Filmemacher keine Diät einhält und nachts den Kühlschrank plündert.

Psychologie wird zur Geisterbahnfahrt

Zum Dicken- gesellt sich der gespielte Blondinenwitz, immerhin haben sich ja auch Scarlett Johannsson (als Janet Leigh) und Jessica Biel (als Vera Miles) in diesen Kostümschwank verirrt. Es entbehrt nicht einer bitteren Ironie, dass beide Rollen nur rein ornamentalen Charakter haben: Bei Hitchcock brachte die umstrittene Objektifizierung der Frau immerhin eine wichtige film- und geschlechttheoretische Debatte in Gang. "Hitchcock" hingegen fehlt jegliches selbstreflexive Moment.

Nebenbei, eine lohnende Auseinandersetzung mit dem zwiespältigen Frauenbild Hitchcocks bot jüngst die britische TV-Produktion "The Girl" (2012), in der die konfliktreiche Beziehung zwischen Hitchcock (beeindruckend verkörpert von Toby Jones) und Tippi Hedren (Sienna Miller) im Mittelpunkt steht.

Am eklatantesten aber zeigt sich die Hilf- und Gedankenlosigkeit von Gervasis Film in einigen unfreiwillig komischen Traumsequenzen, in denen Hitchcock dem Serienkiller Ed Gein (Michael Wincott) - berüchtigtes Vorbild der Figur Norman Bates - begegnet. Da wird Psychologie zur Geisterbahnfahrt - so stellen sich Menschen ohne Ideen wohl Kreativität vor.

Nun könnte man über all das lachen, wäre die Pointe nicht so traurig. Indem er in seiner Stumpfheit alles verneint, wofür die formale Radikalität seines Protagonisten stand, bringt "Hitchcock" die schlimmste Ausprägung von Opas Kino auf die Leinwand zurück. François Truffaut und sein Brieffreund hätten Besseres verdient.

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insgesamt 39 Beiträge
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1. Grauenhafter Bockmist
joschitura 11.03.2013
All diese Biopics haben einen gravierenden Fehler: die Darsteller werden "auf ähnlich" geschminkt, aber sie zeigen nicht die Quintessenz eines Menschen, die Ähnlichkeit bleibt äußerlich. Egal ob die Monroe, die Dietrich (in diesem unterirdischen Film von Vilsmaier), die Knef, Kennedy oder wer immer: von allen haben wir doch noch ganz deutliche Bilder vor Augen, die mit diesem Impersonatir auf der Leinwand einfach nicht übereinstimmen. Wie Nero aussah, kann uns wurscht sein, es gibt keine Filmbilder von ihm. Aber zwischen Anthony Hopkins (ansonsten ja ein guter Schauspieler) und Hitchcock ist nicht einmal im englischsprachigen Original auch nur die geringste Ähnlichkeit festzustellen, in der deutschen Synchro sowieso nicht. Solche Biopics sind allenfalls für vierzehnjährige erträglich, die das Original noch nie gesehen haben. Wenn dieser unglaublich schlechte Hitchcock-Film dazu führt, dass ein paar junge Leute sich mal seine Filme anschauen, dann ist er wenigstens nicht ganz für die Tonne.
2. Einspruch!
Tom Joad 11.03.2013
Zitat von joschituraAll diese Biopics haben einen gravierenden Fehler: die Darsteller werden "auf ähnlich" geschminkt, aber sie zeigen nicht die Quintessenz eines Menschen, die Ähnlichkeit bleibt äußerlich. Egal ob die Monroe, die Dietrich (in diesem unterirdischen Film von Vilsmaier), die Knef, Kennedy oder wer immer: von allen haben wir doch noch ganz deutliche Bilder vor Augen, die mit diesem Impersonatir auf der Leinwand einfach nicht übereinstimmen. Wie Nero aussah, kann uns wurscht sein, es gibt keine Filmbilder von ihm. Aber zwischen Anthony Hopkins (ansonsten ja ein guter Schauspieler) und Hitchcock ist nicht einmal im englischsprachigen Original auch nur die geringste Ähnlichkeit festzustellen, in der deutschen Synchro sowieso nicht. Solche Biopics sind allenfalls für vierzehnjährige erträglich, die das Original noch nie gesehen haben. Wenn dieser unglaublich schlechte Hitchcock-Film dazu führt, dass ein paar junge Leute sich mal seine Filme anschauen, dann ist er wenigstens nicht ganz für die Tonne.
Es gibt gute Gegenbeispiele: Anthony Hopkins als Richard Nixon Marion Cotillard als Édith Piaf
3. Einspruch gegen den Einspruch!
joschitura 11.03.2013
Nein - auch diese beiden Beispiele taugen nicht, genauso wenig wie RAY oder dieser Johnny Cash-Film, egal wer wen darstellt: wenn das Original verfügbar ist, stinken alle im direkten Vergleich ab. Eines der ganz wenigen Biopics, die wirklich gelungen sind, ist SWEET DREAMS von Karel Reisz über die Country-Sängerin Patsy Cline - aber auch der funktioniert nur, weil wir (jedenfalls die meisten von uns) in diesem Fall das Original nicht mehr vor Augen haben.
4.
ehf 11.03.2013
Anthony Hopkins ist natürlich ein exquisiter Schauspieler. Leider hat er nicht ganz die Ähnlichkeit zu Hitchcock, aber wer hätte die schon? Er kommt sicherlich durch diesen Umstand nicht ganz ran an Gary Oldman, als er Sid Vicious spielte.
5.
Tom Joad 11.03.2013
Zitat von joschituraNein - auch diese beiden Beispiele taugen nicht, genauso wenig wie RAY oder dieser Johnny Cash-Film, egal wer wen darstellt: wenn das Original verfügbar ist, stinken alle im direkten Vergleich ab. Eines der ganz wenigen Biopics, die wirklich gelungen sind, ist SWEET DREAMS von Karel Reisz über die Country-Sängerin Patsy Cline - aber auch der funktioniert nur, weil wir (jedenfalls die meisten von uns) in diesem Fall das Original nicht mehr vor Augen haben.
Bei den Ansprüchen (hundertprozentige Übereinstimmung mit dem Original) sollte man vielleicht warten, bis die Klon-Technologie fortgeschritten ist ...
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Video

Hitchcock

UK 2012

Regie: Sacha Gervasi

Buch: John J. McLaughlin nach einem Buch von Stephen Rebello

Darsteller: Anthony Hopkins, Helen Mirren, Scarlett Johansson, Danny Huston, Toni Colette, Michael Stuhlbarg

Produktion: Fox Searchlight, Cold Spring, Montecito Pictures Company

Verleih: 20th Century Fox

Länge: 98 Minuten

Start: 14. März 2013