Hitler-Komödie "Mein Führer" Der Gröfatzke

Kein guter Onkel vom Berghof, kein fanatischer Redner, kein Monster - aber auch kein Untergang mit Katzeklo-Klamauk. Vielleicht ist "Mein Führer" gerade deshalb den Deutschen so ungeheuer. Dabei ist Daniel Levy ein exzellenter Film gelungen, meint Daniel Haas.


Bei Charlie Chaplin tänzelte Hitler noch mit Weltkugel im Arm durchs Zimmer. In "Der große Diktator" war die Erde zum Spielball geworden, ein Luftballon, mit dem man jede Menge irren Spaß haben konnte. Bei Dani Levy ist der Globus eine überdimensionierte Hausapotheke: Klappt man ihn auf, kommt ein Medikamenten-Arsenal zum Vorschein, das nicht in das Büro eines Regierungschefs, sondern in die Psychiatrie gehört.

Es sind diese Formen der Bezugnahme, die "Mein Führer" zu einem exzellenten Film machen. Der "Alles auf Zucker"-Regisseur weiß, dass es keine unschuldige Art gibt, eine Farce über Adolf Hitler zu drehen. Jede Komödie steht heute in der Schuld von Chaplin oder Ernst Lubitsch ("Sein oder Nichtsein"). Ein naiver Blick ist weder auf den Nationalsozialismus noch auf die Filme über die Nazizeit möglich.

Insofern ist "Mein Führer" nicht nur ein Film über Hitler (Helge Schneider) und seinen Schauspiellehrer Adolf Grünberg (Ulrich Mühe), sondern auch über die Art, wie wir mit den Bildern des braunen Terrors umgehen. So wichtig die Dokumentationen und dokumentarisch gestützten Filme über das Naziregime sind, ihre visuelle Sprache hat sich zur Routine verfestigt. Er könne Hitler als guten Onkel auf dem Berghof oder als die Massen begeisternden Redner nicht mehr sehen, sagt Levy im Interview mit SPIEGEL ONLINE – genau dieses Unbehagen an der deutschen Filmkultur schlägt in seinem Film als tragikomisches Verfahren durch.

Eine Komödie mit schnellen Gags und scharfen Pointen ist "Mein Führer" nicht geworden. Der aggressive, die Nazis als Knallchargen demontierende Witz ist Levys Sache nicht. Sein Humor ist melancholisch, nicht agitatorisch. Wer eine Lachnummer erwartet, einen "Untergang" mit Katzeklo-Klamauk, wird enttäuscht. Stattdessen spiegelt Levy zwei deutsche Schicksale im Medium der Kunst und wagt etwas Unerhörtes: ein Psychodrama zum Fall Hitler.

Der Begriff muss im therapeutischen Sinne verstanden werden. Der Schauspielprofessor Grünberg, den Goebbels (Sylvester Groth) samt Familie aus dem Lager Sachsenhausen holen lässt, soll zwar Hitlers Rhetorik verschärfen, sein tatsächliches Mandat jedoch sieht anders aus: "Heilen Sie mich!", fleht der Diktator schon vor der ersten Sitzung. "Ich bin ein Krisenfall."

Geht es nach Goebbels, steht die psychologische Mobilmachung des Führers auf dem Plan, man schreibt das Jahr 1945, Berlin ist zerstört, das Regime am Ende, nur eine flammende Rede, so das Kalkül des Propagandaministers, kann die Deutschen wieder begeistern. Doch weil das Ich nicht der Herr im Haus ist, gerät der Unterricht zur Seelenkunde: Nicht den alten Hass gegen die Juden, sondern eine neues Verständnis der eigenen Geschichte verschafft der jüdische dem arischen Adolf.

Dani Levy hat die Thesen der Analytikerin Alice Miller zur dramaturgischen Grundlage seiner Hitler-Exegese gemacht - nicht gerade ein differenziertes Modell und als historisches Deutungsmuster äußerst fragwürdig. Hitlers Destruktivität aus dem Drama des Kindes herzuleiten: dieser Reduktionismus wäre naiv bis an die Grenze zur Obszönität, würden ihn nicht die Bilder, die Levy für sein Szenario findet, immer wieder durchkreuzen.

So sehen wir keinen Guido Knoppschen Naturalismus, keine spielbergsche Eleganz. Levys Führer ist ein Gröfatzke, dessen Maske keine Minute lang Zweifel darüber aufkommen lässt, dass sich hinter ihr nicht das Wesen Hitlers, sondern die Visage Helge Schneiders befindet. So wie Goebbels Berlin für den großen Auftritt als Pappkulisse für die Medien herrichten lässt, so ist Levys Film selbst ein potemkinsches Dorf. Nicht Hitler, sondern Helge Schneiders Demontage eines deutschen Mythos ist zu besichtigen.

Wenn es überhaupt etwas Wesentliches über den "Führer" zu erfahren gibt, dann nur in dieser Brechung. Sie behauptet, anders als die Dokufiction, nicht die Möglichkeit der Zeitgenossenschaft, nicht die Kompetenz einer Erklärung, sondern erzwingt eine peinliche Nähe zu jener Figur, die selbst in ihren krassesten Verteufelungen Respektsperson geblieben ist. Hier jedoch wird sie dekonstruiert: Hitler, ein brutaler Kindskopf, der das wirtschaftliche, kulturelle und politische Begehren einer Nation auf sich vereinigen konnte; ein perverser Einzelfall und zugleich Symptomträger seiner Zeit.

"Mein Führer" erzählt also gerade nicht, wie der Untertitel ankündigt, die "wahrste Wahrheit über Adolf Hitler". Er ist die furiose Lüge über die Möglichkeit der Heilung eines Tyrannen und seiner Mitläufer, ein politisches Märchen über den Mut des Einzelnen, Prinzipien der Humanität über Personen und ihre Verbrechen zu stellen. Denn Adolf Grünbaum kann Hitler nicht ermorden, obwohl seine Frau (Adriana Altaras) und seine Kinder darauf drängen. Am Ende hält er sogar selbst die Rede. In der Tribüne versteckt, spricht er für den durch Krankheit sprachlos gewordenen Diktator.

Wenn Hitler immer wieder durch ein Loch im Pult auf Grünbaum herabblickt, dann ist Einsicht zu einem erschreckend konsequenten Bild geworden. Der verfolgte Jude als zweites Ich, das zur Sprache kommen will.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.