Hitler-Verehrer Rabe Rettung unterm Hakenkreuz

John Rabe war ein glühender Hitler-Verehrer - und rettete als Siemens-Statthalter 1938 Tausende Chinesen vor japanischen Massakern. Seine ungewöhnliche Geschichte wird jetzt mit Ulrich Tukur verfilmt. SPIEGEL-Redakteur Manfred Ertel war bei den Dreharbeiten dabei.


Im Nachtschatten des NS-Banners hastet ein gesetzter Herr in Frack und weißer Weste über das matschige Werksgelände, vorbei an rostigen Schiebetoren und klapprigen Kleinlastwagen mit dem Schriftzug "Siemens China Co.". Hinter ihm in heller Panik Dutzende zerlumpter Chinesen: Greise, Frauen, Kinder. Die Nachtluft summt vom drohenden Gebrumm unsichtbarer Kampfbomber über der Stadt.

"Die Fahne, holt die Fahne raus", ruft John Rabe Arbeitern zu. Gemeinsam zerren sie noch so ein gewaltiges, leuchtend rotes Tuch mit Hakenkreuz auf weißem Grund aus dem Kofferraum einer Limousine und spannen es in Kopfhöhe auf.

"Los, los jetzt, schnell", treibt Rabe die Menge an. Die Chinesen suchen unter der Flagge Zuflucht wie unter dem schützenden Dach eines Bunkers, bis die Luft rein ist. "Wir haben es geschafft", ruft Rabe. Frack und Weste sind mit Schlammspritzern übersät, auf seiner Glatze glänzt der Angstschweiß. Die Geretteten werfen jubelnd die Arme in die Luft, Schnitt.

Gespannt geht Ulrich Tukur, 50, zu den Monitoren, um sich die Szene auf dem Schirm anzusehen. Der Hamburger spielt John Rabe, die Hauptrolle in einem 15 Millionen Euro teuren Film über das Massaker von Nanjing und einen ganz und gar untypischen deutschen Helden.

Rabe war Statthalter von Siemens in Nanjing, als Ende 1937 japanische Truppen das chinesische Festland überfielen und Hunderttausende Menschen grausam niedermetzelten. Allein in der ehemaligen Kaiserstadt, damals Hauptstadt von Staatschef Chiang Kai-shek, wurden mindestens 100.000 chinesische Zivilisten getötet, nach chinesischen Berechnungen sogar über 300.000. Zigtausende Frauen und Kinder wurden von den Invasoren bestialisch gequält, verstümmelt, vergewaltigt, gepfählt.

Ikone der Vernichtung als Symbol der Zuflucht

John Rabe flüchtete nicht wie fast alle westlichen Diplomaten und Geschäftsleute vor den anrückenden Japanern und den ihnen vorauseilenden Horrormeldungen. Der deutsche Nazi, Mitglied der NSDAP (Karteinummer 3401106), amtierender Ortsgruppenführer und glühende Hitler-Verehrer, blieb - und wurde zum Heroen.

Zusammen mit drei Handvoll Westlern, Missionaren, Medizinern, mutigen Privatleuten, gründete Rabe in Nanjing eine Internationale Sicherheitszone für rund 250.000 Einwohner, und rettete den meisten von ihnen als Amtschef – im Namen des Nationalsozialismus – das Leben. Die verehren ihn seitdem als "lebenden Buddha". Die "New York Times" rühmt ihn als "Oskar Schindler von Nanking" und als "Nazi, der Leben rettete".

Nun will ihm Jung-Regisseur Florian Gallenberger, 36, ein Denkmal setzen und die in Deutschland weitgehend unerzählte Geschichte, die auch deutsche Geschichte ist, zu einem abendfüllenden Kinofilm machen. Und die Szene mit der Nazi-Flagge ist darin eine ganz besondere, vielleicht die Schlüsselszene überhaupt.

Vier Anläufe brauchen die Filmleute, bis sie im Kasten ist. Mal wird das Fahnentuch falsch herum gehalten, die Unterseite des Hakenkreuzes nach oben, mal sind die chinesischen Komparsen nicht richtig bei der Sache. Es ist spät geworden. "Bring sie mal ein bisschen hoch, damit die nicht einschlafen", kommandiert Gallenberger genervt seinen Aufnahmeleiter. Danach sind sie dann wieder zu euphorisch: "Da ist ja wie bei Fußballfans", stöhnt der Regisseur, alles zurück auf Position eins, noch mal von vorn.

Es ist dieses Bild mit der Hakenkreuz-Fahne, das das Historiendrama für die Filmemacher so einzigartig macht oder zumindest so außergewöhnlich. Dass "die Ikone der Vernichtung auch Symbol für Zuflucht gewesen ist", bewegt und fasziniert Gallenberger gleichermaßen. Und macht das ganze für ihn nicht einfacher. Denn die Frage, ob Rabe nun ein guter Nazi war oder nicht, ist für ihn eigentlich "unbeantwortbar".

Versteckt im Dienerklosett

Und es ist dieses Paradox, das die Antwort und damit auch den Film so schwer macht: dass ein "glühender Hitler-Bewunderer" (Gallenberger), jemand, der so "unheimlich deutsch" war, wenn es um Ehre, Pflicht und Disziplin ging, "in einer bestimmten Situation menschlich das Richtige tut": Sich exponiert, Verantwortung übernimmt, Gefühle walten lässt, einfach so.

Bis zu 650 Menschen gab Rabe persönlich Zuflucht. "Frauen und Kinder bitten flehentlich um Einlass", notierte Rabe in seinen Tagebüchern: "Da ich das Jammern nicht mehr mit anhören kann, lasse ich alle herein". Sie campierten auf gerade mal 500 Quadratmetern, in seinem Haus, im Garten, im "Kohlenloch" oder – "acht Frauen und Kinder" – im "Dienerklosett". Immer wieder stellte sich Rabe plündernden Soldaten und marodierenden Truppen auf der Suche nach Frauen und Mädchen entgegen.

Rabe war nicht zum Helden geboren. Er war kein intellektueller Weltverbesserer, vermutlich nicht mal ein besonders ausgeprägter Idealist. "Ich kann nicht anders", hält er in seinen Aufzeichnungen fest, "wer einmal, an jeder Hand ein zitterndes Chinesenkind, stundenlang bei einem Luftangriff im Unterstand gesessen hat, wird das nachfühlen können".

Aber der Sohn eines Hamburger Kapitäns war "kein ungebrochener Held", sagt Tukur, vielleicht sogar nur "einer wider Willen". Die Geschichte habe ihm eine Rolle zugespielt und er habe sich im richtigen Moment für die richtige Sache entschieden.

Es gibt aber auch den anderen Rabe: herrisch, arrogant und eitel, ein Macho, der seine Frau nur "Mutti" nennt, noch dazu ausgestattetet mit einem ganz eigenen, bösen Humor. Und er ist, natürlich, Nationalsozialist. Rabe schwärmt von Hitler: "Ein einfacher, schlichter Mensch wie Du und ich". Und nennt die Nazis "Soldaten der Arbeit".

"Ich kann nicht sagen, dass ich den Rabe irre gern mag", sagt Regisseur Gallenberger. Seine Filmbotschaft soll deshalb mehr sein, als die triviale Aussage, dass es gute Nazis gab. Auch Tukur will Rabe unbedingt mit all seinen Schattenseiten zeigen, zum Beispiel "wie unangenehm er ist, wenn er den deutschen Herrenmenschen raushängen lässt".



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