Hofer Filmtage Düster, aber eindrucksvoll

Einmal im Jahr fällt das junge deutsche Kino in die fränkische Kleinstadt ein: Bei den Hofer Filmtagen waren erstaunlich reife Spielfilmdebütanten zu sehen, und die ersten Regisseure wagten sich an die Flüchtlingskrise heran.

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Man mag versucht sein, Hof zu belächeln, diesen doch arg beschaulichen Austragungsort alljährlicher Filmtage. Böse Zungen behaupten gar, sie seien das einzige wirkliche Highlight der oberfränkischen Stadt.

Am frühen Samstagnachmittag ist in der zentralen Fußgängerzone allerdings wenig davon zu spüren, dass hier gerade eines der wichtigsten Festivals des jungen deutschen Kinos tagt: In kaum einem Schaufenster findet sich Werbung fürs Filmfest, der Leierkastenmann spielt seine üblichen Melodien, von irgendwo zieht der Duft gebrannter Mandeln herüber. Auch der fest zum Stadtbild gehörende mobile Würstchenmann verkauft unbeeindruckt seine "Wärschtla".

Doch dieses verschlafene Szenario hat etwas zutiefst Heilsames, wenn es auf der Leinwand umso erdrückender zugeht. Und das tat es in diesem Jahr in Hof, in vielerlei Hinsicht. Es waren Süchte und Zwänge, die gleich mehrere junge Filmemacher umtrieben, allen voran drei Autorenfilmer mit ihren erstaunlich reifen, aber eben auch reichlich düsteren Erstlingswerken.

"Nicht wieder so ein Berlin-Film": Spielsucht gibt es überall

Mia Maariel Meyer widmet "Treppe aufwärts" einer Form der Abhängigkeit, zu der sie zuvor fünf Jahre lang recherchierte: der Spielsucht. Drei Männer aus drei Generationen stehen im Mittelpunkt, Adam (Hanno Koffler), dessen dementer Vater Woyzeck sowie der halbwüchsige Sohn.

Alle haben sie auf ihre Art mit dem Glücksspiel zu tun. Der Großvater häufte einst Schulden an, die der Sohn nun begleichen muss und dafür die Codes von Spielautomaten knackt. Der Jüngste wiederum treibt Geld von Zockern ein, irgendwann kommt er seinem Vater auf die Schliche.

Regisseurin Meyer, die ihr Budget komplett in Eigeninitiative per Crowdfunding einsammelte, ist ein wohltuend unaufgeregtes Werk zwischen Familiendrama und Milieustudie gelungen, das mehr zufällig als demonstrativ in der Hauptstadt spielt. Sie habe "nicht wieder so einen Berlin-Film" machen wollen, erklärt Mia Maariel Meyer, Spielsucht sei schließlich ein bundesweites Problem.

Wiener Beklemmung: Constantin Hatz' preisgekrönte Quälerei

In einer Wiener Vorstadtsiedlung siedelt Constantin Hatz sein Geschehen an, wobei uns sein Film nur selten aus der Enge einer Zweizimmerwohnung entlässt. Hatz, Jahrgang 1989, erhielt für sein beklemmendes Langfilmdebüt "Fuge" den mit 10.000 Euro dotierten "Förderpreis Neues Deutsches Kino".

Dass sich der gebürtige Österreicher vor seinem Studium an der Ludwigsburger Filmakademie zum Fotografen ausbilden ließ, ist seinem Erstling in jedem Moment anzusehen: Es dominieren statische Einstellungen, sorgsam komponierte Bilder. Sie spiegeln das pedantisch geordnete Leben der namenlosen Protagonistin, ihre manische Sucht nach Kontrolle und der Vermeidung von Fehlern. Die Wohnungstür schließt die junge Frau zu und wieder auf, wenn sie nach Hause kommt, zu und wieder auf.

Hatz erspart dem Zuschauer die Ausprägungen der Zwangsstörungen nicht, in quälender Redundanz müssen wir dem neurotischen Treiben zuschauen und beispielsweise lauschen, wenn die von der herrischen Mutter drangsalierte Klavierstudentin (Jelinek lässt grüßen) sich selbst leise die Zutaten ihrer Lebensmittel vorliest, dann abbricht, neu ansetzt. Als "abgrundtief ehrlich" lobte die Jury den Film in ihrer Begründung.

Leipziger Kraftakt: Peter Kurth brilliert als Ex-Boxer

Kontrolle über den eigenen Körper ist auch das Thema des Boxerdramas "Herbert", wenn auch auf ganz andere Weise. Peter Kurth bot dabei die eindrücklichste Schauspielleistung des Festivals, nach der Premiere des Films gab es minutenlangen Applaus für ihn.

Größtes Kapital seiner Figur, eines ehemaligen Boxers, der sich inzwischen mit Jobs als Türsteher und Geldeintreiber über Wasser hält, waren lebenslang die eigenen Muskeln. Doch als bei ihm die Nervenkrankheit ALS diagnostiziert wird und sein unaufhaltsamer körperlicher Verfall einsetzt, muss sich Herbert Stamm, der einstige "Stolz von Leipzig" erstmals auf andere Weise als mit Schlägen den Respekt anderer verdienen.

Regisseur Thomas Stuber gewann vor einigen Jahren mit einem Kurzfilm den Studentenoscar, damals beruhte der Plot auf einer Geschichte von Clemens Meyer. Gemeinsam mit dem Leipziger Schriftsteller verfasste Stuber nun auch das Drehbuch zu seinem ersten langen Spielfilm, erbarmungslos bis zum Schluss begleitet es seinen brüchigen Helden. Im März wird "Herbert" in die deutschen Kinos kommen, Peter Kurth dürfte als Aspirant auf einen Deutschen Filmpreis gelten.

Clash der Kulturen: Ein Bayer lernt Schwäbisch!

Und sonst? Herrschte Sprachverwirrung in manchem Film, mitunter sogar im Kino selbst: In "Trash Detective", einer lustvoll wahnwitzigen Krimikomödie mit Anleihen an "Twin Peaks" und Wolf Haas' Brenner-Romane, wird ausschließlich Schwäbisch gesprochen - in Hof flüsterte deshalb vor Beginn des Films gar einer seine Hoffnung auf fränkische Untertitel ins Dunkel des Kinosaals. Vergeblich. Dass die fremde Mundart kein Hexenwerk ist, bewies derweil Hauptdarsteller Rudolf Waldemar Brem: Als gebürtiger Münchner lernte er eigens für seine Rolle das schwäbische Idiom. Welch ein Einsatz!

Apropos Clash der Kulturen: Während die deutsch-türkische Co-Produktion "8 Sekunden" über eine bemüht unangepasste Deutschtürkin mit erschreckend realen Träumen nicht viel mehr als banale Sinnsprüche klopft ("Liebe ist Leben") und zum Schluss vollends in bizarre Esoterik ausartet, konnten andere Filme den Themen "Fremdheit" und "Heimat" Interessanteres abgewinnen.

Mit welchen Erwartungen junge Griechen nach Deutschland kommen, zeigte dabei ein Kurzfilm ("Brot und Oliven") auf amüsante und der Eröffnungsfilm "Ein Atem" auf erzählerisch reizvolle Weise. Der Film macht deutlich, wie unterschiedlich die Interpretation derselben Geschichte ausfallen kann, indem er nacheinander die Perspektiven zweier Frauen einnimmt: die der jungen Elena und die von Tessa, einer deutschen Mutter, bei der die Griechin babysittet.

Das Kurzfilm-Dilemma: Nicht mehr als ein Bewerbungsvideo?

Beachtlich sind etliche der Kurzfilme, die in Hof zumeist den Spielfilmen vorangestellt werden - und gerne auch mal die Spieldauer von mittellangen Filmen erreichen. Da wird ästhetisch und narrativ experimentiert, dass es eine wahre Freude ist. Etwa in Clemens Pichlers "Diorama", einer im besten Sinne wilden, assoziativen Reise entlang der einzelnen Etappen einer Beziehung.

Das Dilemma des Genres Kurzfilm wird deutlich, wenn der Regisseur Pichler von der Entstehung seines Filmes erzählt. "Salzwüste" lautete ursprünglich der Arbeitstitel, gedreht werden sollte in Bolivien. Aus Kostengründen verabschiedete man sich allerdings schnell von diesem Plan, aus der Salzwüste wurde letztlich eine Kiesgrube in Ottobrunn bei München.

Geschadet hat es dem Film nicht, doch es zeigt noch einmal, dass der Kurzfilm im Grunde nicht mehr sein kann als ein finanziell defizitäres Bewerbungsvideo für höhere Aufgaben. Wer Fördergelder für einen Langfilm einsammelt oder ihn per Crowdfunding finanziert wie Mia Maariel Meyer, darf zumindest auf einen Verleih hoffen und damit auf den anschließenden Kinostart.

Kurzfilmmachern bleibt nur die Hoffnung auf Festivals wie Hof und auf die Fernsehausstrahlung zu nachtschlafender Zeit. So wird etwa das Bayerische Fernsehen Igor Plischkes von Kafkas berühmter Erzählung inspirierten und im Start-up-Milieu spielenden Film "Die Verwandlung" im Rahmen einer Kurzfilmreihe zum Thema "Paranoia" senden, unter der Woche um 23.15 Uhr. Für Paranoia ist es aber vermutlich nie zu spät.

Vorgeschmack auf Kommendes: Flüchtlinge im Film

Indes darf man gespannt sein, wie in den kommenden Jahren die Flüchtlingskrise ihren Niederschlag im deutschen Kino finden wird. In Hof liefen schon jetzt zwei bemerkenswerte Filme zum Thema.

In seinem Dokumentarfilm "Last Refuge" lässt Adnan G. Köse sowohl Flüchtlinge aus Somalia und Syrien zu Wort kommen und über ihre Flucht und die neue Heimat sprechen als auch Angestellte eines Übergangswohnheims im Ruhrgebiet über ihre alltägliche Arbeit berichten. Selbst wenn Köse im Rahmen des Festivals betonte, manches sei durch die nun zugespitzte Lage bereits überholt, so sind die ausführlichen Schilderungen seiner Protagonisten dennoch erhellend.

"After Spring Comes Fall", das verblüffend stilsichere Spielfilmdebüt von Daniel Carsenty, lenkt den Blick derweil auf einen ganz neuen, durchaus beängstigenden Aspekt: Frisch aus Syrien nach Berlin geflohen, gerät eine junge Kurdin ungewollt zwischen die Fronten aus Regimetreuen und Oppositionellen, die selbst im fernen Deutschland ihren Kampf ausfechten. Wenn ein Regisseur, der bislang zumeist dokumentarisch gearbeitet hat, einen solchen Film vorlegt, sollte man davon ausgehen, dass auch hier nicht alles fiktiv ist, was über die Leinwand flimmert.

Allein: Solch eine dezidiert politische Dimension bleibt die Ausnahme in Hof. Die Absolventen der Hochschulen suchen ihre Stoffe eher in Einzelschicksalen, ihre Geschichten bei getriebenen, gehemmten oder gar besessenen Figuren von nebenan. Im kommenden Jubiläumsjahr feiern die Filmtage ihre 50. Auflage, angesichts der neuen gesellschaftlichen Herausforderungen zwischen Willkommenskultur und Pegida könnte und dürfte es dann durchaus auch wieder um grundsätzlichere Fragen gehen.

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