Hofer Filmtage Drei Kreuze für eine Portion Männerhass

Wild, unbändig, umstürzlerisch, so sollte es aussehen, das Programm der 45. Filmtage in Hof. Ein brisanter Thriller von Dominik Graf erfüllte die Erwartungen. Trotzdem: Dem traditionsreichen Festival fehlt es an Saft und Kraft - so wie vielen deutschen Filmen.

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Thimfilm

Auf das Wilde, Unbändige, Umstürzlerische hatten sie es in diesem Jahr abgesehen bei den Hofer Filmtagen, da sollte sich kein Besucher täuschen lassen durch die milde Herbstsonne, die auf buntgefärbte Bäume und auf die Caféhaustische vor dem Festivalkino herabschien. In der fränkischen Idylle hatte sich Deutschlands dienstältester Festspielleiter Heinz Badewitz, 70, im 45. Betriebsjahr diesmal dem Aufruhr geweiht.

Das merkte man schon daran, dass diesmal Peter Kern den Hofer Filmpreis erhielt. Der Schauspieler und Regisseur Kern ist ein Monster, ein Wrack und ein sehr wienerisches Genie. Er hat in Filmen von Rainer Werner Fassbinder, von Christoph Schlingensief und im deutschen Kinderfernsehen ("Das feuerrote Spielmobil") mitgespielt; er dreht seit fast 30 Jahren selber Filme, in denen es oft seltsam rumpelt und zotet und kracht ("Haider lebt"); er bewegt seinen sehr dicken Leib wegen einer Hüftoperation nur ächzend voran. Und jetzt, wo er nach vielen berühmten Filmleuten wie beispielsweise Wim Wenders, Tom Tykwer oder Caroline Link den zwar nicht mit Geld, aber mit einiger Ehre behafteten Filmpreis der Stadt Hof erhielt, redete Kern, der ein Künstlerleben lang für die Freiheit der Schwulen und die Freiheit der Kunst gekämpft hat, in seiner Dankesrede davon, es sei "Zeit, sich umzuschauen, wer heuer die Feinde sind".

Konfrontation und grimmige, gegen Schweigegebote anstürmende Kunst, das ist es, was sich viele Besucher erhoffen, wenn in Hof, beim Festival des sogenannten Independentkinos, seit dem Filmtage-Gründungsjahr 1967 viele internationale, vor allem aber junge und ältere deutschsprachige Regisseure ihre neuen Werke präsentieren. Weil aber deutsche Filme seit Jahren fast stets von Fernsehanstalten coproduziert werden, kommt meistens doch nur brave Konsensware auf die Hofer Leinwände. Am Wochenende aber wurde diesmal ein Film präsentiert, um den es schon vorab viel Aufruhr gab und der mit seinem Thema und dem Zuschauer wirklich unerbittlich ist: Dominik Grafs "Das unsichtbare Mädchen".

Warum schlagen sich Männer und Frauen die Knochen blau?

Bei Dominik Graf sitzt der Feind im Apparat von Polizei und Politik. Zu Beginn seines Films schwebt die Kamera über die Hügel des oberfränkischen Grenzlands nah an der tschechischen Grenze, und tatsächlich hat Graf "Das unsichtbare Mädchen" größtenteils in der Stadt Hof und deren näherer Umgebung gedreht. Ein junger Polizist, den der Schauspieler Ronald Zehrfeld mit großem Action-Körpereinsatz spielt, kommt darin einer Verschwörung auf die Spur. Er kriegt heraus, dass ein Mädchen, das als Achtjährige angeblich ermordet wurde, in Wahrheit in einem Bordell in Tschechien festgehalten wird, während ein unschuldiger, geistig behinderter junger Mann für die Tat verurteilt wurde - nach offenkundigen Manipulationen eines korrupten deutschen Polizeibeamten und eines kinderschänderischen Staatsministers.

Der Fall, den Dominik Graf und seine Drehbuchautoren Ina Jung und Friedrich Ani erzählen, weist viele Parallelen zum realen "Fall Peggy" auf. Die neunjährige Peggy aus dem fränkischen Lichtenberg verschwand 2001, und obwohl man die Leiche nie fand, verurteilte ein Gericht den geistig behinderten Ulvi K. für den angeblichen Mord an dem Kind, auch SPIEGEL ONLINE hat wiederholt über Zweifel an diesem Schuldspruch berichtet.

Um Grafs Film und dessen fix ausverkaufte vier Vorstellungen in Hof gab es ein hitziges Gerangel. Die ZDF/Arte-Produktion ist allerdings keinesfalls die filmische Anklageschrift, zu der manche Zeitungen sie vorab stilisierten. "Das unsichtbare Mädchen" ist ein Thriller und ein derbes Sittengemälde. Wie in Grafs Arbeiten für "Tatort", "Polizeiruf" und "Im Angesicht des Verbrechens" rätselt der Zuschauer lange Zeit über die genauen Zusammenhänge in einem Gestrüpp aus atmosphärischen Beschwörungen (unter anderem in einer Sexszene zwischen dem Polizeichef und einer Jungbeamtin in der extrem futuristischen bayerischen Hightech-Amtsstube); und wie oft bei Graf staunt man über scheinbar willkürliche Kunstgriffe: wie sich hier Männer und Frauen gegenseitig die Knochen blau und die Nasen blutig schlagen, wie eine Dorfkneipe zum Marktplatz des Hasses wird, wie sich ein schmaler Grenzstraßentunnel Richtung Tschechien als Rennstrecke in die Hölle erweist.

Plötzlich ein sadistischer Meisterregisseur

Enttäuschend, manchmal geradezu erschütternd zeigte sich in Hof 2011, wie andere und oft noch ziemlich junge Regisseure ihr Publikum in Grund und Boden texten, als hätten sie nicht das geringste Vertrauen in dessen Imaginationskraft und in dessen Fähigkeit zum eigenen Denken.

Der deutsche Regisseur Christian Schwochow zum Beispiel erzählt in "Die Unsichtbare" von den Seelennöten einer Schauspielschülerin. Ungefähr eine Stunde lang sieht man dieser deutschen Cover-Version des Hollywood-Ballerinadramas "Black Swan" neugierig zu, auch weil die Hauptdarstellerin Stine Fischer Christensen einen wirklich sonderbaren spitznasigen Reiz ausstrahlt. Dann aber nervt die Behäbigkeit, mit der Schwochow auch wirklich jede Baustelle im Leben seiner Heldin ausleuchtet, etwa ihre Beziehung zur Mutter, ihren geheimen Zorn auf die behinderte Schwester und ihre Affäre mit einem netten Nachbarn. Der Schauspieler Ulrich Noethen, der bei Dominik Graf einen sensationell leutselig-verkommenen Polizeichef spielt, ist bei Schwochow dann ein sadistischer Meister-Theaterregisseur - und die schiere Karikatur.

Warum eigentlich haben deutschsprachige Filme dauernd derart nichtssagende Titel? Grafs Film heißt "Das unsichtbare Mädchen", Schwochows Film "Die Unsichtbare", der Regisseur Didi Danquart zeigte einen Lebenskrisenfilm namens "Bittere Kirschen", es gab dieses Jahr in Hof Werke mit Titeln wie "Der letzte schöne Tag", "Am Ende des Tages" oder "Brand - eine Totengeschichte". Da ist man schon fast dankbar, wenn Klaus Lemke, über dessen nur angeblich kultige Trash-Werke ich leider schon lang nicht mehr schmunzeln kann, seine jüngste, in Hof vorgestellte Alterskraftmeierei "3 Kreuze für einen Bestseller" nennt.

Der Festivalleiter Heinz Badewitz hat nach 45 Dienstjahren in Hof bislang keinen nach außen sichtbaren Nachfolger oder eine Nachfolgerin aufgebaut. Vielleicht ist auch das ein Grund, dass es seiner Auswahl in diesem Jahr schon sehr an jugendlichem Sturm und Drang und Saft und Kraft fehlte - und das gilt für viele deutschsprachige Filme leider im Allgemeinen. Da sah man als kleinen, vom Publikum dankbar gefeierten Lichtblick die niederbayerische Abiturientenkomödie "Transbavaria", für die der Münchner Filmhochschulabsolvent Konstantin Ferstl seine Hauptdarsteller ohne Fördergelder in einem Auto Richtung Moskau schickte.

Die Gesetze der Sex-Branche

Und verzweifelte gleich wieder, wenn der Österreicher Erwin Wagenhofer in "Black Brown White" einen Fall von Menschenschmuggel im Lkw von Nordafrika nach Österreich schilderte, in dem auf eine Art und Weise kein Raum für Auslassungen und erzählerischen Schnellvorlauf bleibt, dass man sich bald Augen und Ohren zuhalten möchte wegen der erbärmlich gesprochenen, gruselig zusammengeschusterten Dialoge.

Kann sein, dass Badewitz selber spürte, was seinem Programm fehlt. Und so hat er im letzten Moment noch ein anderes österreichisches Werk in Hof angesetzt, das gar nicht im Programm stand. Auch Sabine Derflingers "Tag und Nacht" hat einen stumpfen Allerweltstitel, die Regisseurin selber ist kein neues Gesicht, sondern eine lang durchgesetzte Kraft, aber ihr Film ist eine genau beobachtete, gemeine, unbeirrbare und manchmal sogar überraschende feministische Polemik.

"Tag und Nacht" erzählt von zwei Wiener Studentinnen, die als Edelhuren den eigenen Körper verkaufen. Sie sind schrecklichen und lustigen Freiern zu Diensten und verlieren dabei nach und nach jene Kontrolle über die eigenen Handlungen, die sie auf gar keinen Fall preisgeben wollten. Derflinger zeigt, wie ihre großartigen Darstellerinnen Anna Rot und Magdalena Kronschläger auf Familienfesten in der österreichischen Provinz tanzen, wie sie in Lachen ausbrechen angesichts der merkwürdigen Wünsche ihrer Kunden, wie sie mit ihrem Zuhälter und dessen Frau über die Gesetze der Branche und den Zustand der Welt philosophieren.

Und in einigen Momenten dieses Films spürt man dann einen so aggressiven Hohn auf die Männer und darauf, wie sie ihre Triebe befriedigen, dass man fast erleichtert feststellt: Zumindest die Regisseurin Derflinger weiß genau, wo der Feind steht.

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insgesamt 35 Beiträge
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Seite 1
Deali, 31.10.2011
1. .
Zitat von sysopWild, unbändig, umstürzlerisch, so sollte es aussehen, das Programm der 45. Filmtage in Hof.*Ein brisanter Thriller von Dominik Graf erfüllte die Erwartungen. Trotzdem: Dem*traditionsreichen Festival fehlt es an Saft und Kraft - so wie vielen deutschen Filmen. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,794927,00.html
Ja, das ist lange her das es in deutschen Filmen vor Saft und Kraft strotze - ich glaub das war bei Teresa Orlowskis Filmen so! :)
Lap 31.10.2011
2. Na also
Ist ja schön, das es diesen beiden Hungerhaken wenigstens an Saft und Kraft fehlt, aber ich glaube schon ahnen zu können wo die als nächstes auflaufen werden. Sicherlich sind solche Fotos geeignet zu polarisieren, aber sollten sie es wirklich? Da können wir die Mädels doch gleich nach Griechenland karren, oder war das etwa schon die Rückmeldung?
filmforist 31.10.2011
3. Ursachen
Die lahmen deutschen Filme sind die Folge kultureller Inzucht. Die Filmförderanstalten verteilen das Geld ausschließlich an den immer gleichen kleinen Personenkreis, egal wie schlecht die Filme sind. Dieses feige klüngelige Vorgehen zerstört die deutsche Filmkultur.
Freifrau von Hase 31.10.2011
4. Trauen
In Deutschland traut sich leider niemand was. Ist im Kino so und auch im Fernsehen. Wer zum TV mit einer Idee kommt wird gefragt: "Ist das aus den USA oder aus England?" Und wenn man dann sagt: "Das ist ganz neu", dann heißt es: "Tschüssi". Natürlich gibts auch hin und wieder Lichtblicke. Es könnte aber mehr sein.
kyriae 31.10.2011
5. Film und Literatur - da beißen sie sich nicht
Zitat von filmforistDie lahmen deutschen Filme sind die Folge kultureller Inzucht. Die Filmförderanstalten verteilen das Geld ausschließlich an den immer gleichen kleinen Personenkreis, egal wie schlecht die Filme sind. Dieses feige klüngelige Vorgehen zerstört die deutsche Filmkultur.
Dieses Problem haben wir nicht nur in der deutschen Filmkultur sondern auch in der (deutschen) Literatur. Dort geht es nach Personen, die schreiben oder denken, dass sie schreiben können und nach Themen, die dem Verlag viel Geld bringen.
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