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Hofer Filmtage: Ein Quantum Frost

Aus Hof berichtet

Landschaftsmalerei mit Menschenbeilage: Bei den Filmtagen in Hof wurde in diesem Jahr der Zustand des heimischen Erzählkinos bejammert. Zu Unrecht, denn die beiden herausragenden Filme "Der rote Punkt" und "Der Architekt" bewiesen, dass die Verweigerung von Dramatik große Kunst sein kann.

Seit den besten Tagen von Doris Dörrie, Werner Herzog und Wim Wenders nennt man das kleine, feine Filmfest in Hof "Wohnzimmer des deutschen Kinos". In Wahrheit ist es heute eher die Ausnüchterungszelle des deutschen Films. Ein romantisches Herbstspaziergangs-Gehege zwischen lustigen Hügeln und unter weißen Nebelschwaden, in dem die Film-Nerds aus Berlin, München und Köln ihre kreativen Köpfe an frischer fränkischer Natur auslüften können.

Eine sorgsam umzäunte Idylle, in der sich natürlich bestens nachdenken und jammern lässt über die schrecklich bösen Zwänge des deutschen Filmförderungssystems, den Mangel an tollen Stoffen und den fehlenden erzählerischen Reißer-Qualitäten: So wirklich weggeblasen, so ging in diesem Jahr die Klage vieler Festivalgäste auf Hof-Gang, würde man doch fast nie, wenn eine heimische Produktion von der Liebe, dem Leid oder der Schlechtigkeit der Welt berichtet.

Das, liebe Beschwerdeführer, war aber diesmal wirklich Quark. Schließlich eröffnete in diesem Jahr Caroline Links "Im Winter ein Jahr" die Hofer Filmtage, ein herzbewegendes Familien- und Künstlerdrama mit Karoline Herfurth und Josef Bierbichler, das vor ein paar Wochen beim Festival in Toronto Weltpremiere feierte und schon dort viel gelobt wurde. Noch unangebrachter aber ist das Rumgemosere am angeblich lahmen deutschen Gegenwartskino, weil gleich zwei herausragende Beiträge im diesjährigen Hof-Programm bewiesen, dass die Stärken deutscher Filmproduktionen oft gerade im schier Atmosphärischen und in der Verweigerung von Action liegen können.

In den Spielfilmdebüts "Der Architekt" und "Der rote Punkt" von Ina Weisse und Marie Miyayama (die mit ihrem Werk den Hofer Förderpreis, die wichtigste Auszeichnung des Festivals, gewann) scheinen nicht irgendwelche furiose Darsteller die Hauptrollen zu spielen, sondern die Landschaften, in denen sie sich bewegen.

Immer wieder neuer Beziehungswahnsinn

In "Der Architekt", dem Film der bisher als Schauspielerin bekannten Berlinerin Ina Weisse, spielt Josef Bierbichler (diesmal in Hof gleich in mindestens drei Produktionen zu sehen) einen Hamburger Erfolgsmenschen, der mit seiner Gattin und seinen renitenten Kindern nach vielen Jahren für einen Tag in das Alpendorf zurückkehrt, in dem er aufwuchs. Seine Mutter ist gestorben. Und weil die ihn verstoßen hatte, macht das dem Kerl, der in aller Welt Häuser baut, schwer zu schaffen. Kurz vor der Ankunft setzt der Architekt sein teures Auto in einen Schneehaufen, dann jagt er schlechtgelaunt seine Familienbande zu Fuß die Bergstraße hoch, gleich darauf stiert er seiner Ex-Geliebten (Sophie Rois) in die Augen.

Nun wird ein altbekannter, immer wieder neuer Beziehungswahnsinn in Gang gesetzt. Der Architekt wird von seinem Sohn, den Matthias Schweighöfer ausnahmsweise richtig toll und zappelfrei spielt, angehasst. Er wird von seiner Tochter, die Sandra Hüller zerbrechlich in die Bergluft taumelt, geradezu ungesund angehimmelt. Er wird von seiner trinkfesten Gattin um Liebe angebettelt. Und natürlich steckt hinter dem Hass, den seine tote Mutter gegen ihn hegte, ein Geheimnis, das dringend offenbart werden muss.

Schöner und aufregender als die Wutschreie und Geständnisse der Figuren aber sind die graubraunweißen, frostigen Bilder vom Schneegestöber, in dem sich das alles abspielt; von der felsigen, schroffen, stets abschüssigen Welt, in der hier abgerechnet wird; vom einsam über eine verschneite Alm stapfenden Josef Bierbichler. In seinen besten Momenten ist "Der Architekt" eine ergreifende Seelenlandschafts-Malerei knapp diesseits und jenseits des Gefrierpunkts.

Kühe und Marienfiguren

Noch formstrenger geht die Regisseurin Miyayama ans Werk. "Der rote Punkt" ist die Geschichte einer jungen Japanerin, die als kleines Mädchen bei einem scheußlichen Verkehrsunfall in Deutschland beide Eltern und den kleinen Bruder verloren hat. Nun, mit Mitte 20, reist sie zum ersten mal wieder nach Deutschland, um den Ort des Unglücks unweit von Schloss Neuschwanstein aufzusuchen. Und findet durch eine geradezu Kleistsche Fügung des Schicksals ausgerechnet in der Familie jenes Mannes Unterkunft, der einst den Tod ihrer eigenen Familie mitverschuldete und dann Unfallflucht beging.

Miyayama hat ihr Regie-Handwerk in Tokio und an der Münchner Filmhochschule gelernt. Sie zeigt ihre Heldin erst in Szenen des großstädtischen japanischen Alltags, bis das Mädchen sich (gegen den Willen der Pflegeeltern und des Freundes) nach Europa aufmacht. Wenn die junge Frau dann mit geschultertem Rucksack durch die Weide- und Waldlandschaft des Allgäus stapft, staunt nicht nur sie mit den Augen einer Traumwandlerin. Auch als deutscher Zuschauer schaut man mit merkwürdig verschobenem Blick auf Kühe und Marienfiguren am Rand kurviger Landstraßen.

Wie "Der Architekt" schildert auch "Der rote Punkt" einen Vater-Sohn-Konflikt. Die Schauspieler Hans Kremer und Orlando Klaus tragen ihn hier seltsam unterkühlt aus, wie in Schockstarre ineinander verbissen und verkeilt. Auch gibt es einen Flirt zwischen dem Jungen, der fast manisch dauernd auf dem Motorrad herumdüst, und dem japanischen Mädchen. Trotzdem fehlt dem Film jede dramatische Pointe. In fast meditativer Ruhe erzählt er vom Gleichmut einer Welt, in der die Menschen sich abstrampeln und sich angiften, im Sonnenuntergang Händchen halten und morgens auf Wiesen Picknick abhalten. Und dabei im besten Fall für eine Weile ihren Frieden machen mit dem, was ihnen im Guten wie im Bösen widerfahren ist.

So zelebrierten in diesem Jahr in Hof "Der Architekt" und "Der rote Punkt" auf unterschiedliche Weise, doch in jeweils höchst überzeugender Manier zwei ziemlich paradoxe Filmkunststücke: eiskalte Schwelgereien, Räusche der Nüchternheit.

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