Hofer Filmtage Weltuntergang in der Berliner Sauna

Die Internationalen Hofer Filmtage gelten als altmodische Betriebsfeier deutscher Kinomacher im Schatten der Berlinale. Trotz allem: In diesem Jahr wurden dort ein paar überraschend intelligente und mitreißende Filme über angeschlagene Helden unserer Zeit präsentiert.

Aus Hof berichtet


Sagt man den paar beflissenen Kinofans, die man so kennt, dass man zum guten alten Filmfestival nach Hof fährt, dann wird man in der Regel angeschaut, als bekenne man sich zu irgendeiner doch sehr abwegigen Leidenschaft - vergleichbar etwa mit Geständnissen wie denen, dass man gern stundenlang an Wirtshaus-Glücksspielautomaten herumdrückt, dass man halbe Tage in immer derselben öffentlichen Sauna verbringt oder für Kleptomaninnen schwärmt. Man erntet Erstaunen und grinsende Anteilnahme nach dem Freundlichkeitsprinzip: Viel Spaß, armer Irrer!

Szene aus "Im Schwitzkasten": Glückserlebnisse in der Sauna

Szene aus "Im Schwitzkasten": Glückserlebnisse in der Sauna

Die Internationalen Filmtage Hof, vor fast vier Jahrzehnten von Heinz Badewitz gegründet und von eben diesem nun gerade zum 39. Mal ausgerichtet, tragen den seltsamen Ehrentitel "Wohnzimmer des deutschen Kinos". Zwar zeigt man auch Filme aus anderen Ländern, aber im Kern handelt es sich um ein Betriebstreffen von heimischen Filmemachern, Produzenten, Drehbuchschreibern vor allem der jüngeren Generation.

Früher hat es Regisseuren wie Werner Herzog, Doris Dörrie, Tom Tykwer oder Christoph Schlingensief beim Bekanntwerden geholfen. Heute leidet das Festival ein bisschen darunter, dass sich die Berlinale unter Dieter Kosslick sehr ums deutsche Kino bemüht und die spektakulärsten neuen Produktionen aus deutschsprachigen Landen eher im Februar beim Festival in der Hauptstadt laufen als in Hof. Ist also bei den Filmtagen in der fränkischen Provinz, wie manche unken, nur noch die (vor allem fürs Fernsehen produzierte) deutschsprachige B-Filmware zu sehen?

Toll war's

Absoluter Quatsch: Toll war's in Hof dieses Jahr. Ein paar feine, bewegende, smarte Filme gab es zu feiern (sie handelten von passionierten Glücksspielern, Saunagängern und Kleptomaninnen), das fränkische Hügelland strahlte wie fast ganz Deutschland in goldener Oktobersonne, und als Überraschungsgast trat Christoph Schlingensief auf.

Dresen-Film "Sommer vorm Balkon" (mit Inka Friedrich, Nadja Uhl): Theatergaftes Hartz-IV-Movie

Dresen-Film "Sommer vorm Balkon" (mit Inka Friedrich, Nadja Uhl): Theatergaftes Hartz-IV-Movie

Der nämlich bekam dieses Jahr den (undotierten) Filmpreis der Stadt Hof verliehen, von dem man dank einer strengen Geheimhaltungspolitik tatsächlich immer bis zur Preisverleihung nicht weiß, wen es trifft. Diesmal traf's Schlingensief, der als Filmemacher allerdings eher abgemeldet ist. Einst hat er Werke wie "Das deutsche Kettensägenmassaker" in Hof vorgestellt. Dann verlegte er sich auf Theater und Oper. Heute macht er vor allem bildende Kunst, natürlich gleichfalls mit bewegten Bildern garniert. Nach Hof kam er praktisch direkt von seinem allerneuesten Südwestafrika-Abenteuer aus Lüderitz eingeflogen. Er bedankte sich gerührt für die Liebesgabe der Festivalmacher. Für die Leinwand hatte er leider nichts Vorzeigbares dabei.

Ein wenig schlingensiefscher Irrsinn hätte dem Festival sicher nicht geschadet - denn wenn man die Storys neuer deutschsprachigen Produktionen im Programm aufgelistet sah, packte einen oft der Grusel vor dem bleiernen Alltag, der da in Kinosesseln betrachtet werden sollte: Verdammt oft ging es um Hartz-IV-Empfänger und andere vom Standort Deutschland schwer Geschädigte, und fortwährend um schrecklich aus dem Leim geratene Familien.

Das brave Werk

"Urlaub vom Leben", der diesjährige Eröffnungsfilm des Hofer Festivals, erzählt zum Beispiel sehr typisch von einem dicken Mann, der es satt hat, ungeliebt von Frau und Kindern (und seinen Chefs auch noch) zu funktionieren. Der Schauspieler Gustav Peter Wöhler gibt einen schwitzend joggenden Bankbeamten, Meret Becker spielt eine Taxifahrerin, die als verschlampt-poetische Glücksfee in sein Leben schneit. Das brave Werk, gedreht fürs kleine Fernsehspiel des ZDF von der Regisseurin Neele Leana Vollmar, buchstabiert sich nett durchs ABC eines sympathischen Verlierertums, aber bietet null Überraschungen: Selbst als er entdeckt, dass seine Ehefrau, eine Lehrerin, es mit ihrem Schuldirektor treibt, bleibt der Held ein freundlich zermurkelter Melancholiker, dem (wie dem ganzen Film) jeder Mut zum großen Gefühl leider ebenso fehlt wie Humor oder gar Selbstironie.

Von dieser Sorte redlich sozialkritischer Filme, die krampfig um Poesie, aber leider null um Spaß bemüht sind, gab es allerhand in diesem Jahr: "Kometen" von Till Endemann, um nur ein Beispiel zu nennen, lässt zwei böse Rationalisierer in einer Mannheimer Maschinenfabrik einmarschieren wie fiese Aliens. Dazu gibt's ein bisschen Sternenzauber, weil ein Komet am Nachthimmel über dem Rhein auftauchen soll, und süßlich angetippte Schicksale der Marke: Alzheimer-Opa verliebt sich jeden Tag neu in seine Altersheim-Gespielin. Je länger sich der Reigen dehnt, desto stärker merkt man: Der saure Kitsch dieses Films ist nicht von dieser Welt.

Festivalbeitrag "Arnies Welt": Bissiges Porträt des Landlebens

Festivalbeitrag "Arnies Welt": Bissiges Porträt des Landlebens

Mal ganz raus aus der Fernsehkonvention und richtig harten Stoff bieten zu wollen, kann aber auch schlimm schief gehen. Der Regisseur Roland Reber zum Beispiel hat einen dilettantischen Film über katholische Sadomaso-Jünger gemacht, in dem die bayerisch sprechenden Darstellerinnen und Darsteller dauernd halbentblößt vom Recht auf sexuelle Freizügigkeit predigen - "24/7 The Passion of Life", so der Titel, war Hofs kurioseste Lachnummer.

Aber egal, reden wir lieber (und endlich) von den Hofer Highlights. Weil die Filmtage sich bei aller ins Zentrum des Festivals gestellten Neugier auf deutsche Ware "international" nennen, zeigte man François Ozons bittersüßen Film "Die Zeit, die bleibt" über den Lebenshunger im Angesicht des Todes, Dominik Molls surreales Cannes-Erfolgswerk "Lemming" und Atom Egoyans Historienmärchen aus dem Entertainmentzirkus "Where The Truth Lies".

Kleiner Arnie ganz groß

Als erfreuliche Überraschung aber erwies sich der Neuseeländer Lodge Kennigan mit "My Fathers Den". Er schwelgt in herben Landschaftsaufnahmen seiner Heimat und schildert eine Familientragödie, die halb Krimi ist und halb die herzergreifende Geschichte von der Begeisterung eines Teenie-Mädchens für einen doppelt so alten Mann. Die Diskretion, der Sinn für Spannung und der sanfte Witz, die Kerrigans geradezu lapidaren Film auszeichnen, würde man sich von vielen deutschen Regisseuren dringend wünschen.

Immerhin gelingt es der Regisseurin Isabel Kleefeld in ihrer von Sönke Wortmann mitproduzierten Tragikomödie "Arnies Welt" ganz ordentlich, ein bissiges Porträt des zeitgenössischen Landlebens mit einem Kriminalfilm zu kombinieren. Sehr elegant schafft sie es, den kleinen Jungen, von dem der Filmtitel kündet, mal nicht als kindliches Opfer oder mörderische Elendsgestalt einzusetzen, sondern als Joker in einem einigermaßen raffinierten Spiel.

Szene aus "Spiele leben" (mit Georg Friedrich und Birgit Minichmayr): Die mitreißende Kraft von "Außer Atem"

Szene aus "Spiele leben" (mit Georg Friedrich und Birgit Minichmayr): Die mitreißende Kraft von "Außer Atem"

Es geht um einen im Auto zu Tode gekommenen Polizisten, üble Nachbarn und eine passionierte Kleptomanin. Die wird gespielt von Caroline Peters. Im Theater (früher Hamburg, heute Wien) ist sie schon länger ein Star. Hier zeigt sie zur Abwechslung mal in einem Film, was man mit Chuzpe, einem frechen Grinsen und einem ordentlichen Maß von Verrücktheit an erfreulichem Zauber veranstalten kann: Wenn sie in einer Szene ihrem Arzt und Ex-Lover ein halbes Dutzend geklauter Psychopharmaka-Packungen wieder in die Hand drückt, weiß man nicht, ob man lachen oder weinen soll über die rührende Unverschämtheit, mit der sie das tut.

"Im Schwitzkasten" war ein weiteres Hof-Glückserlebnis. Der Regisseur Eoin Moore macht es ähnlich wie der etablierte Kollege Andreas Dresen in der (gleichfalls beim diesjährigen Festival bejubelten) Frauenfreundschaftsgeschichte "Sommer vorm Balkon": Er dreht ein auf rührend schlichte Weise theaterhaftes Hartz-IV-Movie. Bei Moore sitzen die Arbeitslosen und Alleinerziehenden in einer Berliner Sauna. Der Laden ist kleinbürgerlich-alternativ, wird allerdings auch vom Redenschreiber und Gatten einer wichtigen konservativen Politikerin besucht.

Moore präsentiert Schauspieler wie Christiane Paul, Steffi Kühnert, Edgar Selge und die hier großartige Esther Zimmering in einer schön austarierten Farce, und nur ganz selten stürzt seine Geschichte ein bisschen ab in die Niederungen der Schweiß- und Sexkomödie. "Im Schwitzkasten" hat nicht ganz die Grimmigkeit und Klasse von Dresens "Halbe Treppe", aber dafür hat man im deutschen Film schon seit Menschengedenken nicht mehr so viele nette Darsteller so unterhaltsam und so gut gelaunt nackt herumspringen sehen.

Geheimnisse des Oberlippenbartes

Am Schluss mein Lieblingsfilm im Hof-Programm dieses Jahres: "Spiele leben" von Antonin Swoboda trägt einen bescheuerten Titel. Der (sensationell merkwürdige) Hauptdarsteller Georg Friedrich trägt noch dazu ein bescheuertes, ja unfassbares Konterfei spazieren: Er gibt seinen spargeligen Filou mit schütterem blonden Langhaar und dünnem Oberlippenbart. Der Kerl ist Spieler, pirscht sich in jeder Kneipe an den Daddelautomaten und donnert im Casino Riesensummen in den Orkus. Er hat riesige Schulden, eine kuhäugige Krankenschwesterfreundin - und beschließt eines Tages, sein Leben nur noch auszuwürfeln.

So gerät er (kurzzeitig) an den abstrusen Job eines Stromablesers und (für länger) an ein wildes, zielloses, spielbegeistertes Mädchen namens Tanja, das von Birgit Minichmayr dargestellt wird. Wie die beiden nun im Hotelbett übereinander herfallen, wie sie sich der Sucht nach dem Hauptgewinn im Leben hingeben, das hat die gleiche unheilbringende, grandiose Konsequenz, die Jean Paul Belmondo einst in "Außer Atem" vorführte. Die mitreißende Kraft, aber auch der ruppige Charme, mit denen Swoboda diese Story als große Verzweiflungsarie und grotesk zufälliges Schicksalsdrama inszeniert - das allein, liebe Hof-Skeptiker, war in diesem Jahr die Reise ins Frankenland schon wert.



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