Hollywood im Sequel-Wahn: Fortsetzung folgt und folgt und folgt

Von Nina Rehfeld

2. Teil: "Kreativität verschwindet nicht, sie sucht sich neue Wirkungsstätten"

Sequels und Prequels: Filme in der Verlängerung Fotos
Warrner Bros.

Der Drehbuchautor Richard Jefferies meint, dem Publikum werde mit der Fülle von leidlich unterhaltsamen Fortsetzungen, die vom Zwang zum Folgeprodukt statt von der Eingebung eines Autoren inspiriert sind, sensibler Filmgeschmack abtrainiert. "Es ist wie Junkfood, das uns dank Geschmacksverstärkern und Nahrungsmittelchemikalien vormacht, es schmecke gut. Aber die Rolle eines Autors ist doch nicht, bloß neurologische Reize auszulösen, sondern Geschichten über das Leben zu erzählen."

Jefferies, der unter anderem die Film-Adaption zum Comic "Silver Surfer" schrieb und an mehreren Fassungen von "Tron: Legacy" mitarbeitete, gibt unumwunden zu, dass er, obwohl er gut bezahlt wird, kreativ frustriert ist. "Es ist ein Pakt mit dem Teufel. Man bezahlt dich gut, und dafür dreht man deine Arbeit durch den Schredder." Adaptionen, Remakes und Fortsetzungen seien beileibe nichts Neues in Hollywood, sagt Jefferies - das Problem sei, dass es inzwischen kaum noch etwas anderes gebe. "Ich habe es satt zu hören: Uns gefällt dein Drehbuch sehr, aber könntest du uns eine Adaption dieses Comics schreiben?"

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"X-Men", die Fünfte: Geliebter Mutant
Kunst und Kommerz lagen in Hollywood schon immer im Clinch, aber auch die Ikonen kreativer Unbändigkeit drohen inzwischen, vom System gefressen zu werden. Laut Pixar-Chef John Lasseter, der in den USA zuletzt "Cars 2" herausbrachte, sind selbst "Toy Story 6" oder "Cars 5" durchaus denkbar. "Aber nur, wenn uns eine tolle Geschichte einfällt. Die Fans beknien uns seit Jahren, eine Fortsetzung von 'Findet Nemo' zu machen. Der Grund, warum wir das bisher nicht getan haben, ist einfach: Uns fehlt die tolle Idee."

Pixar, das derzeit an einer weiteren Fortsetzung für "Die Monster AG" arbeitet, gründet seinen Erfolg auf die Führung durch kreative Filmemacher statt durch buchhalterische Erbsenzähler. Gleichzeitig ist das Vorzeigestudio aus Emeryville bei San Francisco, das seit 2006 zu Disney gehört, längst einer der größten Player auf dem Film-Franchise-Markt. "Cars"-Spielzeuge, Lizenzen und Markenartikel spülten seit 2006 rund 10 Milliarden Dollar in Disneys Kassen - zusätzlich zum weltweiten Einspielergebnis des Films von mehr als 460 Millionen Dollar. Unter diesem Blickwinkel ist "Cars 2" auch unabhängig vom Publikumserfolg schon jetzt ein Mega-Hit.

"Risikoarme, auslandsfreundliche Ware"

Dass sich die Branche im Namen der Kunst von solchen Gewinnmargen verabschiedet, ist unwahrscheinlich. Im Gegenteil: Disney kündigte im vergangenen Jahr an, sein diesjähriges Produktionsbudget zu 80 Prozent in Franchise-Produktionen wie "Cars" und "Fluch der Karibik" zu stecken. 2010 waren es 40 Prozent. Und auch Independent-Studios wie Lionsgate setzen mittlerweile auf "zwei Felder: risikoarme, auslandsfreundliche Ware oder Franchise-Produktionen", wie der Vize-Chef von Lionsgate, Michael Burns, kürzlich dem "Wall Street Journal" sagte.

Hollywoods Drehbuchautoren entwerfen unterdessen zunehmend differenzierte Strategien, um zwischen Kunst und Kommerz zu existieren. Terry Rossio etwa will auf dem austrocknenden Markt für Spec Scripts auftrumpfen - das sind Drehbücher, die ein Autor auf eigenes Risiko verfasst und versucht, an die Studios zu verkaufen. Denn Rossios Status als Verfasser einer erfolgreichen Franchise-Reihe wie "Fluch der Karibik" verschaffte ihm das nötige Gewicht, um auch mit Originalideen bei Hollywoods Entscheidungsträgern Gehör zu finden.

Richard Jefferies nutzt die Erfahrung und finanzielle Unabhängigkeit, die er sich mit Auftragsarbeiten erwirtschaftet hat, um alternative Geschäftsmodelle auf die Beine zu stellen. Derzeit führt er in China Gespräche über die Produktion von Filmen für den internationalen Markt. Und zahlreiche Autoren wenden sich neben der Studio-Arbeit alternativen Finanzierungsmodellen zu - zum Beispiel Crowdsourcing-Web-Seiten wie Kickstarter.com, auf denen Filmfans zu Mikrofinanziers unabhängiger Projekte werden. "Kreativität", sagt Jefferies, "verschwindet ja nicht. Sie sucht sich nur neue Wirkungsstätten."

Peter Jackson dreht zurzeit übrigens "Der Hobbit" - die Vorgeschichte von "Der Herr der Ringe".

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insgesamt 178 Beiträge
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1. nix gegen Deutschland
crocman, 11.07.2011
Zitat von sysopDer vierte Teil von "Fluch der Karibik", die fünfte Folge*von "Fast & Furious", der achte "Harry Potter"-Film, zum dritten Mal "Transformers": Hollywood scheint nur noch Fortsetzungen zu produzieren. Wie schlimm ist kreative Krise der US-Filmindustrie? http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,772136,00.html
Oh, diese kreative Krise ist vorhanden - aber sie ist noch nicht zu vergleichen mit der kreativen Krise deutscher Filmeschaffender: Wann kommt Fünfohrküken als hochgejubelter Erguss des Star-Regisseurs Schweiger.....?
2. Titel
Matzescd, 11.07.2011
Was ist denn daran neu? Indiana Jones, Star Wars, Star Trek, James Bond, Rocky, Rambo, Miss Undercover, Police Academy, Der weiße Hai, Die nackte Kanone, Stirb Langsam... Wie viele andere soll ich noch aufzählen, damit klar wird, dass es sich hier um kein neues Phänomen handelt?
3. -
Loewe_78 11.07.2011
Zitat von sysopDer vierte Teil von "Fluch der Karibik", die fünfte Folge*von "Fast & Furious", der achte "Harry Potter"-Film, zum dritten Mal "Transformers": Hollywood scheint nur noch Fortsetzungen zu produzieren. Wie schlimm ist kreative Krise der US-Filmindustrie? http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,772136,00.html
Vielleicht haben so Menschen mit Kreativität wieder eine Chance, gute Filme weltweit zu lancieren, da die alles erwürgende, inzwischen gähnend langweilige und äußerst unkreative "schneller-höher-besser"-Schaumschläger mit ihren Kommerzlyriken aus Hollywood endlich erfolgreich abgewirtschaftet haben.
4. .
frubi 11.07.2011
Zitat von sysopDer vierte Teil von "Fluch der Karibik", die fünfte Folge*von "Fast & Furious", der achte "Harry Potter"-Film, zum dritten Mal "Transformers": Hollywood scheint nur noch Fortsetzungen zu produzieren. Wie schlimm ist kreative Krise der US-Filmindustrie? http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,772136,00.html
Die Krise ist unnötigt aber die Leute gehen ja in die Kinos und bezahlen für die Sequels. Ich finde, dass die Kinoindustrie viel enger mit der Videospielindustrie zusammenarbeiten müsste. Hier gibt es ein wesentlich höheres Potenzial an kreativen Ideen und eine höhere Risikobereitschaft. Zudem brauchen gute Filme nicht immer ein wahnsinnig hohes Budget. Das ist eine billige Ausrede die mit der Realität nicht viel zu tun hat. Das beste Beispiel dafür ist Nicolas Winding Refn. Seine Pusher-Reihe hat kaum etwas gekostet. Bronson und Walhalla Rising ebenfalls nicht und das waren alles sehr solide Filme.
5. Ich geh immernoch gern ins Kino
tibuka 11.07.2011
Ich hab nix gegen Fortsetzungen und Adaptionen so lange sie gut sind, und auf einen ordentlichen Prozentsatz trifft das (mal mehr, mal weniger) zu - meiner Meinung nach. X-Men: First Class ist deutlich besser als die alten X-Men. Und gute "original" Filme gibts auch noch, dieses Jahr z.B. "Tree of Life", "Source Code", "Hanna", "Paul", "Alamanya", "Unkown Identitiy", "Drive Angry", "Black Swan". Die mochte ich alle und sind meines Wissens nach keine Adaptionen.
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