Hollywood-Produzent Jerry Bruckheimer "Das Geschäft macht mir Angst"

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2. Teil: "Heute investieren wir vernünftiger"


SPIEGEL ONLINE: Seit einigen Jahren verpflichtet Hollywood mehr und mehr Schauspieler und Regisseure aus anderen Ländern. In Quentin Tarantinos Film "Inglourious Basterds" dürfen deutsche und französische Schauspieler sogar minutenlang in ihrer Muttersprache reden...

Bruckheimer: ...und der Film war in den USA dennoch ein großer Erfolg. Wäre früher undenkbar gewesen. Hollywood ist heute viel offener gegenüber fremden Kulturen und weniger fixiert auf unsere eigene.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet das? Ein Film über American Football wird heute nicht mehr finanziert?

Bruckheimer: Doch, wenn Sie ein gutes Drehbuch haben. Aber Sie bekommen nur ein kleines Budget. Denn es ist klar, dass der Film sich wahrscheinlich nur in den USA gut verkaufen wird. Das Budget ist inzwischen ganz und gar abhängig von den Erfolgsaussichten, die der Film weltweit hat.

SPIEGEL ONLINE: Nun planen Sie ein teures Franchise mit dem Cowboy Lone Ranger als Titelheld. Außerhalb der USA kennt diese Figur kaum jemand. Wie wollen Sie dieses Projekt weltweit verkaufen?

Bruckheimer: Indem wir Johnny Depp besetzen, denn der ist weltweit ein Star.

SPIEGEL ONLINE: Ist das alles? Ist es so einfach?

Bruckheimer: Johnny hat eine gewaltige Anhängerschaft, er ist einer der größten Stars überhaupt. Auf ihn kann man bauen.

SPIEGEL ONLINE: Auf wen sonst noch? Depp geht auf die 50 zu. Auch Nicolas Cage ist schon Mitte 40. Warum kommen keine neuen Stars nach?

Bruckheimer: Es gibt schon ein paar. Sam Worthington hatte mit "Terminator: Salvation", "Avatar" und "Kampf der Titanen" drei Hits in Folge. Man darf einen Star nur nicht in der falschen Rolle besetzen, das ging schon immer daneben. Dann haben Sie bestenfalls ein gutes erstes Wochenende, aber danach ist Schluss.

SPIEGEL ONLINE: Hollywood-Filme werden heute überall auf der Welt gedreht, nur kaum noch in Hollywood. Wieso?

Bruckheimer: Weil wir es uns kaum noch leisten können.

SPIEGEL ONLINE: Wie bitte? Ihr dritter und bislang letzter "Fluch der Karibik"-Film hat fast 300 Millionen Dollar gekostet und fast eine Milliarde eingespielt.

Bruckheimer: Den vierten drehen wir trotzdem in London. Das ist zwar eine der teuersten Städte der Welt, aber Filmemachen ist dort billiger als in Los Angeles.

SPIEGEL ONLINE: Wieso?

Bruckheimer: In London gibt es staatliche Zuschüsse. Die gibt es auch in New Mexico, Louisiana oder Michigan. Deswegen drehen wir lieber dort.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem werden die Filme immer teurer.

Bruckheimer: "Beverly Hills Cop" hat Mitte der achtziger Jahre sieben Millionen Dollar gekostet und mehr als 300 Millionen eingespielt, also über das Vierzigfache. Solche Gewinnmargen sind heute undenkbar. Ich vermisse es sehr, dass man mit so wenig Geld so viel Geld verdienen konnte.

SPIEGEL ONLINE: Macht es Ihnen Angst, wenn Sie heute 200 oder 300 Millionen Dollar in einen Film stecken?

Bruckheimer: Ja, das macht mir Angst. Andererseits habe ich heute die Chance, mehr als eine Milliarde einzuspielen.

SPIEGEL ONLINE: Wann wird es den ersten Film geben, der mehr als eine Milliarde Dollar Produktionskosten verschlingt?

Bruckheimer: Ich hätte mir früher niemals vorstellen können, dass ein Film 100 Millionen kosten könnte. Das ist heute völlig normal. Aber mehr als eine Milliarde? Das möchte ich nicht erleben.

SPIEGEL ONLINE: Schon die achtziger Jahre galten als "die Ära der Exzesse". Wo stehen wir heute?

Bruckheimer: Trotz der hohen Budgets gibt es heute ein anderes Kostenbewusstsein als in den achtziger Jahren. Damals stiegen die Einnahmen enorm, weil Videokassetten und Kabelfernsehen so viel einbrachten. In der Folge explodierten die Budgets. Heute investieren wir vernünftiger.

SPIEGEL ONLINE: Auch dank der Marktforschung. Sie ist im letzten Jahrzehnt immer präziser geworden, die Analysten liegen bei den Prognosen der Einspielergebnisse kaum noch daneben. Ist das Geschäft berechenbarer geworden?

Bruckheimer: All diese Instrumente sind heute verlässlicher als früher, das stimmt. Aber manchmal versagen sie auch. Bei unserem Film "Pearl Harbor" deuteten alle Prognosen auf ein Rekordergebnis hin. Die tatsächlichen Resultate waren dann zwar gut, aber weit niedriger als vorhergesagt.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt ihn also noch, den Thrill des ersten Wochenendes, der über das kommerzielle Schicksal eines Blockbusters entscheidet?

Bruckheimer: Na, klar. Vor allem bei Filmen, die sich an ein junges Publikum richten. Die Jungen sind unberechenbar.

SPIEGEL: Seitdem Sie Ihren ersten Film produziert haben, sind gut 30 Jahre vergangen. Wie stark hat sich Hollywood seither verändert?

Bruckheimer: Es gab weniger Brüche als in den Jahrzehnten davor, Hollywood hat sich eher kontinuierlich weiterentwickelt. Der entscheidende Wandel Hollywoods war der Zusammenbruch des Studiosystems in den fünfziger und sechziger Jahren. Hollywood funktionierte bis dahin wie ein Fabrik, jedes Studio warf 50, 60 Filme pro Jahr auf den Markt. Kaum hatte ein Regisseur einen Film abgedreht, fand er am nächsten Morgen schon das Drehbuch für sein nächstes Projekt vor seiner Tür vor, mit dem er eine Woche später anfangen musste. Es war ein Produzentenkino.

SPIEGEL ONLINE: Klingt, als hätten Sie gern in dieser Zeit gearbeitet.

Bruckheimer: Na ja, für einen Produzenten war das Leben damals viel leichter. Die Stars standen beim Studio unter Vertrag, sie mussten spielen, was man ihnen vorsetzte. Weigerten sie sich, wurden sie mit einem Arbeitsverbot belegt, das war Hollywoods Star-Gefängnis. Heute muss jeder den Stars hinterherjagen, jeder will sie haben. Das ist manchmal ganz schön mühsam.

Das Interview führte Lars-Olav Beier



insgesamt 68 Beiträge
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Seite 1
brain0naut 05.01.2011
1. meine fresse...
...der mann ist wirklich so widerlich, wie ich immer dachte; was für ein entlarvendes interview, ekelhaft, diese bwl-mentalität...
Motorpsycho 05.01.2011
2.
Man bekommt beim Lesen des Interviews schon ein wenig den Eindruck, dass diesen Mann Filme wohl nicht sonderlich interessieren. Viel Geld mit wenig Geld verdienen und dabei noch staatliche Subventionen abgreifen, das scheint ihm wohl wichtiger zu sein. Warum steht dieses Interview eigentlich unter "Kultur" und nicht unter "Wirtschaft"?
BadTicket 05.01.2011
3. Geld...
Zitat von brain0naut...der mann ist wirklich so widerlich, wie ich immer dachte; was für ein entlarvendes interview, ekelhaft, diese bwl-mentalität...
Das ist doch Geldmacherei wie an vielen Orten. Das sieht man auch den heutigen Filmen an, man hört es in der Musik und die Stars sind gleich auch so: Grosse Klappe, nichts dahinter. An der Anzahl Leute die sich diesen Kommerz aber rein ziehen erkennt man was aus unserer Gesellschaft geworden ist.
chrome_koran 05.01.2011
4.
Zitat von brain0naut...der mann ist wirklich so widerlich, wie ich immer dachte; was für ein entlarvendes interview, ekelhaft, diese bwl-mentalität...
Was ist Ihrer Meinung nach "ekelhaft" und "entlarvend"? Dass Filme machen viel Geld kostet? Ist ja nun wirklich eine epochale Entdeckung. Und ohne "BWL-Mentalität" kriegen Sie kein Wirtschaftsunterfangen hin. Was ist hierbei genau Ihr Problem?
der_durden 05.01.2011
5. Sie haben recht.
Zitat von chrome_koranWas ist Ihrer Meinung nach "ekelhaft" und "entlarvend"? Dass Filme machen viel Geld kostet? Ist ja nun wirklich eine epochale Entdeckung. Und ohne "BWL-Mentalität" kriegen Sie kein Wirtschaftsunterfangen hin. Was ist hierbei genau Ihr Problem?
Das habe ich mich beim Lesen des Posts auch gefragt. Hätte Bruckheimer nicht diese - hier abwertend angewandte - BWL-Mentalität, wie zur Hölle soll er einen Film wie Fluch der Karibik produzieren können? Er ist kein Schauspieler, er ist Produzent! Und selbst Star-Schauspieler in den USA sind mittlerweile kleine Super-Unternehmen mit hohen Umsätzen. Klar, man kann natürlich alles ekelhaft finden. Dann ist auch der Bau eines Flugzeuges ekelhaft, oder der eines Schiffes. Kostet alles zig Millionen und "spielt" noch mehr ein....
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