Hollywood-Star Heath Ledger Tod eines Herzensbrechers

Er galt als Hollywoods junger Wilder, doch mit seiner Rolle als Herzensbrecher kam er nie zurecht. Jetzt wurde der "Brokeback Mountain"-Star Heath Ledger in seiner New Yorker Wohnung tot aufgefunden.

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New York - Einst war er einer der "Good Boys". Unverdorben, authentisch, keine Partys, keine Drogen, keine wilden Szenen. Der perfekte Schwiegersohn, der sich in Brooklyn niederließ, mit seiner bildhübschen Frau und der gemeinsamen Tochter. "Ich bin Mr. Mom", sagte Heath Ledger. "Ich kaufe Granola und koche ein Ei, ich spüle Geschirr und dann mache ich Lunch." Ein Star, und doch einer wie wir.

Im New Yorker In-Viertel Soho, in der Broome Street gleich östlich vom Broadway drängelten sich gestern Paparazzi und Hunderte Schaulustige: Um kurz nach 18 Uhr verließ Heath Ledger, 28, der Schwarm so vieler Mädchen - und Jungen - sein Haus: in einem schwarzen Leichensack, auf einer Rollbahre festgeschnallt, die zwei Beamte des Gerichtsmediziners übers Trottoir schoben. Das war drei Stunden, nachdem die Haushälterin Ledger gefunden hatte, nackt und leblos vor seinem Bett.

Ein Cop hielt die Tür auf. Die kleine Prozession erschien, grell leuchteten die Blitzlichter der Paparazzi, die Ledger so gehasst hat. "Heath! Heath! Guck hier rüber, Heath!" - so hatten sie ihn üblicherweise angebrüllt, um sein berühmtes Gesicht perfekt ablichten zu können. Gestern war es beklemmend still.

Fast depressive Züge

Am Vormittag waren in Hollywood die Oscar-Nominierungen bekanntgegeben worden. Vor zwei Jahren war auch Ledger mit dabei, für seine Darstellung des schwulen Cowboys Ennis Del Mar im Rührdrama "Brokeback Mountain", seinem Durchbruch als gequälter Herzensbrecher. Seitdem nannten sie ihn einen "jungen Brando", den James Dean von heute.

Der Australier mit den traurigen braunen Augen lehnte solche Vergleiche ab, verständlicherweise. "Ich kann nicht sagen, dass ich auf meine Arbeit stolz bin", sagte er noch im vorigen November. Damit bezog er sich auf seine Rolle im Indie-Film "I'm Not There", der gerade in den USA läuft. "Ich habe das Gefühl, ich verschwende meine Zeit, wenn ich mich wiederhole", klagte er. Das klang wie ein Protest gegen Karriere-Planungen von Studiobossen und Fans, denen Ledger als ideales Modellierungs-Objekt gerade wegen seiner Wandlungsfähigkeit erschien. Die hatte er unter Beweis gestellt - von der Teenie-Komödie "10 Dinge, die ich an dir hasse" (1998) bis zu seiner letzten Rolle, dem durchgeknallten Fiesling "Joker" in der "Batman"-Fortsetzung "The Dark Knight", die im Juli herauskommen soll.

In seinem letzten großen Interview, abgedruckt in der "New York Times", bröckelte erstmals die sorglose Fassade, zeigten sich selbstzweiflerische, fast depressive Züge: "Wen habe ich denn gespielt, wenn ich gespielt habe?"

Schlaftabletten "in der Nähe des Betts"

Seine ersten Rollen waren die von Sunnyboys, Helden und Rittern, er fand sie lächerlich. Nach Mel Gibsons Bürgerkriegsdrama "The Patriot" (2000) proklamierte "Rolling Stone": "Der Newcomer hat das Talent und das Aussehen, ein riesiger Star zu werden." Ledger landete prompt auf dem Cover von "Vanity Fair", unter der albernen Schlagzeile: "We're Havin' A Heath Wave." Seine letzte Rolle war die eines mörderischen Psychopathen. Im düsteren Trailer zu "The Dark Knight" ist er länger zu sehen als der Titelstar des Films, Christian Bale. Ledger starrt mit dem wild verschmierten Clownsgesicht des "Jokers" in die Kamera, das Haar dunkel, wirr und strähnig, der Mund zur grinsenden Fratze verzogen. "Warum so ernst?", fragt er, bevor er ein paar Gebäude und Lkw in die Luft jagt.

"Eine der furchterregendsten Darstellungen, die ich je erlebt habe", staunte sein Co-Star Michael Caine, 75, selbst eine Hollywood-Legende. Die Dreharbeiten nahmen Ledger sichtlich mit. "Letzte Woche habe ich im Schnitt vielleicht zwei Stunden pro Nacht geschlafen", sagte er anschließend. "Ich konnte nicht aufhören, nachzudenken. Mein Körper war fertig, und mein Gehirn lief weiter."

Zur Abhilfe habe er Ambien genommen, ein Schlafmittel. Erst eine Tablette, ohne Erfolg. Dann zwei, woraufhin er wie im Vollrausch eingeschlafen sei - nur um eine Stunde später wieder aufzuwachen, immer noch mit diesem wirrem Wahn im Kopf. "In der Nähe des Betts", sagte Polizeisprecher Paul Browne gestern in Soho, "wurden Schlaftabletten gefunden."

Er hasste die Promi-Rituale

Was wirklich geschah im vierten Stock von Nr. 421 Broome Street, das verliert sich vorerst in der Gerüchteküche der Klatsch-Blogs. Unfall? Selbstmord? Drogen? Ledger habe eine Masseurin ins Haus bestellt, sei dann aber nicht aus seinem Schlafzimmer gekommen, worauf die Haushälterin ihn entdeckt habe. Browne: "Dies wird als eine mögliche Überdosis angesehen, aber das ist noch nicht bestätigt." Eine Obduktion soll heute Klarheit schaffen.

Im Nachhinein scheint vieles oft vorbestimmt. Die Eltern hatten Ledger nach dem lebenslang gemarterten Helden Heathcliff aus Emily Brontes Kultroman "Wuthering Heights" ("Sturmhöhe") benannt. Geboren in Perth, brach er mit 16 die Schule ab, ging nach Sydney, um Schauspieler zu werden, und von dort aus nach Hollywood, wo er zunächst als jugendlicher "Heartthrob" gecastet wurde.

Er nannte das abfällig seine "blonde" Phase, versuchte sich bald an schrägeren Rollen. Etwa die des suizidgefährdeten Henkerssohns Sonny Grotowski in "Monster's Ball" (2001). Viele Angebote lehnte er ab und fraß lieber Nudeln aus der Dose, aus Geldnot. "Mir wurde die Karriere vorgeschrieben", sagte er 2005. "Ich war das Kunstprodukt eines Studios."

Er startete eine Plattenfirma. Er produzierte Musikvideos. Er hatte Lampenfieber in der Öffentlichkeit und hasste die Promi-Rituale: roter Teppich, sinnfreie Fließband-Interviews - und überall Paparazzi, von denen er einen einmal aus Wut bespuckt haben soll. Wofür sich dessen Kollegen revanchierten, indem sie ihn bei der Sydney-Premiere von "Brokeback Mountain" mit Wasserpistolen nass spritzten.

"Wir sahen es kommen"

Am "Brokeback"-Set verliebte er sich in Michelle Williams, die seine Frau spielte. Es war seine erste ernste Beziehung. Auf der Leinwand küsste er einen Mann, was ihm Millionen schwule Fans verschaffte. Im wahren Leben bekamen er und Williams ein Kind, und bei der Oscar- Verleihung 2006 waren sie - auch wenn er den Oscar an Philip Seymour Hoffman verlor - das Glamour-Paar des Abends: er im Smoking, sie im quittengelben Abendkleid.

Sie zogen nach Brooklyn und lebten eine typische New Yorker Familienidylle. Nahmen an Nachbarschaftssitzungen teil, protestierten gegen das Mega-Immobilienprojekt Atlantic Yards, spielten mit Tochter Matilda Rose im Prospect Park.

Doch dann, im August 2007, kam die Nachricht von der Trennung. Ledger zog nach Manhattan, in die Wohnung in der Broome Street, die 23.000 Dollar Monatsmiete kostete. In den Klatschspalten begannen - wahr oder unwahr - Meldungen von durchzechten Nächten zu kursieren, von Suchtproblemen, von Affären am laufenden Band.

"Wir sahen es kommen", sagte ein "Freund" dem Boulevardmagazin "Us Weekly" gestern. "Es war sehr düster geworden." Hinterher wollen es alle geahnt haben.

Ledgers Publizistin Mara Buxbaum gab eine Erklärung heraus: "Wir bitten die Medien, die Privatsphäre der Familie bitte zu respektieren und Spekulationen zu vermeiden, bis die Fakten bekannt sind."

In der Broome Street türmten sich am Abend Blumensträuße und Kerzen zu einer improvisierten Gedenkstätte. Da waren die Unterhaltungssendungen im Kabelfernsehen längst zum nächsten Thema übergegangen: Britney Spears' Freund.



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