SPIEGEL ONLINE: Vielleicht besteht ja noch Hoffnung für Ihre Zweitkarriere. Immerhin haben Sie schon vor drei Jahren, als "Music and Lyrics - Mitten ins Herz" ins Kino kam, gesagt, dass Sie zu alt für Ihr Stammgenre, die romantic comedy, seien. Warum haben Sie mit "Haben Sie das von den Morgans gehört?" eigentlich wieder eine gedreht?
Grant: Der Film ist keine echte romantic comedy, in der sich ja zwei Menschen treffen und sich ineinander verlieben. In den "Morgans" stecken zwei Partner in einer Ehekrise und versuchen, sie zu meistern.
SPIEGEL ONLINE: Und dabei machen sie viel Blödsinn und küssen sich am Ende doch wieder.
Grant: Dennoch unterscheiden sich die "Morgans" vom üblichen Genrestoff. Vielleicht ist das ja der nächste Schritt in meiner Karriere: Filme über erwachsene Themen zu drehen.
SPIEGEL ONLINE: Bei den "Morgans" darf das Publikum über ein Paar lachen, das sich über Untreue, öden Fortpflanzungssex und Adoptionswünsche streitet.
Grant: Eben. Nicht gerade klassische Themen für eine romantische Komödie. Ich habe ein Großteil meines Erwachsenenlebens in einer Beziehung verbracht. Ich weiß alles darüber, also auch, wie sich meine Figur Paul fühlt. Er liebt dieses Mädchen, er hat Scheiße gebaut und will sie zurück.
SPIEGEL ONLINE: Ganz verlassen wollen Sie das leichte Fach aber nicht?
Grant: Ich wüsste gar nicht, was das bringen sollte. Warum sollte ich jetzt in einem ernsthaften Drama mitspielen? Ich bin nicht schlecht darin, ich kann das - aber andere können das besser. Genauso sinnlos wäre es, wenn ich auf einmal breit angelegte, Jim-Carrey-artige Comedy machte - auch das können andere besser. Aber in meinem engen Feld kann ich Expertise anbieten. Und das langweilt mich nicht - abgesehen von diesen typischen Schlussszenen, in denen sich das Pärchen verträgt und küsst. Das habe ich zu oft gemacht. Darum hatte ich übrigens so viel Spaß an "About a Boy". Der Film hatte zwar eine komödiantische Tonalität, war aber keine schmalzige Romanze.
SPIEGEL ONLINE: Sie lästern indirekt über Ihre eigenen Filme. Das wirkt zynisch.
Grant: Ja, ich bin zynisch, was das Hollywood-Geschäft angeht. Aber nicht in dem Sinne, dass ich in Filmen für Geld mitspiele, von denen ich glaube, dass sie scheiße sind. Ich bin stolz auf die Sachen, die ich gemacht habe, ich habe riesige Mengen an Energie und Herz an sie verschwendet. Marc Lawrence, Regisseur und Drehbuchautor von den "Morgans" und "Music & Lyrics", ähnelt sehr Richard Curtis, mit dem ich "Four Weddings and a Funeral" und "Notting Hill" gedreht habe - und auch mir. Wir alle drei sind ziemlich gebildete Menschen, die wenig Lust verspüren, Kunstfilme zu drehen. Wir versuchen Massenunterhaltung zu machen, die nicht dämlich ist und an den billigen Massengeschmack appelliert. Dämliche Unterhaltung zu machen, ist leicht. Eine riesige Anzahl von Menschen zu unterhalten - und zwar mit einer gewissen Intelligenz -, ist es nicht.
SPIEGEL ONLINE: "Ein Zyniker ist ein Mensch, der von allem den Preis und von nichts den Wert kennt." Können Sie mit dem Zitat was anfangen?
Grant: Nein, weder stimme ich der Aussage generell zu, noch finde ich mich darin wieder. Ich bin wirklich nicht so zynisch. Ich werde im hohen Alter sogar ziemlich sanft und soft; ich weine oft bei Filmen, wenn's romantisch wird.
SPIEGEL ONLINE: Bei welchen?
Grant: Gestern habe ich sogar bei "Findet Nemo" geflennt.
SPIEGEL ONLINE: Sie sind Oxford-Absolvent: Wissen Sie, von welchem anderen berühmten Alumnus das Zyniker-Zitat stammt?
Grant: Nein, sorry.
SPIEGEL ONLINE: Von Oscar Wilde, dem scharfzüngigen Kommentator der viktorianischen Gesellschaft. Können Sie etwas mit Wilde anfangen?
Grant: "The Importance of Being Earnest" zählt zu meinen Lieblingsstücken. Ich denke allerdings auch, dass er sehr ermüdend sein kann.
SPIEGEL ONLINE: In vielen Interviews erinnern Sie ein wenig an Wilde: Sie sind charmant, witzig und vor allem auf eine geistreiche Art sehr böse. Außerdem pflegen Sie ein dandyhaftes Image.
Grant: Für mich ist ein Dandy jemand, der sich sorgt, ob seine Perücke sitzt. Das bin nicht ich. Ich werde nie ein Schauspieler sein, der sagt: Ich verneige mich vor meinem Handwerk, ich sterbe, um auf einer Theaterbühne stehen zu dürfen, dort gehöre ich hin, ich liebe es, mich in meine Charaktere zu vertiefen. Das mag der Grund sein, warum Sie diesen Eindruck haben. Eine Menge Schauspielerinterviews sind einfach verdammt langweilig.
SPIEGEL ONLINE: Langweilig zu lesen oder auch zu geben?
Grant: Ich langweile mich sicherlich oft auch selbst zu Tode. Wenn ich erahne, welche Antwort erwartet wird, gebe ich eine andere. Nehmen Sie die Standardfrage: Hat es Ihnen Spaß gemacht, den Film zu machen? Die Standardantwort eines Schauspielers darauf lautet: Ich habe es geliebt, eine wundervolle Erfahrung. Ich sage dagegen: Fuck, nein. Es war elendig.
SPIEGEL ONLINE: Und Ihr PR-Agent liebt sie dafür, weil Sie dieses Image pflegen.
Grant: Um ehrlich zu sein: Mein Image ist mir völlig gleichgültig. Alles, was mich interessiert, sind ein paar Zeitungsspalten mit Gratiswerbung für meinen Film.
SPIEGEL ONLINE: Da spricht der - angeblich altersmilde - Zyniker. Sie werden ja bald 50 - und Sie haben als Dandy mit Dackelblick und Schlag bei Frauen ein sehr enges Rollenprofil. Fürchten Sie nicht, dafür bald zu alt sein? Erleiden Sie womöglich gar ein ähnliches Schicksal wie viele Ihrer Hollywood-Kolleginnen?
Grant: Meine Möglichkeiten verengen sich noch weiter, da haben Sie sicherlich recht. Aber ich denke, dass Männer - generell gesprochen - nach wie vor eine größere Haltbarkeitsdauer als Schauspieler haben als Frauen. Schauen Sie sich nur mal Clint Eastwood an.
SPIEGEL ONLINE: Der gibt aber auch nicht mehr den Liebhaber.
Grant: Muss ich ja auch nicht. Ich muss nur jemanden spielen, zu dem die Zuschauer eine Beziehung aufbauen können, von dem sie wissen wollen, was ihm im Verlauf des Films widerfährt.
SPIEGEL ONLINE: Beschäftigt Sie Ihr Alter sonst?
Grant: Nicht so wahnsinnig. Sicher, niemand freut sich darauf, 50 zu werden, das ist schon ein bisschen beängstigend. Und ich wache sehr wohl manchmal mitten in der Nacht auf und frage mich: Augenblick, wo ist eigentlich meine Familie? Ich will nicht mit 80 allein in einem Altersheim hocken, ohne Kinder und Enkelkinder, das ist traurig. Also: mit der Fortpflanzung muss ich wirklich mal vorwärts machen, das hat jetzt definitiv oberste Priorität.
SPIEGEL ONLINE: Gibt's konkrete Pläne?
Grant: Nein. Ich habe nur den generellen Plan: fortpflanzen.
SPIEGEL ONLINE: Und Sie suchen die richtige Person dafür.
Grant: Ja, das tue ich wahrscheinlich.
SPIEGEL ONLINE: Und als Schauspieler werden wir Sie - entgegen Ihrer Beteuerungen - später einmal im Altersheim sehen, wie Sie Schwestern hinterhersteigen.
Grant: Ach ja, vermutlich haben Sie recht.
Das Interview führte Thorsten Dörting
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