Hollywood-Star Tobey Maguire "Eine Einbauküche schreddern? Kriege ich hin!"

Wenn der Gute zum Gewaltverbrecher wird: In "Brothers" spielt Tobey Maguire einen Afghanistan-Heimkehrer, der die Familie tyrannisiert. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erzählt er von Alkoholsucht, Pokerexzessen - und erklärt, warum er nicht mehr "Spider-Man" ist.

Koch Media

SPIEGEL ONLINE: Herr Maguire, in Ihrem neuen Film "Brothers" spielen Sie den Kriegsheimkehrer Sam. Einige Male werden Sie so wütend, dass in Ihren Augen die Adern platzen.

Maguire: Was würden Sie tun, wenn Sie mit viel Glück die Gefangenschaft in einem Verließ der Taliban überleben, und dann Zuhause feststellen, dass Ihre Frau eine Beziehung mit Ihrem Bruder führt?

SPIEGEL ONLINE: Ich wäre stinksauer.

Maguire: Genau so geht es Sam. In Afghanistan sah er, wie die Taliban seine Kumpels zu Tode folterten. Er überlebt wie durch ein Wunder, hofft auf dem Heimflug, bei Frau und Kind Trost zu finden. Stattdessen erlebt er den ultimativen Betrug.

SPIEGEL ONLINE: Zur Verteidigung von Grace und Tommy - gespielt von Natalie Portman und Jake Gyllenhal - muss man sagen: Die halten Sam für tot. Seine Beerdigung hat bereits stattgefunden.

Maguire: Sam lässt das nicht als Rechtfertigung gelten. Er kann nicht verstehen, dass die beiden sich so schnell mit seinem Tod arrangieren.

SPIEGEL ONLINE: In einer Szene, die einige Minuten dauert, zerlegen Sie mit bloßen Händen eine solide Kücheneinrichtung. Wie oft haben Sie das geprobt?

Maguire: Gar nicht. Wir mussten mit einem kleinen Budget auskommen und hätten uns gar keine zweite Küche leisten können.

SPIEGEL ONLINE: Keine Spezialeffekte?

Maguire: Nein, das waren echte Möbel. Man sieht ja, wie sehr ich mich anstrengen muss, um sie zu zerstören.

SPIEGEL ONLINE: Sie könnten also ohne Hilfsmittel eine beliebige Einbauküche schreddern?

Maguire: Das kriege ich hin!

SPIEGEL ONLINE: Wir wollen nicht übertreiben, aber in einigen Momenten ist Sams Blick so traumatisiert, sein Benehmen so asozial, dass dieser Auftritt an Robert De Niro erinnert, der in "Die durch die Hölle" gehen und "Taxi Driver" die berühmtesten Kriegsheimkehrer der Filmgeschichte spielte.

Maguire: Beide Filme habe ich natürlich studiert. Das ist kein Geheimnis.

SPIEGEL ONLINE: Was ist schwieriger: Für einen Actionfilm wie "Spider-Man" vor einer grünen Wand mit imaginären Gegnern zu kämpfen, die später digital ins Bild eingebaut werden - oder mit Jake Gyllenhal ein Psychodrama aufzuführen, wo Sie von ihm auch mal richtig eine gelangt kriegen?

Maguire: Bei einer großen Actionfilm-Produktion brauchst du vor allem Geduld. Weil alles so aufwändig ist und bis ins letzte Detail geplant wird, wartest du oft stundenlang. Szenen werden fünfzig, sechzig Mal wiederholt, weil jede Bewegung auf den Millimeter sitzen muss. In einem kleinen Drama geht alles sehr schnell, wir können improvisieren. Ich würde sagen: Die Arbeit an "Spider-Man" und "Brothers" unterscheidet sich so wie die eines Hirnchirurgen von der eines Hausarztes.

SPIEGEL ONLINE: Traurig, dass die "Spider-Man"-Serie für Sie beendet ist?

Maguire: Nein. Wir hatten sechs wundervolle Jahre und wir mussten einsehen, dass es Zeit war, etwas zu verändern.

SPIEGEL ONLINE: Aber es klang, als sei diese Entscheidung nicht ganz freiwillig gefallen. Stimmt es, dass Sie dem Studio zu alt sind?

Maguire: Darüber kann ich keine Auskunft geben. Wir haben uns im Guten getrennt.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie es erfahren?

Maguire: Ein Anruf von Regisseur Sam Raimi an einem Montagmorgen. Er teilte Kirsten Dunst und mir mit, dass er sich von der Arbeit am vierten Teil zurückziehe. Damit war klar, dass auch wir nicht länger Teil des Projektes waren.

SPIEGEL ONLINE: Nun haben Sie Zeit, andere Dinge zu tun.

Maguire: Genau, ich kann mich auf meine Produktionsfirma konzentrieren. An drei Filmen arbeite ich derzeit. Und worauf ich mich besonders freue: Leonardo und ich werden mit Baz Luhrman "Der große Gatsby" verfilmen.

SPIEGEL ONLINE: Wer spielt den Gatsby?

Maguire: Dreimal dürfen Sie raten.

SPIEGEL ONLINE: Sie könnten auch Ihre Karriere als professioneller Pokerspieler fortsetzen.

Maguire: Ich spiele kaum noch. Bin doch inzwischen verheiratet mit Kind. Da kann ich nicht jedes zweite Wochenende nach Las Vegas verschwinden. Ich sammle lieber Kunst, das ist ein familienfreundlicheres Hobby.

SPIEGEL ONLINE: Ihre letzte Anschaffung?

Maguire: Ich versuche gerade, ein Gemälde von Neo Rauch zu kaufen.

SPIEGEL ONLINE: Hat Ihre Zurückhaltung mit dem Spiel auch mit dem Alkohol zu tun?

Maguire: Ich war ein bekennender anonymer Alkoholiker, lange bevor ich mit Poker begann. Wer ernsthaft spielt, kann nicht trinken. Aber Sie haben Recht, ich sollte wieder mehr Zeit am Pokertisch verbringen.

SPIEGEL ONLINE: Laut einer offiziellen Statistik nahmen Sie an zwölf professionellen Turnieren statt, bei denen Sie über 200.000 Dollar an Preisgeld gewannen.

Maguire: Das kommt hin.

SPIEGEL ONLINE: 2004 siegten Sie sogar bei der National Championship of Poker.

Maguire: Korrekt. Und es war kein Glück, sondern ich habe richtig gut gespielt.

SPIEGEL ONLINE: Aber in der Pokerszene heißt es, die ernsthaften Summen gingen bei privaten Partien in Ihrem Haus über den Tisch. Die Events hießen "Tobey's Game". Ben Affleck, ein anderer professioneller Poker-Spieler, war Stammgast - über die Jahre gewannen Sie dort Millionen.

Maguire: Und sowas glauben Sie?

SPIEGEL ONLINE: Tragen Sie Brille am Tisch?

Maguire: Manchmal.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Sie Ihr Mentor, der Weltklasse-Spieler Daniel Negreanu, gelehrt?

Maguire: Es ist schwierig, eine Strategie in ein paar Sätzen zu erklären. Das Spiel hat auch viel mit Intuition zu tun. Aber wenn du richtig gut bist, kannst du mit deiner Taktik unabhängig vom Blatt das Risiko senken und den Profit erhöhen. Ganz anders als, sagen wir, beim Investment-Banking.

SPIEGEL ONLINE: Was genau fasziniert Sie an dem Spiel?

Maguire: Man muss die anderen Charaktere am Tisch einschätzen, das Risiko kalkulieren, ständig wichtige Entscheidungen treffen. Das schult den gesunden Menschenverstand - was wiederum sehr wichtig ist, wenn man in Hollywood arbeitet.

Das Interview führte Lars Jensen



insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
Seska Larafey 30.01.2011
1. ...
Super tolles Interview Startet mit dem Film, und endet mit Poker Spielen. Echt, super Duper Interview. Vorsicht, Ironie ist im Spiel
S_Bast 30.01.2011
2. nett sein zu den Loiden
Zitat von Seska LarafeySuper tolles Interview Startet mit dem Film, und endet mit Poker Spielen. Echt, super Duper Interview. Vorsicht, Ironie ist im Spiel
Na ja, der SPON hat nen Textfüller gebraucht um zu pushen, dass es demnächst einen spannenden Afghanistan-heimkehrerfilm gibt. Hätt SPON einfach geschrieben, dass es glaubt, das Mr. Ex-Spiderman mit Robert de Niro mithalten kann, währen alle Taxi-driver fans angep+++++ gewesen. Nu steht der Spidermantyp mit ner höfliche Geste zum Altmeister im Spon und die Fans sind neugierig interessiert. Handwerklich nicht wirklich was zu motzen, die SPON-Empfehlung für den Film ist angekommen und wenn ich grad ins Kino will, während er läuft, geh ich wohl auch rein. Ich hoff ja, der Filmverleih zeigt sich erkenntlich. Auf der Ebene find ich auch das bisschen Kungelei erträglich.
SWB 30.01.2011
3. Mehr davon
Zitat von S_BastNa ja, der SPON hat nen Textfüller gebraucht um zu pushen, dass es demnächst einen spannenden Afghanistan-heimkehrerfilm gibt. Hätt SPON einfach geschrieben, dass es glaubt, das Mr. Ex-Spiderman mit Robert de Niro mithalten kann, währen alle Taxi-driver fans angep+++++ gewesen. Nu steht der Spidermantyp mit ner höfliche Geste zum Altmeister im Spon und die Fans sind neugierig interessiert. Handwerklich nicht wirklich was zu motzen, die SPON-Empfehlung für den Film ist angekommen und wenn ich grad ins Kino will, während er läuft, geh ich wohl auch rein. Ich hoff ja, der Filmverleih zeigt sich erkenntlich. Auf der Ebene find ich auch das bisschen Kungelei erträglich.
Na, Bast, Wichtigtuer beim Erbsenzählen? Das Interview ist unkonventionell, spontan, aufschlussreich. Ob das nebenher einen Film unterstützt, ist uninteressant. Erst recht, dass es anders endet, als Seska erwartet.
Gani, 30.01.2011
4.
Das Interview, wie übrigens viele derartige Interviews bei Spon, ist kurzweilig weil Abwechslungsreich. Ich wette die ganzen Stars schätzen diese Art weil es sie aus dem drögen Promotion-trott erlöst. Aber manche maulen eben aus Gewohnheit.
ötsch 30.01.2011
5. -
Sehr sympatisches Interview! Das allein könnte bei mir den Ausschlag geben, mir auch den Streifen anzuschauen
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