Hollywood-Star Tom Hanks "Nur die Naiven gehen zur Wahl"

Politischer Kopf und profilierter Schauspieler: Tom Hanks, 51, sprach mit SPIEGEL ONLINE über seine moralisch fragwürdige Rolle in "Der Krieg des Charlie Wilson", beklagt das mangelnde Politik-Interesse der Amerikaner - und fordert einen US-Präsidenten, der Schnaps mag.


SPIEGEL ONLINE: Mr. Hanks, in "Der Krieg des Charlie Wilson" spielen Sie einen trinkenden, leichtlebigen US-Kongressabgeordneten, der an Parlament und Regierung vorbei afghanische Rebellen finanziert. Muten Sie Ihren Fans nicht ein bisschen zu viel zu?

Schauspieler Hanks in "Der Krieg des Charlie Wilson": "Niemand will einen politischen Film sehen"
Universal Studios

Schauspieler Hanks in "Der Krieg des Charlie Wilson": "Niemand will einen politischen Film sehen"

Hanks: Wieso? Habe ich irgendwo unterschrieben, dass ich vor der Kamera nicht trinken darf?

SPIEGEL ONLINE: Nun ja, viele Amerikaner glauben immer noch, dass ihr Land durch die starke Hand eines hehren Präsidenten gelenkt wird. Der kommt in Ihrem Film aber nicht vor.

Hanks: Aus welchem Land kommen Sie denn? Ist das bei Ihnen etwa anders? So läuft es nun einmal: Es wird gemauschelt. Die einzige Ausnahme sind Diktaturen. Nur in Nordkorea wird wahrscheinlich genau das gemacht, was der Präsident befiehlt. Nüchtern betrachtet ist das politische Tagesgeschäft wahrscheinlich langsam und irgendwie lächerlich. Aber das ist immer noch besser als die Alternative.

SPIEGEL ONLINE: Die Geschichte des Films basiert auf Fakten. Haben Hasardeure wie Charlie Wilson in Washington tatsächlich einen Freibrief?

Hanks: Im Film sage ich als Wilson an einer Stelle: "Ich komme aus einem Staat, in dem die Bürger einfach nur ihre Waffen tragen und niedrige Steuern zahlen wollen. Das ist alles. Einmal gewählt, kann man eigentlich machen, was man will. Und es existiert ein ungeschriebenes Gesetz: Wenn du jemandem einen Gefallen schuldest, musst du den auch einlösen. Wenn du jemanden im Stich lässt, dem du etwas schuldest, wird kein Mensch jemals wieder mit dir sprechen." Das finde ich faszinierend.

SPIEGEL ONLINE: Läuft es im Filmgeschäft ähnlich?

Hanks: Oh, nein. Da lügen sich die Leute ständig an. Und sie lassen dich ständig im Stich. Ein Gefallen? Der ist morgen schon längst wieder vergessen. Die einzige Ausnahme im Showbusiness ist wahrscheinlich die Wohltätigkeitsarbeit. Wenn du bei jemandem auf einer öffentlichen Veranstaltung aufkreuzt, wird er vielleicht auch zu deiner kommen. So sammelt man seine Spenden. Alles andere ist Business. Und das ist nun einmal extrem unmoralisch.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Film hört da auf, wo das Schreckensregime der von Charlie Wilson ausgerüsteten Taliban beginnt. Fehlt da nicht ein entscheidender Teil der Geschichte?

Hanks: Weil wir nicht die Flugzeuge zeigen, die in die Twin Towers fliegen? Finde ich nicht. Jeder weiß, dass wir das Endspiel in Afghanistan gründlich vermasselt haben. Ich finde Filme langweilig, die ganz offensichtlich eine bestimmte politische Botschaft transportieren. Kein Mensch will einen politischen Film sehen. Der Zuschauer bezahlt Eintritt und kauft damit ein Produkt, und dieses Produkt sollte ihn nicht überfordern. Wenn sich jemand wirklich für den Krieg im Irak interessiert, kann ich ihm sieben tolle Dokumentationen empfehlen. Die sind besser und informativer als unserer oder jeder andere Film über den Krieg. Ich will versuchen, die menschliche Natur abzubilden. Und wenn die gut dargestellt wird, ist der Film spannend. Die Menschen, die Sie in unserem Film sehen, waren ein Haufen Verrückter - und das ist köstlich.

SPIEGEL ONLINE: Interessieren sich Amerikaner noch ernsthaft für Politik?

Hanks: Bei Wahlen in den Vereinigten Staaten tauchen wie viel Prozent der Wahlberechtigten auf? 35 Prozent oder so. Das hat nichts mit Naivität zu tun, das ist reine Ignoranz. Und so ist es, seit ich mich erinnern kann. Es ist komisch: Wenn die Wahlbeteiligung hoch ist, gewinnen fast immer die Demokraten, bei niedriger Wahlbeteiligung gewinnen die Republikaner. Das sagt doch etwas aus über die Hoffnungslosigkeit der Menschen, die sich wirklich engagieren wollen. Sie geben nämlich irgendwann auf. Die Naiven gehen zur Wahl und wählen das, was man ihnen eingetrichtert hat, weil sie meinen, es wird irgendein Wunder geschehen.

SPIEGEL ONLINE: Und was könnte man dagegen tun?

Hanks: Ich wünschte, man würde Politik etwas entmystifizieren. Ich fände es toll, wenn Charlie Wilson kandidieren würde, ein Typ, der verkündet: Ich trinke viel und bin hinter Frauen her, ich liebe Schnaps! Den würde ich sofort wählen. Ist mir viel lieber als jemand, der das Idealbild der amerikanischen Familie predigt. Davon habe ich die Nase voll.

SPIEGEL ONLINE: Ihr nächster Film, die Adaption eines weiteren Dan-Brown-Romans, liegt wegen des Streiks der Drehbuchautoren auf Eis. Wie stehen Sie zum Arbeitskampf in Hollywood?

Hanks: Wir wissen zurzeit nicht, wie es weitergeht. Ich will es einmal so beschreiben: Der Begriff "Entertainment" muss neu definiert werden. Denn ein großer Teil davon spielt sich heute Zuhause beim Zuschauer ab. Die klassischen Formen sind vom Aussterben bedroht. Meine Kinder wollten seit über einem Jahr keinen Film mehr im Kino sehen. Die sehen sich Sachen auf YouTube oder anderswo im Internet an. Man hat rund um die Uhr Zugriff auf Entertainment. Und die fetten Bosse und Konzerne, ich rede hier von den Rupert Murdochs der Welt, müssen bereit sein, hier etwas zu ändern.

SPIEGEL ONLINE: Was zum Beispiel?

Hanks: Wenn die auf Websites ein Produkt anbieten, mit dem sie Profit machen, müssen sie die Autoren daran beteiligen. Wenn die Episode einer Serie drei Millionen Mal heruntergeladen wird, sollte der Autor vielleicht auch ein paar Dollar daran verdienen. Es ist ja nicht nur ein Streik der Autoren gegen die Produzenten, dahinter steht eine Neudefinition des gesamten Showbusiness.

SPIEGEL ONLINE: Wird die Oscarshow in diesem Jahr stattfinden?

Hanks: Ich beobachte das mit großem Interesse, denn irgendwie ist die Show in Hollywood ja immer weiter gegangen. Aber mal ganz im Ernst: Brauchen wir ernsthaft noch mehr dieser Shows? Es gibt doch schon so viele Preise! Ich sehe mir die Oscars ohnehin lieber Zuhause an. Hören Sie, ich bin ein reicher Mann und mir tut diese ganze Geschichte nicht weh. Aber es tut mir Leid für die ganzen Designer, Bühnenarbeiter, Dekorateure oder Limousinenfahrer, die von der Hand in den Mund leben und darauf angewiesen sind. Der Streik bringt sie um ihre Lebensgrundlage, deswegen sollte man schnell eine Lösung finden.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind als guter Geschäftsmann bekannt. Was empfehlen Sie den Streikenden?

Hanks: Fordert nicht eine bestimmte Geldsumme, sondern prozentuale Beteiligung. Wer weiß heute schon, wie viel Milliarden die Studios in zwei Jahren mit Eurer Arbeit verdienen?

SPIEGEL ONLINE: Da Sie in diesem Jahr nun voraussichtlich erst einmal nicht arbeiten können, was werden Sie tun?

Hanks: Schauspielen. Entweder Zuhause, oder beim Zahnarzt.

Das Interview führte Christian Aust


"Der Krieg des Charlie Wilson" (Originaltitel: Charlie Wilson' s War") startet am 7. Februar in den deutschen Kinos



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