Hollywood-Stars Selbst ist der Produzent

Mit dem Independent-Film "My Big Fat Greek Wedding" landete Produzent Tom Hanks den Überraschungshit des amerikanischen Kino-Sommers. Längst gehört es unter Hollywood-Stars zum guten Ton, eine eigene Produktionsfirma zu betreiben. Die Vorteile sind bestechend: Mehr Kontrolle, mehr künstlerische Freiheit, mehr Geld.

Von Helmut Sorge


Schauspieler Hanks, Ehefrau Wilson (bei den Emmy Awards am 22. September): "Ein kulturelles Phänomen"
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Schauspieler Hanks, Ehefrau Wilson (bei den Emmy Awards am 22. September): "Ein kulturelles Phänomen"

Wer hätte - mal wieder - gedacht, dass ein Film, der für geradezu läppische fünf Millionen Dollar produziert wurde, bisher mehr als 120 Millionen Dollar einspielen würde? Das Thema war eher banal: Eine junge Frau. hin- und hergerissen zwischen der Familientradition ihrer konservativen, griechischen Sippe und ihrer eigenen Sehnsucht nach Integration in den American way of life: "My Big Fat Greek Wedding", seit nunmehr 24 Wochen der Überraschungshit der amerikanischen Kinosaison, die wahrscheinlich größte kommerzielle Sensation seit dem Low-Budget-Horrorstreifen "The Blair Witch Project".

Für ihr Drehbuch kassierte Nia Vardalos, eine Kanadierin griechischer Abstammung, 500 Dollar, gerade einmal der Preis für ein Hummer-Essen im "Palms" am Santa Monica Boulevard. Ihre Gage für die Hauptrolle: ursprünglich 150.000 Dollar, so viel wie Bill Clinton für einen 30-minütigen Vortrag fordert. Aber Vardalos, die in Hollywood Probleme hatte, Arbeit als Synchronsprecherin zu finden, wäre schon über eine Fernseh-Adaptation ihres Stoffes beglückt gewesen.

Als ihr Theaterstück 1999 in Los Angeles aufgeführt wurde, klatschte auch Rita Wilson Beifall - deren Mutter stammt aus Griechenland, folglich konnte sie den Kultur-Kampf auf der Bühne sehr gut nachvollziehen. Obendrein ist Wilson mit einem Hollywood-Star verheiratet: Tom Hanks. Sie ermunterte ihren Mann, das Projekt zu unterstützen, nicht unbedingt als Investition, sondern als Unterstützung eines Kunstprojekts.

Autorin und Darstellerin Vardales: Überraschungshit mit "My Big Fat Greek Wedding"
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Autorin und Darstellerin Vardales: Überraschungshit mit "My Big Fat Greek Wedding"

Letztlich brachte Hanks über seine Produktionsfirma Playtone Pictures einige Millionen Dollar zusammen - und kann jetzt abkassieren. Ein Drittel vom Netto-Erlös fließt in seine Tasche. "Ich kann mir auch nicht erklären, warum der Film so eingeschlagen hat", sagt Rita Wilson. Vielleicht, so mutmaßt sie, "laufen alle rein, weil wir ein Land von Einwanderern sind". Inzwischen ist "My Big Fat Greek Wedding" sogar nicht mehr nur ein Kassenschlager, wie die "L.A. Times" analysierte, "sondern ein kulturelles Phänomen".

Nur 20 Millionen Dollar, so viel wie Tom Hanks für seinen letzten Film "Road To Perdition" als Gage kassierte, haben die Produzenten für Marketing und Werbung ausgegeben. An diesem Erfolg eines so genannten "Independent"-Films", der also nicht über das Studio-System Hollywoods finanziert wurde, ist zum einen die Unberechenbarkeit des Filmgeschäftes zu erkennen, zum anderen aber auch der zunehmende Einfluss der Mega-Stars: Sie versuchen sich mittlerweile nicht nur als Regisseure, sondern auch als Produzenten. Selbst der Rapper Ice Cube, dessen Film "Barbershop" - eine freche Komödie über den unfreiwilligen Erben eines Friseurladens an der South Side von Chicago, einem afro - amerikanischem Viertel - schon am ersten Wochenende mehr als 20 Millionen Dollar einspielte, ist Co-Produzent des Independent-Hits.

"Barbershop"- Produzent Ice Cube: Erfolgreich mit frecher Milieustudie
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"Barbershop"- Produzent Ice Cube: Erfolgreich mit frecher Milieustudie

Hollywood-Star Clint Eastwood, dessen neuester Film "Blood Work" zwar positive Kritiken, aber schwache Einnahmen brachte, ist für diesen Film Hauptdarsteller, Regisseur und Produzent zugleich. Auf dem Warner-Studiogelände in Burbank hat der Veteran seit Jahren sein Malpaso-Produktionsbüro etabliert, unter dessen Ägide auch Kassenhits wie "Erbarmungslos" entstanden. Nun aber, meldete das Branchenblatt "Premiere" unlängst, ist auch für die junge Schauspieler-Generation eine eigene Produktionsfirma "zu einem Statussymbol geworden".

George Clooney und sein Freund Steven Soderbergh waren über ihre Produktionsfirma Section Eight für "Ocean's Eleven" und "Insomnia" als Produzenten aktiv, Julia Roberts betreibt ein Büro namens Shoelace, Jennifer Lopez ist über ihre Firma Nuyorican mit dem Columbia-Studio verbunden. Bond-Darsteller Pierce Brosnan produziert über seine Firma Irish Dreams, Robert Redford arbeitet gegenwärtig mit seinen Wildwood Enterprises an der Verfilmung der Erinnerungen Che Guevaras, den "Motorcycle Diaries" - eine Motorradfahrt des späteren Revolutionärs durch das kontrastreiche Südamerika: Armenviertel und Tropenwälder.

Schauspielerin Barrymore: "Charlies's Angels" und kein Ende
DPA

Schauspielerin Barrymore: "Charlies's Angels" und kein Ende

Drew Barrymore, unterstützt von ihrer Freundin Nancy Invonen, die vor ihrer Hollywood-Karriere illustren Fluggästen wie Michael Gorbatschow den Wodka in Privatjets servierte und einem Jazz-Musiker als Assistentin diente, kassierte über ihre Produktionsfirma Flower Films nicht nur 500.000 Dollar Gage für den Hollywood-Hit "Charlie's Angels" und weitere acht Millionen Dollar als Gage für eine der Hauptrollen, sondern zog auch weitere Produktionsdeals an Land - zum Beispiel die Fortsetzung "Charlies Angels 2: Halo".

Einer der ersten Filme, die Michael Douglas mit seiner Firma Furthur produzierte, wurde zu einem Welterfolg: "Einer flog über das Kuckucksnest" (1974). Ursprünglich hatte sich sein Vater Kirk um den Deal bemüht. Vor einigen Monaten stand Douglas übrigens erstmals gemeinsam mit dem Senior, seinem Sohn Cameron und dessen Mutter Diana, einer Douglas-Ex, vor der Kamera - für "A Few Good Years", eine von Furthur mitfinanzierten Familienkomödie.

"Es herrscht Mangel an guten Stoffen", erkannte Douglas schon frühzeitig und wagte den Sprung vom Darsteller zum Produzenten. Aus dem selben Grund versuchen auch Hollywood-Mächtige wie Sharon Stone (Chaos Films), Tom Cruise (C-W Films), Robert de Niro (Tribeca), Nicolas Cage (Saturn) oder Sandra Bullock (Fortis) Drehbücher über ihre eigenen Firmen zu entwickeln. Als Produzenten haben die Schauspieler erhebliche Kontrolle über das Produkt: Sie können sich selbst die Hauptrolle zuschieben, haben Einfluss bei der Auswahl des Regisseurs und der Interpretation des Drehbuches. Als Produzenten können sie nicht nur zusätzliche Gagen einstreichen, sondern Chauffeure, Privatjets und Presse-Berater mit der Steuer verrechnen.

Stummfilmstar Pickford (1922): Produzierende Pionierin
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Stummfilmstar Pickford (1922): Produzierende Pionierin

Bereits vor 75 Jahren haben Hollywood-Größen wie Mary Pickford (United Artists) ihre eigenen Produktionsfirmen gegründet - bis zum Beginn der siebziger Jahre war sie allerdings eher eine Ausnahme. 1973 wurde Julia Philips als erste Produzentin in der Oscar-Geschichte mit dem Preis für den besten Film gewürdigt - für die Gauner-Komödie "The Sting". Hollywood-Stars wie Goldie Hawn, Jane Fonda und Barbra Streisand setzten damals ebenfalls ihre eigenen Produktions-Deals durch. Für ihre Darstellung in "Nell", der Geschichte eines Mädchens, das von ihrem Vater außerhalb der Zivilisation erzogen wird, ist Jodie Foster als "beste Schauspielerin" nominiert worden. Produzentin des Films war sie selbst.

Über ihre Produktionsfirma Egg Pictures versucht Foster, inzwischen Mutter von zwei Kindern, seit Jahren ein Drehbuch über das Leben einer Frau zu entwickeln, die sie fasziniert: Leni Riefenstahl. Ihr Film, so stellt sich Foster vor, werde eine Geschichte über Moral sein, über die "Verantwortung des Künstlers" im Faschismus. Auch Kollegin Salma Hayek, Chefin der Ventanarosa-Produktionsfirma, versuchte sich unlängst an einem Frauen-Thema: Sie brachte einen Film über die mexikanische Malerin Frida Kahlo auf die Leinwand, die Geschichte einer Frau, die nach einem Unfall 30 Operationen durchsteht und sich von den Schmerzen über Malerei erlöst. Der Film (Regie: Julie Taymor, mit Hayek in der Hauptrolle), feierte bei seiner Premiere auf dem Filmfestival von Venedig einen ersten Achtungserfolg.



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