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Hollywood und die Deutschen: Manitu in Metropolis

Von Helmut Sorge, Los Angeles

Die Produzentin Corina Danckwerts, Auslandsbeauftragte der Export-Union des Deutschen Films in Los Angeles, ist sich sicher: "German Cinema" ist in Hollywood wieder gefragt. Nach "Lola rennt" und "Bella Martha" soll nun ausgerechnet "Der Schuh des Manitu" den Ruhm des neuen deutschen Kinos mehren.

Produzentin Danckwerts: "Marlene" brachte den Durchbruch
Volker Corell

Produzentin Danckwerts: "Marlene" brachte den Durchbruch

Die Komposition von Farben, die Erfassung von Geschichte und Geschichten in einer tausendstel Sekunde, das ist ihr schon als Kleinkind im heimatlichen Krefeld ins Bewusstsein geraten: Corina Danckwerts Vater war Fotograf und Kunstlehrer, die Mutter Malerin. Sie selbst befasst sich mit einer anderen Dimension: Film. Mit Andrea Balen und Petra Gallasch, einer Schauspielerin und einer Juristin, hat sie vor sechs Jahren im damals verwohnten, heute aber sehr hippen Stadtteil Silver Lake, L.A., eine Produktionsgesellschaft gegründet, Capture Film. Immer wenn der einstmals vor dem Schrottplatz gerettete Dienstauto mal nicht wollte, stiegen die Jung-Produzentinnen in den städtischen Bus um.

Doch die mühsame Phase des Aufbruchs liegt inzwischen hinter den Pionierinnen - zu ihren Kunden zählt der Multi-Konzern DaimlerChrysler, der mit dem Basketballgenie Kobe Bryant einen Werbefilm machen wollte, oder Fernsehsender wie Sat.1, für die Capture Film soeben das TV-Drama 'Meine Tochter ist keine Mörderin" (mit Nina Petri) komplett in Kalifornien gedreht hat. Der Auftrag, die Hollywood-Dreharbeiten für Joseph Vilsmaiers Spielfilm "Marlene" zu übernehmen, die Geschichte der legendären Marlene Dietrich, brachte vor zwei Jahren den endgültigen Durchbruch.

Die "dritte deutsche Filmwelle" hat sich entzündet

US-Erfolg "Lola rennt": Gute Kritiken, leere Kassen
AP

US-Erfolg "Lola rennt": Gute Kritiken, leere Kassen

"Ich habe Hollywood und Kalifornien langsam aber sicher und gegen meinen Willen lieben gelernt", sagt Corina Danckwerts, "es ist eine sehr widersprüchliche Stadt, und es ist immer wieder aufs Neue spannend, sich den Gegensätzen zu stellen " Und Deutschland?. "Na, ja, eine kleine Wohnung in Berlin oder München, um gelegentlich ein bisschen mehr die Existenz von Nachdenklichkeit in Menschen zu spüren wäre schön", sagt die 37-Jährige. In Los Angeles, wo sie nun seit neun Jahren lebt, muss die ehemalige Philosophiestudentin doch noch immer "eine Überdosis von 'Un-Tiefe'" verarbeiten.

Los Angeles ist eben eine Stadt der Illusionen, der Träumer, die nicht einsehen wollen, dass Hollywood ein Industriegebiet und die Kinowelt wie die Kohlengrube auf Gelsenkirchen ist. Corina Danckwerts ist immer noch überzeugt, dass Kommerz die Kunst nicht erdrücken muss und Regisseure Risiken eingehen können, ja sogar müssen. So wie die deutschen Filmemacher, die nun - unerhofft und unerwartet - in den USA von Kritikern beachtet werden.

"Bella Martha"-Darstellerin Gedeck (mit dem Deutschen Filmpreis als beste Darsellerin): "Simply superb"
REUTERS

"Bella Martha"-Darstellerin Gedeck (mit dem Deutschen Filmpreis als beste Darsellerin): "Simply superb"

Der deutsche Film, meldete unlängst die "Los Angeles Times", ist "en vogue", und eine "dritte deutsche Filmwelle" habe sich nach dem Mauerfall "entzündet": Nach Weimar in den zwanziger Jahren mit Fritz Lang und F. W. Murnau, nach den sechziger und siebziger Jahren mit Rainer Werner Fassbinder, Wim Wenders, Werner Herzog und Volker Schlöndorff folgen nun Tom Tykwer mit "Lola Rennt", Oliver Hirschbiegel und "Das Experiment" oder Sandra Nettelbeck, die mit ihrem ersten Spielfilm "Bella Martha" sogar die Filmkritiker der "New York Times" beeindruckte: Ihr "Süßwerk" notierte das Blatt über die obsessive Köchin Martha, sei "außerordentlich unterhaltsam", obwohl doch "einige Grade von der Perfektion entfernt." "Eindrucksvoll" sei jedoch die "absolute Selbstsicherheit der Regisseurin hinter der Kamera. Die "Martha"- Darstellerin Martina Gedeck sei "simply superb" gewesen, ausgezeichnet also, und noch ein bisschen mehr: "radiant" gar, glänzend.

"Wir Deutschen können wirklich stolz auf uns sein"

Corina Danckwerts ist ob dieser Lobeshymnen sehr angetan. Logisch: Sie ist nicht nur Produzentin, sondern auch die Auslandsbeauftragte der Export-Union des Deutschen Films an Amerikas Westküste. Sie arbeitet unermüdlich, um Kritiker und Publikum mehr für die neuen Filme aus Deutschland zu sensibilisieren, weg von den Klischees, wonach deutsche Filme "so unendlich düster, deprimierend" sind, umhüllt von Steifheit, Humorlosigkeit und Gedanken an den bevorstehenden Weltuntergang.

Western-Klamauk "Der Schuh des Manitu": Synchronisiert und adaptiert

Western-Klamauk "Der Schuh des Manitu": Synchronisiert und adaptiert

Nun endlich sieht die unermüdliche Repräsentantin des deutschen Films eine Tendenz des Umbruchs, eine Loslösung von gerade jenen Klischees. Ein Selbstbetrug? Im Gegenteil, meint sie. Im Rahmen des angesehnen internationalen Filmfestes von Los Angeles, dem AFI Fest des American Film Institutes, will die Auslandsbeauftragte beweisen: "Der deutsche Film gewinnt mehr und mehr Präsenz". In Partnerschaft mit dem AFI werden zehn deutsche Spielfilme unter dem Trademark "Made in Germany" als kleines Festival im Festival gezeigt, weitere zehn deutsche Beiträge, darunter "Der Scherbentanz" von Chris Kraus, sowie Kurz- und Dokumentarfilme werden vom AFI präsentiert.

Am kommenden Sonntag werden die Deutschen ihr "Made In Germany"-Festival in Hollywood mit dem offiziellen deutschen Oscarbeitrag "Nirgendwo in Afrika" eröffnen. Die von Regisseurin Caroline Link erzählte Geschichte einer deutsch-jüdischen Emigrantenfamilie, die in Afrika den Konflikt der Kulturen zu meistern versucht, ist gleichzeitig ausgewählt worden, ins Rennen um die Nominierungen für den Auslands-Oscar 2003 zu gehen. "Wir Deutschen können wirklich stolz auf uns sein", so Danckwerts, der deutsche Film habe sich "thematisch verjüngt" und sei "selbstbewusst, eigenständig und weniger Hollywood-fixiert."

Filmdiva Dietrich (in "Der blaue Engel"): Nur einmal für den Oscar nominiert
DPA

Filmdiva Dietrich (in "Der blaue Engel"): Nur einmal für den Oscar nominiert

Wenn der derzeitige Trend andauern würde, bestätigt die "L.A. Times", könnte das "die Wende" für die deutsche Filmindustrie bedeuten, die seit mehr als 50 Jahren versucht, wieder an die Gloire der Vorkriegsjahre anzuknüpfen, "jener goldenen Ära als der deutsche Film in der Welt als einziger ernstzunehmender Rivale Hollywoods betrachtet wurde." "Das liest man gern", gesteht Corina Danckwerts, nur: "Lasst uns bei aller Freude Realisten bleiben", beschwichtigt sie. "Das Boot", der U-Bootfilm des inzwischen in Hollywood arrivierten Regisseurs Wolfgang Petersen, spielte gerade eben elf Millionen an den amerikanischen Kino-Kassen ein, "Lola Rennt" brachte Hauptdarstellerin Franka Potente und Regisseur Tom Tykwer Hollywood-Akzeptanz, doch nur für knapp sieben Millionen Dollar wurden Tickets abgesetzt. "Bella Martha", der erfolgreichste deutsche Film in diesem Jahr in den USA, brachte bisher nicht einmal drei Millionen Dollar ein.

Das Dilemma der Untertitel

Der Grund: Untertitel. Die amerikanischen Kids, weiß Corina Danckwerts, "wollen alles im Kino, nur nicht lesen". Es ist jedoch nicht nur ein deutsches Dilemma, sondern ein internationales. Denn Amerikaner, die den Deutschen, Franzosen oder Japanern ihre Filme in der jeweiligen Landessprache vorsetzen, lehnen selbst synchronisierte Produkte zumeist ab. Um dagegen anzugehen, sind massive Werbe-Etats nötig - oder mutige Produzenten, die die Regeln brechen und ihre Filme nur synchronisiert anbieten.

Danckwerts mit Darstellerin Christiane Paul (l.): "Lasst uns bei aller Freude Realisten bleiben"
Volker Corell

Danckwerts mit Darstellerin Christiane Paul (l.): "Lasst uns bei aller Freude Realisten bleiben"

Tom Tykwer drehte seinen jüngsten Film "Heaven" mit einem deutschen Kameramann in der Toskana - auf Italienisch und Englisch. Die Produzenten von "Der Schuh des Manitu", die ihren Hit in der nächsten Woche im "ArcLight"-Kino am Sunset erstmals in den USA vorführen, sind das Risiko nun eingegangen. Sie haben ihre Indianer-Komödie nicht nur synchronisieren, sondern sogar adaptieren lassen. Mit anderen Worten: Sie haben den deutschen Pubertäts-Humor in den Übersetzungen auf die US-Zuschauer zugeschnitten, die Winnetou zumeist nicht kennen.

Wahrscheinlich ist der in Israel geborene Moshe Diamant, der einzige Hollywood-Produzent ("The Musketeer"), der Karl-May-Bücher im Buchregal seines Büros stehen hat. Vor Jahren bereits hat er dem sonnigen Muskelmann Ralf Möller eine Rolle als Old Shatterhand angeboten, ein Drehbuch schreiben und Möller zu Reitübungen aufsatteln lassen, letztlich ist das Projekt nie verwirklicht worden.

Nach dieser "Verarschung", glaubt Möller nun, hat eine ernstere Aufbereitung des deutschen Western-Märchens in den USA "wohl kaum noch eine Chance". Ungewiss bleibt freilich, ob der synchronisierte "Manitu" US-Verleiher bei der L.A.-Premiere in der nächsten Woche nicht doch vor Lachen aus dem Sattel wirft und sie davon überzeugt, dass die Indianer-Karikatur an den Kassen nicht lahmen wird.

Lang-Klassiker "Metropolis": Vorbild für die Kino-Enkel
DPA

Lang-Klassiker "Metropolis": Vorbild für die Kino-Enkel

Die amerikanische Bildungs-Elite, von jeher von Kinokunst fasziniert, hat sich vor dem nun erkennbaren Interesse der Kritiker immer wieder mit deutscher Filmgeschichte auseinandergesetzt. Die "Film Society of Lincoln Center" in New York etwa hat vor einigen Monaten unter dem Motto "After the war, before the wall: German Cinema, 1945- 60" 31 deutsche Filme vorgeführt. Manhattans Begegnung mit Liselotte Pulver und Hildegard Knef, Wilhelm Borchert und Hans Söhnker. In Los Angeles wird Marlene Dietrich derzeit nicht nur mit einer Ausstellung im "Hollywood Entertainment Museum" zelebriert, das "L.A. County Museum of Art" zeigte außerdem unter "The devil is an angel" die Filme der deutschen Diva, die nur einmal für den Oscar nominiert wurde, für ihre Rolle als Kabarettsängerin in "Marocco", anno 1930.

Marlene Dietrich symbolisiert nicht nur den "Blauen Engel", die femme fatale vergangener Zeiten, mit ihr verbindet sich auch für Amerikaner deutsche Filmgeschichte, Josef von Sternberg, Billy Wilder, Fritz Lang, dessen 75 Jahre altes futuristisches "Metropolis" - in restaurierter Fassung - eben wieder in Los Angeles beeindruckte. Diese deutschen Giganten haben Klassiker geschaffen, an denen letztlich ihre Kino-Enkel gemessen werden, auch jene, die ihre Werke in den USA vorstellen.

Corina Danckwerts ist überzeugt: Verleiher und Talentsucher werden in der nächsten Woche so manche Reihen des "ArcLight"-Kinos am Sunset Boulevard besetzen, "Sie sind neugierig, denn wir haben etwas zu bieten."

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