Hollywood Wettlauf in die Vergangenheit

Hollywood zieht es nach Hellas. Gleich drei prominente Filmemacher wollen Alexander den Großen zum Leben erwecken. Doch die Risiken sind hoch.

Von Rüdiger Sturm


Eroberer Alexander (Kopf einer 1995 bei Burdur, Türkei entdeckten Statue): Der Hellenen-Herscher kommt nach Hollywood
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Eroberer Alexander (Kopf einer 1995 bei Burdur, Türkei entdeckten Statue): Der Hellenen-Herscher kommt nach Hollywood

Mit 14 hatte Baz Luhrmann größere Träume als Hollywood. Er sehnte sich in die antike Welt Alexanders des Großen. 25 Jahre später sieht es so aus, als könne er den Trip in der Zeitmaschine tatsächlich buchen. Für ein geschätztes Budget von 150 Millionen Dollar will der australische Regisseur ("Moulin Rouge") die Feldzüge des Mazedonien-Eroberers wieder heraufbeschwören. Blut und Sandalen nach Pop und Kurtisanen.

Doch Luhrmann ist bei weitem nicht der einzige Filmemacher, den es derzeit ins vierte Jahrhundert vor Christus zieht. Schon seit Jahren versuchen Oliver Stone und Martin Scorsese ihre Alexander-Projekte auf die Startrampe zu schieben. Bei den Produktionsfirmen hat längst das große Wettrennen in die Vergangenheit begonnen.

Regisseur Luhrmann: Trip in der Zeitmaschine gebucht
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Regisseur Luhrmann: Trip in der Zeitmaschine gebucht

Auf den ersten Blick scheint es, als hätte Luhrmann die besseren Tickets. Unterstützt wird er unter anderem vom Produzentenpaar Dino und Martha De Laurentiis ("Hannibal"), das mit den Universal Studios eineinhalb Jahre lang ein Alexander-Drehbuch entwickeln ließ. Als Autor zeichnet "Schweigen der Lämmer"-Schreiber Ted Tally verantwortlich. Da Luhrmann seinerseits einen Deal mit Twentieth Century Fox hat, stieg auch das andere Studio mit ein, um die immensen Kosten zu schultern. Ein weiterer Verbündeter auf dem Alexander-Feldzug ist Mohammed VI, der 39-jährige König von Marokko. In seinem Land lassen De Laurentiis und Fox ein eigenes Studio für die Dreharbeiten bauen. Der Hollywood-freundliche Potentat wiederum will 5000 Soldaten und 1000 Pferde für die Massenszenen bereit stellen.

Regisseur Scorsese: Der lachende Dritte?
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Regisseur Scorsese: Der lachende Dritte?

Alle Beteiligten verbreiten unerschütterlichen Optimismus: "Wir werden unseren Film machen", beteuert Martha De Laurentiis. Bereits jetzt spekuliert man, den anderen Produktionen ihren Alexander zu stibitzen: Für Scorsese sollte eigentlich Leonardo di Caprio reiten, für Oliver Stone der irische Jungstar Colin Farrell ("Minority Report"). Wenn das nur so leicht wäre. Denn genauso wenig wie die Konkurrenz hat die Luhrmann/Laurentiis-Produktion noch kein offizielles Budget - und damit auch nicht das endgültige Plazet der Geldgeber. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Großprojekt wegen seiner Kostendimensionen in letzter Sekunde gekippt würde. Selbst das Skript ist noch nicht drehreif. Bis spätestens Ende des Jahres soll Ted Tally damit fertig werden. Aber auch wenn er alle Schnellschreib-Rekorde schlägt, nützte das nicht viel. Denn Luhrmann selbst hat noch alle Hände voll mit seiner "La Bohème"-Inszenierung zu tun, die er Ende Dezember auf die Bühne der New Yorker Metropolitan Opera hieven will.

Historien-Blockbuster "Gladiator": Geld und Ruhm locken in die Antike
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Oliver Stones Chancen im großen Alexander-Lauf stehen daher nicht viel schlechter. Zurzeit wartet die Produktionsfirma Intermedia auf die definitive Drehbuchfassung, die Stone selbst schreibt; gleichzeitig versucht sie die Finanzierungsdeals festzuzurren. Martin Scorsese dagegen scheint ins Hintertreffen zu geraten, zumal sein Film von einer Intermedia-Tochter produziert wird und zwei Alexander-Filme unter einem Dach ausgeschlossen sind. Aber selbst hier ist noch nicht das letzte Wort gesprochen. Sollten Luhrman und Stone ins Stolpern geraten, könnte der "Gangs of New York"-Macher sein nächstes Historienepos anpacken.

Für Luhrmanns Produzenten wäre das ein persönlicher Tiefschlag. Martha De Laurentiis kann sich gar nicht vorstellen, dass ein anderer Alexander als erster an den Start geht. Bei Intermedia dagegen sieht man das viel pragmatischer. Hauptsache, der Hellenenherrscher kommt nach Hollywood. Die Firma führte sogar Gespräche mit der Konkurrenz, um sich gegebenenfalls an ihren Alexander-Filmen zu beteiligen.

Regisseur Stone: Schreibt sein Alexander-Drehbuch selbst
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Regisseur Stone: Schreibt sein Alexander-Drehbuch selbst

Doch warum lassen sich die Beteiligten auf diese Wackelpartie ein? Ein 150-Millionen-Film muss mehr als das Dreifache dieser Summe einspielen, um in die schwarzen Zahlen kommen. Das Erfolgsmodell heißt "Gladiator". Der holte sich nicht nur einen ganze Hand voll Oscars, sondern auch noch 458 Millionen Dollar am Box Office. Geld und Ruhm allein erklärt aber noch nicht Hollywoods Antiken-Manie. Mit Wolfgang Petersens "Troy", Michael Manns "Gates of Fire" und einem Hannibal-Epos mit Vin Diesel rollen noch andere Montumentalprojekte heran. Für Intermedia-Chef Moritz Borman sind sie das Schlachtfeld, auf dem das Kinoformat einfach unschlagbar ist. Kristallklares DVD-Bild hin oder her, auf dem Fernseher schrumpfen Schlachten mit zigtausend Kriegern schnell zum Ameisengewusel.

Doch das Historienfieber kann auch schnell wieder abflauen. Ein Flop von "Cleopatra"-Dimensionen reicht, und die Bedenkenträger im Studiomanagement treten auf die Bremse. Streitigkeiten übers Budget führten schon jetzt dazu, dass Ron Howard die Regie beim Schlachtenschinken "The Alamo" niederlegte. Auch Ridley Scotts "Tripoli" scheint gefährdet. Denn ihre Helden mögen Geschichte geschrieben haben, für große Gewinne aus Merchandising-Produkten und Sequels taugen sie nicht. Verglichen mit Harry und Frodo ist der große Alexander eben doch nur eine kleine Nummer.



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