Umstrittener Kunstfilm "Holy Motors": Hokuspokus oder Meisterwerk?

Ein Pro & Contra von und Jörg Schöning

Ein Schauspieler irrt durch Paris und stolpert von einem Filmset aufs nächste: Ist "Holy Motors" höchste Kinokunst oder armseliger Budenzauber? Selten hat ein Film so gespalten wie das neue Werk von Regie-Star Leos Carax ("Die Liebenden von Pont-Neuf"). Auch unsere Kritiker können sich nicht einigen.

MEISTERWERK

Leos Carax ärgert sich über Menschen, die nur noch in der digitalen Welt ihres Computers leben oder den News-Alerts ihres Mobilgeräts folgen, ohne zu fragen, wohin das führt. Das verriet der als öffentlichkeitsscheu und wunderlich geltende Regisseur in diesem Jahr in Cannes, wo "Holy Motors" Premiere hatte.

Erzählt wird ein Tag im Leben von Monsieur Oscar, gespielt vom wunderbaren Denis Lavant, der bereits die Hauptrollen in den frühen Carax-Filmen "Böses Blut" und "Die Liebenden von Pont Neuf" übernommen hatte. Oscar ist offenbar ein Schauspieler, der jeden Tag in zahlreiche Rollen schlüpft. Zu Beginn des Films sieht man ihn morgens als alternden Geschäftsmann aus einem protzigen Anwesen stolzieren und in eine weiße Stretchlimousine steigen. Am Handy mutmaßt er mit einem befreundeten Banker, ob man sich nicht gegen die Übergriffe des Prekariats mit Handfeuerwaffen ausrüsten sollte.

Doch der Banker ist nur die erste Rolle von vielen, die Oscar, einem ominösen Auftragsbuch folgend, im Verlauf der nächsten 24 Stunden übernehmen muss, manche Regie-Anweisungen erduldet er mit stoischer Miene, manche quittiert er mit gequältem Stöhnen. Die Limousine, so stellt sich heraus, ist zugleich fahrende Garderobe und Requisisten-Lager, durch die Pariser Straßen gelenkt von der fürsorglich strengen Chauffeurin und Betreuerin Céline (Edith Scob).

Bald sieht man Oscar in vielerlei Verkleidung: Als bucklige Bettlerin auf der Pont Neuf, als extravagant-ekelhafter Leprechaun auf einem Friedhof, wo er, frei nach Victor Hugo, ein Topmodel (Eva Mendes) in eine Gruft entführt und sich nackt in ihrem Schoß wuselt. Mal muss er den besorgten Kleinbürger-Vater einer halbwüchsigen Tochter mimen, mal im Motion-Capture-Anzug erotische Spiele für ein Fantasy-Game mimen. In einer grandios burlesken Szene, Oscars Mittagspause, wandert er als Akkordeonspieler, zu dem sich nach und nach ein ganzer Zirkus gesellt, durch eine Kathedrale.

Ist das alles nur ein Traum, der Wahn einer gespaltenen Persönlichkeit? Oder kafkaesker Kommentar auf eine Welt, in der wir alle, im Büro, in der Familie, auf Facebook, in der Fremde, im virtuellen Adventure-Spiel, immer neue Rollen einnehmen, uns tarnen, verstellen, wahrlich Oscar-reif perfomen - uns nach und nach verlieren und doch in jeder Situation einen Teil des echten Lebens absolvieren? In Carax' irrealer Welt ist alles gleichzeitig authentisch: Jede Rolle des zunehmend erschöpften Monsieurs existiert parallel zu den anderen und erzählt sich auch dann weiter, wenn der Hauptdarsteller bereits zum nächsten Termin hetzt. Oder nicht?

Carax lässt Fragen nach der Realität seines Szenarios dankenswerterweise gänzlich offen. Er spielt mit Dystopie-Szenarien von Aldous Huxley und Philip K. Dick ebenso wie mit Motiven aus "The Matrix" und den surrealen Mind-Trips seines jüngeren Kollegen Gaspar Noë ("Enter The Void") - und vermengt alles zu einer beklemmenden, melancholischen Frage danach, was uns als geworfener Mensch in ewiger Rollenspiel-Odyssee in Gottes Limo-Flotte noch ausmacht. "Holy Motors" verstört, irritiert, reißt mit, verblüfft, packt seinen Zuschauer mit radikalen, furchtlosen Bildern an der Gurgel - und wirft mehr Fragen auf, als er Antworten liefert. Mehr kann Kino nicht erreichen. Andreas Borcholte

Fotostrecke

9  Bilder
"Holy Motors": Mit dem seltsamen Monsieur Oscar durch Paris
HOKUSPOKUS

Schon im Prolog düpiert "Monsieur Oscar" sein Publikum: Da verkörpert der Regisseur Alexandre Oscar Dupont, der sich als Künstler Leos Carax nennt, einen Schlafenden, der nachts erwacht und durch eine verborgene Tür in ein altes Kino gelangt. Der Schlüssel zu dieser Tapetentür wächst unmittelbar aus Carax' eigener Hand. Was kann das anderes bedeuten, als dass allein der Regisseur das Werkzeug besitzt, um die nun folgenden Filmepisoden zu entschlüsseln? Das Publikum darf sich gern darüber die Augen reiben - es bleibt doch ausgeschlossen.

"Holy Motors" ist Carax' erster Spielfilm seit gut 13 Jahren. Und wie ein übermotivierter Debütant hat er ihn mit Persönlichem überfrachtet. Carax ist unter den Gegenwartsfilmern ein Solitär. Und doch steht sein Renommee in proportional umgekehrter Größe zur aktuellen Bedeutung. Im Grunde hat sich Carax' Kino überlebt. Eine radikalsubjektive Sicht, wie sie in "Holy Motors" aufscheint, ist schlicht anachronistisch.

Wie in fast allen Filmen von Carax spielt auch in diesem Denis Lavant die Hauptfigur: "Monsieur Oscar", das traumhafte Alter Ego seines Regisseurs. In seiner weißen Stretch-Limousine absolviert er einen Parcours, der doch nur wie die Rundfahrt über einen Autofriedhof antiquierter Filmideen wirkt. Einen Einsatz absolviert er als Bettlerin auf einer Seine-Brücke, einst Schauplatz in Carax' berühmtem Mega-Melo "Die Liebenden von Pont-Neuf" (1991). Dann ist er ein irrer Friedhofszwerg, der gleichfalls an vergangene Zeiten gemahnt - in denen surreale Bilderfolgen ohne kleinwüchsige Nebendarsteller offenbar nicht auskommen konnten.

Willkürlich wie irgendein Kurzfilmprogramm ist die Zusammenstellung - womöglich gedacht als Hommage an die Frühzeit des Kinos, an die der Vorspann mit Aufnahmen des Filmpioniers Eadweard Muybridge erinnert, oder später die Pausenmusik, zu der Lavant auf der Quetschkommode aufspielt. Sparsam sind auch die Dekors. Von den megalomanen Sets des einstigen Filmvisionärs ist in "Holy Motors" nicht viel übrig geblieben.

Carax' visuelle Attraktionen beschränken sich auf den apart illuminierten Tanz einer Verrenkungskünstlerin und auf die traurige Kulisse des leergeräumten Kaufhauses "La Samaritaine", von dessen Dach sich eine lebensmüde Diseuse ("Who Are We?") in die Straßenschlucht stürzt. Man munkelt von einem Selbstmord in Carax' naher Bekanntschaft, den dieses emotionale Highlight künstlerisch bewältigen soll.

Geheimnisvoll, bedeutsam und kodiert wirkt das alles - doch nicht aus innerer Notwendigkeit heraus. So wie Denis Lavant eher ein Artist als ein Schauspieler ist, umgibt auch Carax der Nimbus eines Taschenspielers. Nun ist er endgültig bei der Kleinkunst gelandet. "Holy Motors" ist eine Nummernrevue, die aus lauter Trailern besteht und in deren Verlauf der Regisseur zwar ein paar Stars - Kylie Minogue, Eva Mendes, Michel Piccoli - aus dem Zylinder zaubert, sie jedoch ebenso rasch auch wieder verschwinden lässt.

Und wenn am Ende die titelstiftenden Automobile schläfrige Dialoge austauschen, ist diese Sinnhuberei von exakt jener Betulichkeit wie das Gute-Nacht-Geraune weiland bei den Waltons. Der Schlaf der Vernunft gebiert hier Unverständliches. Heilig's Blechle! Jörg Schöning

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Die Metamorphosen des Monsieur Oscar
mischpot 29.08.2012
Zeigt phantasievoll den Spiegel der Wahrnehmungen des 21 Jh.
2. Kunst entsteht (...)
traldors 29.08.2012
im Auge des Betrachters.
3. ... ist doch ganz einfach:
jot-we 29.08.2012
Es ist wirklich ganz einfach: wenn Andreas Borcholte über einem Film das Verdikt "Meisterwerk" auskübelt - taugt er wahrscheinlich nicht mal die Hälfte. Ist empirisch bewiesen und damit diskussionsresistent.
4. Holy motors
stefnigg 29.08.2012
war gestern in amsterdam in diesem film. es sassen 2 ältere damen weit hinter mir, sonst leer. bin seit den LIEBENDEN fan von DENIS LAVANT. mal abgesehn, dass er und seine wildheit überdehnt wird, wirkte das werk auf mich wie kasperletheater, kindergeburtstag wäre zu hoch gegriffen. dass wir alle rollen spielen, ok. dass wir alle einen an der klatsche haben, ok. dieser film sind zuviele smarties. kindisch. am meisten haben die frauen und ich über sexy KYLIE gelacht. irgendjemand muss sie gezwungen haben mitzuspielen. es soll als charakterrolle gedacht gewesen sein, ein witz. PARIS ist schön wie immer. holy motors hat ausser einem schönen plakat nichts.
5. spannend...
schna´sel 29.08.2012
so kontrovers, wie der jetzt schon beim Publikum ankommt, macht der Film mich eigentlich sehr neugierig. Die ganzen "Experten" geben ihr Urteil doch sowieso nur auf Grund ihrer eigenen Vorlieben ab für das was sie für gutes Kino halten. Außerdem: Wann wäre echte Poesie jemals von einer breiten Masse in dem Moment verstanden worden in dem sie entsteht... Ich hoffe nur, dass das kein billiger PR Trick ist. Anschauen werde ich mir den Streifen aber in jedem Fall.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Kino
RSS
alles zum Thema Kino
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 10 Kommentare
  • Zur Startseite

Holy Motors

F 2012

Buch und Regie: Leos Carax

Darsteller: Denis Lavant, Edith Scob, Eva Mendes, Kylie Minogue, Michel Piccoli, Zlata

Produktion: Pierre Grise Productions, Théo Films, Pandora Filmproduktion, Arte France Cinéma, WDR/Arte

Verleih: Arsenal

Länge: 112 Minuten

FSK: keine Angabe

Start: 30. August 2012