Homosexuellen-Doku Freie Liebe unerwünscht

CSD-Parade oder nicht CSD-Parade? Der Dokumentarfilm "East/West – Sex & Politics" begleitet Protagonisten der Moskauer Schwulen- und Lesbenbewegung auf der Suche nach sich selbst - und schildert die Schwierigkeiten der Szene, in einer feindseligen Umgebung zu überleben.


Um die 14 Millionen Menschen leben in Moskau, da müssten eigentlich eine ganze Menge Schwule und Lesben dabei sein. Doch 2006 und 2007 fanden sich zur "Moscow Pride", dem Äquivalent zum international gefeierten "Christopher Street Day", keine 50 Leute, die auf der Straße für ihre Rechte demonstrieren wollten. Immerhin waren etwa doppelt so viele Journalisten da. Und zehnmal so viele Gegendemonstranten, um die Schwulen zur Hölle zu wünschen. Oder zu verprügeln.

Die Bilder des blutenden deutschen Grünen-Politikers Volker Beck, der sich wie einige andere Westler den wenigen russischen Aktivisten angeschlossen hatte, gingen um die Welt. Freie Liebe unter Schwulen und Lesben, so die Botschaft, scheint in Moskau unerwünscht.

Umso nötiger wäre es, dass Schwule und Lesben sich einer Parade anschließen, bei der es um ihre Selbstbestimmung geht. Aber wenn sich kaum ein Moskauer für seine Rechte einsetzt, wozu braucht es dann die Unterstützung aus dem Westen? Das fragte sich auch der deutsche Dokumentarfilmer (und mittlerweile auch als Chefredakteur des Schwulensenders "Timm" bekannt gewordene) Jochen Hick und begann mit der Dokumentation "East/West – Sex & Politics", die am Donnerstag ins Kino kommt. Hick hatte sich zuvor schon höchst spannend und unterhaltsam mit dem schwulen Alltag in Kalifornien ("Sex/Life in L.A.") und der deutschen Provinz ("Ich kenn' keinen – Allein unter Heteros") auseinandergesetzt. Dieses Mal also hängte er sich an die Truppe um den russischen "Pride"-Organisator Nicolai Alexejew, um zu schauen, was denn da los ist.

Es ist ein deprimierendes Bild, das Hick in "East/West – Sex & Politics" von der Schwulen- und Lesbenbewegung in Moskau zeichnet. Denn Alexejew und seine Handvoll Kampfeswilliger sind nicht nur bei den Ultrareligiösen verhasst – selbst in der schwulen Szene gelten sie vielen als Verlierer, die alles nur noch schlimmer machen.

Selbst Ed Mishin, erfolgreicher Verleger der größten russischen schwulen Website und eines Magazins, lehnt politischen Aktivismus ab und hält Alexejew für einen profilneurotischen Spinner. Wie viele andere findet er, dass es doch alles nicht so schlimm sei für Schwule und Lesben in Moskau, man könne ganz gut leben, solange man sich einigermaßen ruhig verhalte. Eine Parade würden die Konservativen nur als Provokation empfinden, und am Ende gäbe es nur noch mehr Beschränkungen. Dass sich so viele Westler an dem Umzug beteiligen, empfinden einige in der Szene sogar als Provokation, andere halten es für die übliche Belehrung der arroganten Westler.

Hick versucht, eine möglichst ausgeglichene Perspektive zu finden und lässt in seiner formal ungewohnt konventionellen Doku viele verschiedene Protagonisten zu Wort kommen, vielleicht ein paar zu viele. Ein erfolgreicher DJ, dem es vor allem um Glamour geht, ein bisexueller Fotograf, der nicht versteht, wo das Problem liegt, ein Aktivist, der seinen Freund bei einem Angriff von Neonazis verloren hat und selbst halbtot geprügelt wurde, ein schriller Travestiekünstler, eine Ikone der Lesbenbewegung – es gibt keine Einheit, keinen gemeinsamen Willen, kein Ziel, dem sich alle verschreiben mögen. Am Ende lässt einen dieser Film noch ratloser zurück als am Anfang. Das macht ihn nicht weniger wichtig.



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fofol 27.11.2008
1. Der ewige Konflikt...
...ist der zwischen Leuten, die nicht mehr diskriminiert werden wollen und Leuten, denen diese Diskriminierung, auch die eigene, Geld einbringt. Und dies nicht nur in Russland. Allerdings haben die schwulen Profiteure in Russland ganz konkret Blut anderer Schwuler an ihren Händen. Es ist im Grunde ein typischer Klassenkonflikt: Reiche, die sich einbilden ihr Geld brächte ihnen Rechte ein gegen Arme, die verstanden haben daß sie Rechte nur durch Kampf erlangen werden und daß die Reichen sie daran hindern wollen um ihre Pfründe zu schützen. Warum ist dem Redakteur (und anscheinend auch dem Regisseur des Films) das nicht klargeworden? Man braucht doch nur z.B. in die Siebziger zurückzublicken, um ähnliches in Deutschland zu finden (Stichwort "Tuntenstreit"). Oder sich die heutige Lage z.B. in Frankreich anzuschauen, wo der heftigste Kampf seit einigen Jahren zwischen reaktionärem schwulem Establishment einerseits und de facto rechtlosen progressiven Schwulen andererseits stattfindet. Solidarität gibt's nicht automatisch, Schwule sind keine besseren Menschen, die Trennlinien verlaufen nicht zwischen "hetero" und "homo". Sondern zwischen "reich" und "arm", zwischen "Macht durch Anpassung" und "machtlos weil nicht anpaßbar", zwischen "gekaufte angebliche Rechte" und "kein Geld zum Rechtekauf, weil echte Rechte nicht käuflich sein können". Dieser den Machtlosen aufgezwungene spezifische Klassenkampf ist zynisch und zu hundert Prozent politisch, und er wird irgendwann offen und gewalttätig ausbrechen. Auch in anderen Ländern als Russland.
hamsterbacke2k6 28.11.2008
2. .
Zitat von fofol...ist der zwischen Leuten, die nicht mehr diskriminiert werden wollen und Leuten, denen diese Diskriminierung, auch die eigene, Geld einbringt. Und dies nicht nur in Russland. Allerdings haben die schwulen Profiteure in Russland ganz konkret Blut anderer Schwuler an ihren Händen. Es ist im Grunde ein typischer Klassenkonflikt: Reiche, die sich einbilden ihr Geld brächte ihnen Rechte ein gegen Arme, die verstanden haben daß sie Rechte nur durch Kampf erlangen werden und daß die Reichen sie daran hindern wollen um ihre Pfründe zu schützen. Warum ist dem Redakteur (und anscheinend auch dem Regisseur des Films) das nicht klargeworden? Man braucht doch nur z.B. in die Siebziger zurückzublicken, um ähnliches in Deutschland zu finden (Stichwort "Tuntenstreit"). Oder sich die heutige Lage z.B. in Frankreich anzuschauen, wo der heftigste Kampf seit einigen Jahren zwischen reaktionärem schwulem Establishment einerseits und de facto rechtlosen progressiven Schwulen andererseits stattfindet. Solidarität gibt's nicht automatisch, Schwule sind keine besseren Menschen, die Trennlinien verlaufen nicht zwischen "hetero" und "homo". Sondern zwischen "reich" und "arm", zwischen "Macht durch Anpassung" und "machtlos weil nicht anpaßbar", zwischen "gekaufte angebliche Rechte" und "kein Geld zum Rechtekauf, weil echte Rechte nicht käuflich sein können". Dieser den Machtlosen aufgezwungene spezifische Klassenkampf ist zynisch und zu hundert Prozent politisch, und er wird irgendwann offen und gewalttätig ausbrechen. Auch in anderen Ländern als Russland.
so weit hab ich selbst noch garnicht gedacht. macht für mich aber auch sinn.... weil ich das auch hier in deutschland seh. ich konnte es nur noch nicht ausformulieren. vielen dank dafür
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