Horror-Klassiker "The Last House On The Left" Gemetzel zum links liegen lassen

Selbst im skandaltrunkenen Horrorkino der Siebziger nimmt Wes Cravens brutales Debüt "The Last House On The Left" eine Ausnahmestellung ein. Jetzt tischt der Altmeister ein Remake der legendären Schlachtplatte auf - und sorgt so für einen faden Nachgeschmack.


Die siebziger Jahre gelten als eine Dekade der globalen Krisen und gesellschaftlichen Konflikte, eine Zeit der Desillusionierung und gleichzeitigen Radikalisierung antiautoritären Protests. Kurz, es war das perfekte Jahrzehnt für ein neues, provozierendes und verstörendes Horrorkino: Zumeist unabhängig und kostengünstig produzierte Filme, die in bis dahin nicht gekannter Konsequenz – oder mutwilliger Dreistigkeit die ästhetischen wie moralischen Normen ihres Genres verletzten, verschoben und neu definierten.

Später wurden einige der damaligen Tabubrecher als stilbildende Klassiker kanonisiert, wie etwa Tobe Hoopers paradigmatischer Schocker "The Texas Chainsaw Massacre" (1974) oder die rabiate Kapitalismuskritik "Dawn of the Dead" (1979) von George A. Romero. Und es ist bezeichnend, dass zu beiden genannten Beispielen mittlerweile Remakes existieren: Als erzählte unser Jahrzehnt nicht ausreichend furchterregende Geschichten, werden laufend Leinwandschrecken der Vergangenheit exhumiert und in einer oft unheilvollen Kombination aus Ideenarmut und wirtschaftlichem Kalkül wiederbelebt.

Denn die klangvollen Titel der Siebziger versprechen dank ihres überdauernden Rufs einen sicheren Erfolg an der Kinokasse, weshalb Hollywoods Wiederholungswahn nun auch "The Last House On The Left" ereilt.

Das Regiedebüt des Horror-Doyens Wes Craven aus dem Jahr 1972 nimmt allerdings selbst im Kontext des an Skandalen wahrlich nicht armen Siebziger-Exploitationkinos eine Ausnahmestellung ein. Zum einen, weil die Genrehistorie Cravens Film bis heute als explizites Fanal der Grausam- und Hoffnungslosigkeit ausstellt.

Zum anderen, weil so viele Menschen ihn zitieren, ohne ihn je gesehen zu haben: Eben aufgrund der Tatsache, dass Zensurentscheidungen und Beschlagnahmungen den Film in etlichen Ländern, darunter auch Deutschland, verstümmelten oder faktisch verschwinden ließen, hat sich "The Last House on the Left" den Nimbus des Verbotenen und Gefährlichen bewahrt.

Umso bizarrer die Situation, wenn jetzt die Neuverfilmung von Regisseur Dennis Iliadis als Remake eines Werks beworben wird, das hierzulande nicht zu sehen und den meisten potentiellen Zuschauern nur vom Hörensagen bekannt ist.

Bevor es um die aktuelle Version gehen kann, muss daher die filmhistorische Mythenbildung rund um das Original hinterfragt werden. In den USA besteht dazu die Möglichkeit, weil dort seit 2002 eine offizielle, weitgehend rekonstruierte Fassung des Film einsehbar ist: Mit einem minimalen Budget von 90.000 Dollar versuchten der Autor und der Regisseur Wes Craven und Produzent Sean S. Cunningham (der später mit dem Slasher "Friday the 13th" Kasse machte) einen möglichst reißerischen Film für die "Second Bill", das billige Beiprogramm der Autokinos und kleinen Lichtspieltheater, zu realisieren.

Ingmar Bergmanns strenges Schuld-und-Sühne-Drama "Die Jungfrauenquelle" (1960) war Vorbild für den spekulativen Plot um die zwei Teenager Mari Collingwood (Sandra Cassel) und Phyllis Stone (Lucy Grantham) aus dem ländlichen Connecticut, deren Ausflug nach New York ein jähes Ende findet: Sie werden von dem Gewaltverbrecher Krug Stillo (David Hess) entführt, der sich mit seinen Komplizen Weasel (Fred Lincoln), Sadie (Jeramie Rain), sowie seinem labilen Sohn Junior (Marc Sheffler) auf der Flucht befindet.

Aufkündigung des Unterhaltungsvertrags

Nach diversen verbalen und physischen Übergriffen fährt die Gruppe mit ihren Geiseln in ein Waldstück, nicht wissend das sie sich nahe Maris Elternhaus befinden. Dort demütigen und vergewaltigen sie die Mädchen, bevor sie Phyllis, und wenig später auch Mari töten. Da der Wagenmotor streikt, suchen Krug und seine Begleiter ausgerechnet Unterschlupf bei Maris Eltern. Als die Collingwoods durch Zufall vom Schicksal ihrer Tochter erfahren, üben sie Selbstjustiz an den Tätern und stehen am Ende sprachlos in den Ruinen ihrer Existenz.

Es ist schwer, das Gezeigte zu beschreiben, ohne dabei selbst in den Marktschreier-Jargon der damaligen Kampagne zu verfallen. Die lockte ein Publikum ins Kino, das sich plötzlich überrumpelt sah: Naturalistische Gewaltdarstellungen, eine semi-dokumentarische Kamera und das ausweglose Leiden der Opfer zwingen den Zuschauer, seine eigene, per se voyeuristische Position in Frage zu stellen. Auch heute beeindruckt diese einseitige Aufkündigung des Unterhaltungsvertrags mit dem Publikum, ebenso wie die Hellsichtigkeit, mit der Craven die brutale Rache der Eltern als letztlich ebenso nihilistisch und selbstzerstörerisch inszeniert wie das unerträgliche Verbrechen an den beiden Mädchen: Die Gewalt in diesem Film bleibt in jeder Hinsicht verheerend.

Abseits dieser genuinen, wenngleich kaum erfreulichen Qualität strotzt der Film von logischen Fehlern, hat einen gelinde holprigen Rhythmus und bleibt in seiner unpolierten Unausgewogenheit samt psychedelischen Soundtrack ein maligner Widerspruch. Wes Craven nannte es rückblickend recht treffend einen "black sheep film": Ein schwarzes Schaf im System des amerikanischen Genrekinos, dessen Berechtigung allein sein kann, die Regeln zu brechen und wahrhaft wehzutun.

So kann man den Film auch als wütenden Ausdruck der Verzweiflung ob des Vietnamkriegs begreifen, als quälenden Tod der Unschuld und Ende des Hippie-Idealismus. Craven selbst sprach vor einigen Jahren einfach von einem dunklen Ort, den er damals besuchen musste, an dem er aber nie mehr sein will.

Die Aussage gilt wohl leider nicht mehr, denn schließlich haben Craven und Cunningham das Remake produziert. Selbiges nimmt das bekannte Handlungsgerüst und baut darum einen effektiven, aber vergessenswürdigen Horrorfilm der neuen Schule. Einige Rollennamen - Phyllis beispielsweise heißt jetzt Page - sowie das Setting wurden leicht verändert, ansonsten folgt die Neufassung der ursprünglichen Geschichte - allerdings mit entscheidenden Abweichungen.

Remake-Grauen zum links liegen lassen

Wo das Original durch formale und inhaltliche Brüche verunsicherte, werden hier routiniert Spannungsmomente abgehakt und die üblichen Sehgewohnheiten befriedigt. Dies gilt insbesondere für die Gewaltszenen, die nun für das erprobte Publikum problemlos goutierbar sind und kein Potential für eine ernsthafte Diskussion des Darstellbaren bieten.

Die vollständige Sinnentleertheit des Unterfangens offenbart sich jedoch am Schluss, wenn das unauflösliche, moralisch-ethische Dilemma von 1972 einem triumphalen Plädoyer für die wehrhafte Kernfamilie weicht. Das blutige Happy End legitimiert eben jene Formen von Gewalt, welche Cravens Film so schmerzhaft anprangerte, und führt damit den gesamten Ansatz ad absurdum.

Bleibt also nur festzuhalten, dass es jetzt zwei Filme mit dem Titel "The Last House on the Left" gibt: Ein infames Exploitation-Werk aus den Siebzigern, das im reißerischen Bruch mit Konventionen zu einer verunfallten, dennoch zwingenden Wahrhaftigkeit gelangte. Und ein stromlinienförmiges Plagiat, das zwar Terror und Transgression behauptet, aber nur die vertrauten, reaktionären Lösungen kennt. Letzteres kann man getrost links liegen lassen.

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.