Horror-Remake "Let Me In" Auch im Süden kann das Blut gefrieren

Die junge Abby ist wunderlich. Sie läuft barfuß durch den Schnee, ordnet Rubiks Zauberwürfel im Handumdrehen und trinkt das Blut von ermordeten Passanten. Der Kinofilm "Let Me In" ist das Remake eines schwedischen Horrorfilms und überzeugt - gerade durch die konsequente Verlagerung in die USA.

Von Jörg Schöning


Es ist der zaghafte Beginn einer Freundschaft, abends, im Dunkeln, auf dem verschneiten Spielplatz. Sie sei zwölf, sagt das Mädchen, das gerade erst in die Nachbarwohnung gezogen ist, jedenfalls "mehr oder weniger". Doch ein Mädchen sei sie nicht. Was ist von so einer zu halten?

Owen (Kodi Smit-McPhee) weiß genau, wie alt er ist: "12 Jahre, 8 Monate und 9 Tage". Abby (Chloë Grace Moretz, "Kick-Ass") aber ist wunderlich: Sie läuft barfuß durch den Schnee, ordnet Rubiks Zauberwürfel im Handumdrehen und muss gestehen, dass der alte Knacker mit der Hornbrille, der zu Hause mit ihr schimpft, nicht ihr Vater ist. Gleichwohl ist er ihr Ernährer, aber das verschweigt Abby wohlweislich. Nachts geht er auf die Jagd, mit Chloroform, Stilett und einem Kanister. Dann greift er sich einen Passanten, schleift ihn ins Gebüsch und sticht ihn dort ab. Wenn Abby später sein Blut trinkt, dampft es fast noch.

Das kalte Grauen ist sehr anheimelnd in dieser Pubertätsromanze. Und das ist auch kein Wunder. Denn was so gründlich die Adern gefrieren lässt, stammt ursprünglich aus dem skandinavischen Tiefschnee und lief 2008 auch in deutschen Kinos unter dem Namen "So finster die Nacht" (Originaltitel: "Let the Right One In") ziemlich erfolgreich. Von Hollywood nicht unbemerkt, hat sich in Skandinavien ein florierendes Genre-Kino entwickelt. Was Mitte der neunziger Jahre mit einem Remake des dänischen Grusel-Thrillers "Nachtwache" begann, steuert mit einer Neuverfilmung der norwegischen Horror-Mockumentary "Trollhunter" durch Chris Columbus schon in Kürze auf den nächsten Höhepunkt zu.

"Sünde und Übel sind in der Welt"

Was diese Filme gemeinsam haben, ist der Thrill, den sie aus geografischen Gegebenheiten entwickeln. In Tomas Alfredsons "So finster die Nacht" schufen die langen Nächte des winterlichen Stockholms den Spielraum für die jugendliche Vampirin. Da ist es umso frappanter, dass das US-Remake nun im Süden der USA angesiedelt ist.

Fotostrecke

9  Bilder
US-Remake "Let Me In": Die kleine Vampirin
Regisseur Matt Reeves ("Cloverfield") hat "Let Me In" in die verschneiten Berge von New Mexico verlegt, genauer gesagt in den März des Jahres 1983. Die präzise Datierung ist wichtig. Mit ihr wird die universelle Liebesgeschichte zweier Teenager US-spezifisch grundiert. Aus dem Schwarzweiß-Fernseher einer Unfallstation ist gleich zum Auftakt Ronald Reagan zu hören, wie er seine berühmte "Evil Empire"-Rede hält. "Sünde und Übel sind in der Welt, und die Schrift, aber auch der Herr Jesus Christ rufen uns auf zum Widerstand." Denn: "Amerika ist gut."

Diese Selbstgewissheit, mit der Amerikas Kreuzzug gegen das "Reich des Bösen" begann, stellt "Let Me In" aus einer kindlichen Sicht in Frage. Von den Halbstarken seiner Klasse gequält und als "Mädchen" verhöhnt, durchlebt Owen den ganzen Horror der Adoleszenz. Der dick wattierte Anorak kann nicht verbergen, dass sich in ihm ein Schwächling verbirgt. Im Vergleich zu Alfredson hat Reeves den Jungen noch ein bisschen einsamer gemacht. Die alleinerziehende Mutter ist nur in bibelfrommen Sprüchen präsent, der Vater nicht mehr als eine Stimme am Telefon.

Gehen und leben oder bleiben und sterben?

Ansonsten aber hat sich der Regisseur respektvoll ans schwedische Original gehalten. Da gibt es Einstellungen, die wie 1:1 übernommen wirken. Nur einige schöne Action-Sequenzen sind hinzugekommen, etwa eine wilde Rückwärtsfahrt mit quietschenden Autoreifen. Sporadisch fallen die Reminiszenzen an die achtziger Jahre aus. Sie beschränken sich im Wesentlichen auf ein frühes "Pac-Man"-Spiel und den zur Thematik passenden Boy-George-Hit "Do You Really Want to Hurt Me".

"Let Me In" ist weniger freizügig als die Vorlage, in entscheidender Hinsicht aber doch expliziter. Den Blick des Jungen auf die nackte Scham der Minderjährigen gibt es im Hollywood-Remake natürlich nicht. Auch haben sich die rücksichtslosen Charaktere aus den schwedischen Sozialbauten in gesichtslose Mittelstandsnachbarn verwandelt.

Doch gerade indem sich Matt Reeves auf die romantische Dimension der Teen-Liaison konzentriert, kehrt er deren düstere Perspektive hervor. Wenn Abby beim Abschied vorm Morgengrauen aus "Romeo und Julia" zitiert - "Ich muss gehen und leben oder bleiben und sterben", - beschreibt das nicht nur treffend die ganze Zwangslage einer Vampirin, deren Bettgeflüster bei Sonnenaufgang ein Ende haben muss. Das Zitat aus Shakespeares Trauerspiel deutet auch schon an, dass die Romanze eine tragische Konsequenz zeitigen könnte.

Denn schließlich fiel zuvor Owens Blick auf alte Schnappschüsse aus einem Fotoautomaten, die Abby und einen jungen Brillenträger zeigten. Sie machten auf bestürzende Weise klar, dass auch der verlebte alte Knacker mit der Brille, der für Abby mordet und sein Leben opfern wird, einstmals verliebt und zwölf Jahre, acht Monate und neun Tage alt war.

Mehr zum Thema


insgesamt 51 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
LeBigMacke 14.12.2011
1.
Zitat von sysopDie junge Abby ist wunderlich. Sie läuft barfuß durch den Schnee, ordnet Rubiks Zauberwürfel im Handumdrehen und trinkt das Blut von ermordeten Passanten. Der Kinofilm "Let me in" ist das Remake eines schwedischen Horrorfilms und überzeugt - gerade durch die konsequente Verlagerung in die USA. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,803504,00.html
Der Großteil des Films *ist* 1:1 übernommen. Und angesichts dessen stellt sich doch die Frage, ob der Film auch irgendetwas besser macht oder neue Perspektiven aufzeigt. Es ist ein überflüssiges Remake, welches nur eine Daseinsberechtigung hat. Nämlich dem einfältigen amerikanischen Publikum diese Geschichte näher zu bringen, was das Original, so ganz ohne US und Effekthascherei, niemals gekonnt hätte.
uchawi 14.12.2011
2. Zu viel des Guten!
Der Artikel macht Lust darauf, den Film zu anzusehen ... und der letzte Abschnitt nimmt dann denen, die das Original nicht kennen, die Spannung. Schade.
BlakesWort 14.12.2011
3. Remake
Tomas Alfredsons "So finster die Nacht" ist ein großartiger Film, dessen Drehbuch von Lindqvist geschrieben wurde. Darin liegt die einzige Schwäche des Films, denn seine Nebenfiguren sind nicht immer so klar definiert wie im gleichnamigen Buch. "Let me In" hat überall gute Kritiken erhalten, "So finster die Nacht" hingegen hat so ziemlich jeden Festivalpreis gewonnen, auf dem er angemeldet wurde und steht bei IMDB unter den Top 250 der besten Filme aller Zeiten. "Trollhunters" ist übrigens ein kleiner, genialer Film. Gib einem "nordischen Regisseur" zwei Millionen und er macht so ein in sich schlüssigen Kunstwerk draus. Gib einem deutschen Regisseur das Geld und er liefert eine Beziehungskomödie nach "Schema F".
canjonero 14.12.2011
4.
Warum soll man sich diesen Film ansehen? Das Original ist sehr gut gemacht, alles stimmt da, Schauspieler, Kostüme, Effekte. Und spannend ist er auch. Hier gab es wirklich keinen Grund für ein Remake. Gut, gabs bei den Larsson-Filmen auch nicht, scheinbar hat Hollywood einfach zu viel Geld...
Europas 14.12.2011
5. Originaltitel
Der Originaltitel ist natürlich nicht "Let The Right One In", sondern "Låt den rätte komma in". Einer der wenigen Filme, bei denen sogar Untertitel erträglich sind, auch wenn man die Sprachen nicht spricht, da eh recht wenig gesprochen wird und man nicht ständig nur liest. Und da ja im Artikel schon genug (zuviel!) gespoilert wurde: Eigentlich ist ja eben nicht die Scham einer Minderjährigen zu sehen. Wie wird denn dieser nicht unwesentliche Aspekt im Remake dann ausgedrückt? Und ein Hinweis auf die erfolgreiche Romanvorlage wäre vielleicht auch schön gewesen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.