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01. September 2018, 20:35 Uhr

Horror-Remake "Suspiria" in Venedig

Verhext und aufgebläht!

Aus Venedig berichtet

Sogar der Himmel zürnte, als das Remake des Horror-Schockers "Suspiria" beim Filmfest in Venedig gezeigt wurde. Gruselig ist aber vor allem die überambitionierte Aufblähung des Klassikers.

Ein Schelm, wer Hexenwerk vermutete, als bei der Gala-Premiere des Musikdramas "A Star Is Born" am Freitagabend ein gewaltiges Gewitter über dem Lido di Venezia niederging. 15 Minuten lang musste der außer Konkurrenz gezeigte Film von Bradley Cooper und Lady Gaga wegen eines Blitzeinschlags im Festivalpalast pausieren. Minutenlangen Jubel gab's am Ende trotzdem. Den erhoffte sich wahrscheinlich auch der Regisseur Luca Guadagnino, der mit "Suspiria" am Samstag gleich das nächste publikumsträchtige Festival-Highlight hinterher schickte.

"Buzz" im Internet und Branchenkreisen bekam Guadagnino ("A Bigger Splash") nicht nur deswegen so viel, weil er in diesem Jahr mit seiner berührenden Männer-Romanze "Call Me By Your Name" bei den Oscars gefeiert wurde, sondern auch, weil er sich an einen von vielen Fans kultisch verehrten Klassiker des Horror-Genres gewagt hatte. "Suspiria" ist eine Neufassung des gleichnamigen Films von Schocker-Legende Dario Argento, der vor 41 Jahren ins Kino kam.

Der 1971 geborene Regisseur half im Vorwege der Premiere kräftig mit, die Spannung zu schüren, indem er Argentos phantasmagorisch-blutrünstige Hexensaga als Initialzündung für seine kreative Psyche, wenn nicht für sein späteres Schaffen als Filmkünstler bezeichnet hatte - und dem Publikum "die erschreckendste Kino-Erfahrung", die man sich vorstellen könne servieren wollte.

Applaus und Buhrufe

Das Problem bei solchen, wenn auch ironisch gemeinten Ankündigungen: Man sollte sie auch einhalten. Guadganinos "Suspiria", mit 152 Minuten ein knappe Stunde länger als das Original, schleppt sich leider über weite Strecken durch einen mäßig schockierenden Plot und wird durch eine überladene Meta-Erzählebene gebremst, wo er munter und mutig auf Schreck und Grusel setzen könnte.

Bei der Pressevorführung hinterließ der Film ein sehr polarisiertes Publikum, es gab beherzten Applaus, aber auch viele Pfiffe und Buhrufe. Man fühlte sich an den vergangenen Venedig-Jahrgang erinnert, als Darren Aronofksys mit ähnlicher Neugier erwarteter Horrorfilm "Mother!" gezeigt wurde und die Kritiker spaltete.

Genrekino hat es immer schwer im Arthouse-Gewerbe - und bei den großen US-Preisen, für die Venedig als Rampe gilt, sowieso. Vielleicht dachte sich Guadagnino deshalb, er müsste zusätzlich zum Horror noch eine möglichst politisch geladene Geschichte erzählen, um für Anspruch und Gravitas zu sorgen. Vielleicht lag es aber auch an Drehbuchautor David Kajganich ("The Terror"), der unlängst zugab, gar kein Fan des Argento-Klassikers zu sein.

Anders als das Original spielt die neue "Suspiria"-Fassung im Jahre 1977, und zwar im geteilten Berlin, direkt hinter der Mauer. Dort steht, mit faschistischer Architektur dräuend, die für ihre expressionistischen Arbeiten bekannte Tanzschule, an der die junge Amerikanerin Susie Bannion (Dakota Johnson) einen der begehrten Plätze ergattert hat. Obwohl sie keinerlei formale Ausbildung hat, erkennt die Top-Choreografin Madame Blanc (Tilda Swinton) schnell, wie viel Potenzial in der jungen Elevin mit dem schimmernden roten Haar steckt. Achtung: Vielleicht nicht unbedingt nur zum Balletttanz!

Machtkampf der Hexen

Denn Kenner des Originals wissen: Die Schule ist Heimat und Operationszentrale eines uralten Hexenzirkels, geleitet von der okkulten Mater Suspiriorum, der "Mutter der Seufzer", die mit viel sinistrer Magie und bösem Willen Einfluss auf die Weltgeschicke nimmt. Alle paar Jahrzehnte muss sie offenbar neu inkarnieren, daher ist eine sektenartig organisierte Tanzschule voll willfähriger junger Frauen ein sehr gutes Rekrutierungsbüro. Anders als ihre Vorgängerin Patricia (Chloe Grace Moretz) und auch die skeptische Sara (Mia Goth), erweist sich Susie als perfektes Gefäß für die dunklen Mächte, die nicht nur im Keller des Gemäuers walten. Allerdings hat sie durchaus ihre eigene Agenda im Intrigenspiel der Hexen, das sich offenbart.

Eine frühe Schockszene, bei der ein Frauenkörper analog zu einer expressiven Tanzperformance von Johnson grotesk verdreht, gebrochen und zerstört wird, verheißt Angstzustände und Übelkeit, Grundelemente der Gruselkino-Lust, für den weiteren Verlauf des Films, doch immer wieder schiebt sich ein obskures Narrativ über die deutsche Geschichte dazwischen, vom NS-Greuel über die schmerzhafte Teilung des Landes bis zum Terror des deutschen Herbstes, in dem die Handlung spielt. War vielleicht auch die damals in Stammheim inhaftierte RAF-Vordenkerin Ulrike Meinhof eine der Hexen-Mütter?

Das alles bleibt leider so bleiern und matt wie die bleichen Ostberliner Tristesse-Farben, in die Guadagnino seinen Film tüncht, erst gegen Ende, im absurd überdrehten Finale, streckt er sich nach den Farb-Orgasmen des Argento-Films, reicht aber nicht heran. Das Ergebnis ist kein neues Gore-Fest für die Sinne, sondern reichlich unausgegoren.

Eine weitere Rolle für Swinton?

Immerhin hat man dadurch viel Zeit, sich der sehr schönen und spannungsreichen Score- und Soundtrack-Musik von Radiohead-Sänger Thom Yorke zu widmen. Oder sich zu fragen, ob sich hinter dem angeblich greisen deutschen Schauspieler Lutz Ebersdorf, der einen Psychiater mit dem verräterischen Namen Jozef Klemperer spielt und das Hexenwerk aufdecken will, nicht vielleicht doch die stets wandlungsfähige Tilda Swinton in einer weiteren Rolle verbirgt.

Guadagnino hat entsprechende Gerüchte dementiert und behauptet, er habe den völlig unbekannten Ebersdorf als "frisches Gesicht" entdeckt. Der Mime habe in den späten Fünzigern in München die radikalexperimentelle Theatergruppe Piefke Versus mitgegründet, heißt es. Na klar.

Zumindest dieses Rätselraten macht die Beschäftigung mit "Suspiria" unterhaltsam. Mit bisherigen Wettbewerbs-Höhepunkten wie "The Favourite", "Roma" und der Western-Anthologie "The Ballad Of Buster Scruggs" von den Coen-Brüdern kann Guadagninos zeitgeschichtlich aufgeblähter Hexensabbat nicht mithalten. Und das liegt nicht (nur) am Genre-Fluch.

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