Horror-Schocker "Hostel 2" Wiederkehr der Schauermär

Wenn es nach Eli Roth geht, ist die Schmerzgrenze noch lange nicht erreicht: Im Folterfilm "Hostel 2" versucht sich der Regisseur am letzten Schrei einer Hardcore-Ästhetik. Herauskam nur ein zum Schreien öder Film.


Das Grauen kündigte sich lange an, aber der Anblick ist dennoch schwer zu ertragen: In einem Kellergewölbe hängt eine junge Frau nackt über einem Becken. Darin liegt eine andere, ebenfalls unbekleidete Frau und beginnt, mit einer Sense auf das Opfer einzustechen. Das folgende buchstäbliche Blutbad hat zusammen mit weiteren drastischen Gewaltszenen aus "Hostel Part II" bereits vor dem offiziellen Start des Films heftige Debatten ausgelöst.


Dabei ist der Eklat weder neu noch überraschend, denn wie sein Vorgänger wirbt auch die Fortsetzung explizit mit sadistischen Auswüchsen auf der Leinwand. Verroht, frauenfeindlich und schlicht menschenverachtend sei das Sequel zum letztjährigen Kassenerfolg, urteilten postwendend etliche Stimmen. Andere Kritiker argumentieren dagegen mit der absurden Qualität des Schockers, dessen hyperbrutale Tableaus nicht mehr als eine enthemmte Wiederkehr der moralischen Schauermär darstellten.

Der Trend zur Tortur

Wohl niemand wird mit dieser Debatte gelassener umgehen als Regisseur und Autor Eli Roth, der Herbergsvater des extremen Kino-Horrors. Daher mag ihn die Rechtfertigung seines neu aufgelegten Grand Guignol auch weit weniger interessieren als die Verteidigung seiner Vorreiterrolle im inflationären Markt der Multiplexmassaker. Denn die Marterszenarien einer scheinbar endlosen "Saw"-Reihe, mittlerweile zweier "The Hills Have Eyes"-Filme sowie Roths eigener Rucksacktouristentortur haben eine Spur aus künstlichem Blut und realen Rekordeinnahmen hinterlassen.

Auf selbiger suchen nun etliche Nachahmer ihr kommerzielles Heil, weshalb in Hollywood immer neue, vermeintlich tabubrechende Reißer in Produktion gehen. Und spätestens seit den Übergriffen des TV-Agenten Jack Bauer in der Thrillerserie "24" sind Folterbilder kein Privileg des "Splat Pack" um junge Filmemacher wie Roth, Alexandre Aja ("Haute Tension", "The Hills Have Eyes") oder James Wan ("Saw", "Dead Silence") mehr. Aus den Schmuddelecken der Videotheken wurde die brutale Ikonografie des Siebziger- und Achtziger-Jahre-Horrors in den Mainstream des 21. Jahrhunderts gespült, was hartgesottene Genre-Exegeten ebenso beschäftigt wie besorgte Medienwächter.

Folter als Erfolgsmodell

Als "Torture Porn", Folterpornographie, bezeichnete der amerikanische Kritiker David Edelstein dieses Phänomen massentauglicher Gewaltspektakel, und das Label passt zum effektheischenden Stil der bezeichneten Filme. Doch Eli Roth wäre nicht er selbst, ließe er ein solches Etikett für seine Kerkerexkursionen gelten.

Tatsächlich konnte "Hostel" zumindest in Ansätzen als krude Kapitalismuskritik überzeugen: Amerikanische Backpacker, die auf der Suche nach billigem käuflichen Sex durch Europa marodieren, werden in der Slowakei Opfer eines abgründigen Menschenhandels, dem das titelgebende Jugendhotel als Fassade für einen Folterkeller dient.

In dem dürfen zahlungskräftige Geschäftsleute aus aller Welt die geköderten Gäste gegen Bezahlung quälen und töten, was Roth in seinen zahllosen Interviews durchaus überzeugend als Kommentar zum Irakkrieg, der postkolonialen Ausbeutungslogik und dem Verfall der westlichen Welt im Allgemeinen verkaufte.

Augenscheinlich bedurfte ein derart kühn formuliertes Thema weiterer Beschäftigung, denn "Hostel Part II" erzählt exakt dieselbe Geschichte noch mal – mit einigen entscheidenden Variationen. Diesmal sind es drei junge US-Amerikanerinnen, die einen fatalen Ausflug ins grimmig gezeichnete Osteuropa machen. Beth (Lauren German), Whitney (Bijou Phillips) und Lorna (Heather Matarazzo) haben kaum im Hostel eingecheckt, da landen sie auch schon auf der Angebotsliste der Todeshändler. Den einzigen, wirklich gelungenen Versuch einer galligen Satire präsentiert Roth denn auch mit der Sequenz, die biedere Familienväter und aalglatte Manager beim digitalen Ersteigern ihrer potentiellen Opfer zeigt.

Der wahre Horror

Die perverse Internetauktion inklusive bitterböser "1,2,3 ...meins!"-Euphorie bleibt jedoch einsamer kreativer Höhepunkt einer quälend mäandernden Inszenierung, deren Kardinalsünde die gänzlich missratene Psychologisierung der Figuren ist. Denn in dem Moment, da Roth in vulgärfreudianischer Manier die Motive der Täter und – im buchstäblichen wie übertragenden Sinne – das Innenleben der Opfer ausbreitet, verrät er die schlichte Stringenz seiner Schauermär. Was bleibt ist eine mühsam als Systemkritik verkleidete Selbstjustiz-Apologie, die ihren Mangel an Spannung durch mal pubertär-alberne, mal schlicht willkürliche und ideologisch fragwürdige Schock- und Ekeleffekte kaschiert.

Die schmerzlichste Pein bleibt jedoch die Pflicht, diesen grobschlächtigen Ideenbankrott trotz aller Defizite gegen hysterische Zensurforderungen verteidigen zu müssen. Denn selbst die unappetitlichste Horrorfiktion kann nicht annähernd die inhumane Schaulust und ethische Erosion beschreiben, welche sich etwa in den Handy- und Internetfilmen realer Alltagsgewalt manifestiert.

Man kann also getrost den kritischen Blick vom runtergekommenen "Hostel" abwenden, solange man die Auseinandersetzung mit den wirklichen Verwerfungen einer medialisierten Gesellschaft niemals aus den Augen verliert.



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