Trickfilm-Spaß "ParaNorman": Ich sehe tote Menschen - und sie nerven

Von David Kleingers

Lebe lieber paranormal! Die Macher des Trick-Meisterwerks "Coraline" legen furios nach und schicken in "ParaNorman" einen hellsichtigen Schüler durch einen Parcours des Schreckens. Seine Abenteuer mit Toten und Untoten sind gruselig, unterhaltsam - und familientauglich.

Die meisten Menschen finden es erfreulich, wenn sich ein kleiner Junge angeregt mit seiner Großmutter unterhält. Der 11-jährige Norman Babcock tut genau das, doch erntet er dafür zu Hause bestenfalls Kopfschütteln. Denn so sehr Norman seine Oma mag, so tot ist sie auch.

Dass sie nun als gesprächiger Geist auf der Fernsehcouch sitzt, wollen ihm weder seine Eltern noch die große Schwester glauben. Nur Norman sieht und hört die Verstorbene. Und dazu zahllose andere Dahingeschiedene: rastlose Gespenster aus mehreren Jahrhunderten, Greise, Kinder und sogar Haustiere. Sie bevölkern unbemerkt von den übrigen Einwohnern die Straßen der Kleinstadt Blithe Hollow in New England. Norman grüßt sie täglich auf dem Weg zur Schule, während die Menschen um ihn herum nur einen schmächtigen Jungen mit Stromschlagfrisur und umschatteten Augen wahrnehmen, der augenscheinlich mit sich selbst redet.

So führt "ParaNorman", der entzückende Stop-Motion-Animationsfilm von Chris Butler und Sam Fell ("Flushed Away"), seinen zunächst sehr einsamen Helden ein. Denn ob unter Geistern oder Lebenden, Norman ist ein Sonderling in beiden Sphären. Besonders trifft Norman die Ausgrenzung in der Schule, wo ihn der amtierende Schulhofrüpel Alvin als Freak tituliert. Schon daran gewöhnt, allein zu sein, überrascht ihn der Beistand durch den gleichaltrigen Neil. Ob seines Übergewichts selbst Ziel pubertären Spotts, hat sich Neil dennoch ein extrem sonniges Gemüt bewahrt. Dementsprechend kann ihn nichts vom Entschluss abbringen, fortan Normans Freund zu sein, am wenigsten dessen eher zurückhaltende Reaktion auf so viel Enthusiasmus.

Horror fürs Herz und mit Hirn

Schnell ist Norman jedoch froh, nicht mehr allein zu sein. Denn mit dem anstehenden 300. Jahrestag der Hinrichtung einer vermeintlichen Hexe durch die puritanischen Vorväter von Blithe Hollow droht übernatürliches Unheil: Während die Stadt ihre makabere Historie als touristische Attraktion vermarkten will, wird Norman inmitten der Probe zur dazugehörigen Schulaufführung von einer Schreckensvision heimgesucht.

Damit nicht genug taucht plötzlich sein mutmaßlich verrückter Onkel Mr. Prenderghast auf und warnt vor dem Fluch der Hexe. Kurz darauf verstirbt der verschrobene Verwandte, doch sein ebenso enervierender Geist lässt wissen, dass nur Norman die Gemeinde vor sicherer Verdammnis bewahren könne. Wie und warum bleibt indes zu klären, was nicht eben einfach ist, wenn ein apokalyptischer Sturm heraufzieht, morsche Gerippe ihren Gräbern entsteigen und hysterische Erwachsene ihren klugen Kindern im Weg stehen.

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Stop-Motion-Film "ParaNorman": Manchmal untot, immer geistreich
Leidenschaftliche Liebe zum Horrorkino durchzieht den Film, von einer furiosen Hommage an Leinwandmonster in der cleveren Anfangsequenz bis hin zu charmanten Details wie dem Umstand, dass der Klingelton von Normans Mobiltelefon die Titelmusik von John Carpenters "Halloween" ist. Ganz wie sein gruselbegeisterter Protagonist zeigt "ParaNorman" reichlich Sympathie für tragische Schreckgestalten, denn auch ein Zombie hat es schließlich nicht leicht im (untoten) Leben.

Stimmige Schauermomente und turbulenter Slapstick schließen sich hier keineswegs aus, sondern greifen virtuos ineinander. Eine besonders verwegene Verfolgungsjagd zwischen Zombies und dem erweiterten adoleszentem Team um Norman zeitigt etwa einen ähnlichen kinetischen Irrwitz wie einst Sam Raimis "Evil Dead II", wenngleich natürlich weitaus familientauglicher und ohne blutige Exzesse.

Der Ursprung wahren Übels

Autor und Co-Regisseur Butler wirkte zuvor als Storyboardkünstler an Henry Selicks wunderbarer Kinoadaption von Neil Gaimans Erzählung "Coraline" mit. Wie "Coraline" wurde "ParaNorman" von der Produktionsfirma Laika in Oregon realisiert, und mit Selicks Meisterwerk teilt der Film neben dem faszinierenden Puppenspiel einen wirklich sinnvollen Einsatz von 3-D-Fotografie. Dass "Coraline" mit seiner traumwandlerischen Auslotung unserer Urängste der sublimere, sinnlichere und mithin unheimlichere Film ist, schmälert beileibe nicht die Qualitäten von Normans rasantem Abenteuer.

Dazu zählt neben waghalsiger Komik das ernsthafte Anliegen, die wahren Übel in Blithe Hollow zu benennen. So stößt Norman bei seiner Suche nach dem Ursprung des Fluchs auf eine todtraurige Geschichte, die über Generationen hinweg verleugnet wurde und das anfängliche Feindbild verkehrt. Indem er unter anderem auf die historischen Hexenprozesse von Salem verweist, nimmt "ParaNorman" die Wende hin zu einer Auflösung, die zunächst überrascht und dann zutiefst berührt.

Am Ende sind nicht Geister, Zombies oder Hexen zum Fürchten, sondern Bigotterie und die fehlgeleitete Angst vor allem Andersartigen. Ohne nun selbst das Predigen anzufangen, setzt der Film diesen menschlichen Monstrositäten viel Phantasie, Witz und Herz entgegen. Denn wer die Welt nicht in den Zwängen des Gewöhnlichen veröden sehen will, der lebe lieber paranormal.

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insgesamt 19 Beiträge
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1. Untote = familientauglich???
beth-el 23.08.2012
Mag ja sein, dass der Film aus technischer Sicht erstklassig ist, aber edukativ wertvoll würde ich einen Film über Untote, Hexen und die Kommunikation mit ihnen nun wirklich nicht bezeichnen. Was sollen die Kinder daraus lernen? Sie sollen lieber mit Untoten sprechen (als ob dies normal wäre), weil ihnen die Lebenden nicht mehr zuhören? "Denn wer die Welt nicht in den Zwängen des Gewöhnlichen veröden sehen will, der lebe lieber paranormal": sorry, aber die sogenannten Zwänge des Gewöhnlichen gibt den Kindern Struktur und Halt in einer Welt, die nach immer mehr Superlativen strebt. Alles, was heute normal ist, ist morgen schon langweilig. Deshalb wird nach immer neuen Extremen gesucht. Ob im Sport, in Videospielen, Musikvideos, im Umgang miteinander etc. Dabei hilft es nicht, dem Film am Ende einen Anstrich von Moral zu geben, wenn Kinder letztlich bereits in jungen Jahren an Horror gewöhnt werden. Dass eben dieses Genre sehr viele Gefahren birgt, ist nun wirklich nicht abzustreiten.
2. Fsk?
DonCarlos 23.08.2012
Wäre ja interressant zu wissen, ob der Film nicht nur für den 11-jährige Norman geeignet ist.
3. Wahnsinn
meinmein 23.08.2012
Das ist ein Trickfilm und Trickfilme sind für Kinder, also familientauglich. Ich behaupte mal, dass das gesamte Kinderprogramm im TV Gift für unsere Kinder ist, obwohl es zumeist aus Zeichentrickfilmen besteht. Auf dass unsere Kinder selbst zu Zombies werden!
4. Unglaublich
macmeinung 23.08.2012
Hier mehrfach die Familientauglichkeit zu betonen ist doch ein Hohn. Der Autor/die Redaktion scheint selbst kinderlos zu sein. Für unter 10jährige ist der Film undenkbar – soviel ist schon nach diesem kurzen Bericht augenscheinlich. Leider wird vermutlich auch dieser Film mal wieder ab FSK 6 freigegeben werden. Das zeigt aber auch die Schwächen dieses Systems –*es ist zu undifferenziert. Der Abstand zwischen FSK 6 und 12 gleicht einem Quantensprung und FSK 0 sollte sowieso verboten werden. FSK 3 wäre schon sinnvoller. P.S.: ja, es ist mir klar, dass die FSK Empfehlungen ausspricht und die Eltern für den Medienkonsum ihrer Kinder verantwortlich sind, aber viele scheinen ja auch zu glauben, dass Cola gesund ist, weil sie 0 gr Fett enthält ...
5. Mal langsam...
menkenke 23.08.2012
Coraline zB dürfte wesentlich kindgerechter (jetzt mal Kind als 9 plus x Jahre definiert) sein als alle möglichen Realkrimiactionsonstwasverfilmungen. Kinder kennen Spuk und Grusel von klein auf, die meisten lieben es. Natürlich müssen Eltern mitdenken und dürfen nicht schlagwortartig reagieren nach dem Muster "Spuk/Untote/Hexen=schlecht und böse" oder "Trickfilm =niedlich und kleinkindgerecht". Ich erinnere mich noch an die Zeichentrickverfilmung von Felidae in den 90gern, als die Kinokassierer unbedarfte Mütter mit ihren Kleinkindern (6/8 Jahre) trotz ausdrücklicher Jugendreigabe erst ab 12 geradezu gewaltsam vom Kinobesuch abhalten mussten wg. der alprtraumhaften Tierexperimentszenen, die integraler Bestandteil der Geschichte und des Filmes waren... Wie immer gilt: Differenzierung schadet nicht.
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ParaNorman

USA 2012

Regie: Chris Butler, Sam Fell

Buch: Chris Butler

Mit den Stimmen von: David Kunze, Andreas Wittmann, Gabrielle Pietermann, Hannes Maurer, Kim Hasper

Produktion: Laika Entertainment

Verleih: Universal

Länge: 93 Minuten

FSK: Ab 12 Jahren

Start: 23. August 2012