Horrorfilm extrem: Massaker im Multiplex

Von David Kleingers

Der Mainstream hat Blut geleckt: Extrem brutale Horrorfilme wie "Saw", "The Hills Have Eyes" und "Hostel" zitieren die Genre-Vorbilder aus den Siebzigern und feiern Erfolge an der US-Kinokasse. Woher rührt die neue Lust am Schmerz?

Auch im tiefsten Trash findet sich manch erhellende Erkenntnis: Es war im sechsten Teil der monotonen Schlitzersaga "Freitag, der 13.", da ein kauziger Totengräber das morbide Treiben um den maskierten Serienkiller Jason in einem Satz zusammenfasste: "Some folks have a strange idea of entertainment."

An diesen sonderbaren Sinn für Unterhaltung appelliert auch eine neue Generation von Horrorfilmen, die an die harte Genreschule der siebziger Jahre anknüpft. Waren explizite Gewaltdarstellungen in der Vergangenheit fast ausschließlich in Nischenproduktionen zu finden, die das eingegrenzte Feld aus einschlägigen Festivals, Importvideotheken und Fanmagazinen beackerten, hat der Mainstream mittlerweile Blut geleckt. So schickt sich nach den Überraschungserfolgen "Saw" und "Saw 2" sowie den ertragreichen Remakes von "The Texas Chainsaw Massacre" und "The Hills Have Eyes" nun "Hostel" von Eli Roth an, die makabre Schaulust des Multiplexpublikums auszuloten.

Die Werbe-Kampagne zum Film, der beim US-Start prompt auf Platz eins der Kinocharts schnellte, ist gleichsam drastisch und simpel: Das Plakatmotiv zeigt, wie eine Bohrmaschine in den geöffneten Mund eines Mannes gehalten wird; die von unablässigen Schreien begleiteten Trailer warnen und werben zugleich mit dem Versprechen ungeheuerlicher Brutalität. Das Schlüsselwort des Marketings ist schlicht: Schmerz.

Entsprechend skeptisch beobachtet der Zuschauer die spätpubertären Exzesse der amerikanischen Rucksacktouristen Paxton (Jay Hernandez) und Josh (Derek Richardson), die zu Beginn des Films gemeinsam mit ihrer isländischen Urlaubsbekanntschaft Oli (Eythor Gudjonsson) durch das Rotlichtviertel Amsterdams ziehen. Die Aussicht auf noch kostengünstigeren käuflichen Sex lässt sie schließlich in die Slowakei reisen, wo ein als Geheimtipp gehandeltes Hostel mit eindeutigen Offerten der ansässigen Dorfschönheiten lockt.

Angriff des "Splat Pack"

Dort findet die dauerpubertäre All-Inclusive-Sause jedoch bald ein jähes Ende, denn die Herberge ist lediglich Fassade für einen Folterkeller, in dem depravierte Geschäftsleute aus aller Welt gegen Bezahlung die geköderten Gäste quälen und töten dürfen. Das letzte Drittel seiner plakativen Kolportage widmet Regisseur Roth diesem Orkus, der mit seinem rostigen Interieur als infernalischer Freizeitpark für Hieronymus-Bosch-Fans daherkommt.

Um das darin breit ausgespielte Grand-Guignol zu beschreiben, genügen dankenswerterweise einige Reizwortpaare: Finger und Kettensäge. Zehen und Zange. Auge und Schere.

Der Film zeigt dabei letztlich weniger, als seine dräuende Selbstbewerbung behauptet, aber mehr als genug, um profunden Ekel auszulösen. Weit bedeutender als die grafischen Details der Marter bleiben jedoch die Fragen, die derartige Repräsentationen von Gewalt zwangsläufig aufwerfen.

Es sind beileibe keine neuen Debatten, welche "Hostel" und die anderen aktuellen Blutgerichte anstoßen - die Legitimation respektive Verdammung der ästhetischen und inhaltlichen Grenzüberschreitung begleitet das Genre seit seinen Ursprüngen. Wo aber sieht sich der im Interview so charmante Eli Roth mit seinem kruden Kellerhorror in der ewigen Diskussion über Für und Wider des Angstkinos?

Nicht ohne Stolz verweist er im Gespräch auf einen englischen Journalisten, der in Anlehnung an die als Brat-Pack titulierten Teenager-Stars der Achtziger jüngst James Wan ("Saw"), Alexandre Aja ("The Hills have Eyes") und Roth selbst zu maßgeblichen Protagonisten des "Splat-Pack" ernannte.

Insbesondere der Franzose Aja hat mit seinem Schocker "Haute Tension" das Subgenre des Splatterfilms reanimiert. Sein Remake des Wes Craven-Klassikers "The Hills Have Eyes" ist denn auch ungleich blutiger als das Original, lässt jedoch die subversive Zivilisationskritik der Vorlage vermissen: Diente Craven der im atomaren Ödland angesiedelte Existenzkampf zwischen einem Mutantenclan und einer amerikanischen Musterfamilie noch als Allegorie für die Entmenschlichung einer auf Gewalt basierenden Gesellschaft, so zurrt Aja am Ende des Gemetzels die Blutsbande wieder fest und restauriert symbolisch jene konservative Familieneinheit, die er zuvor 90 Minuten lang aufs Gröbste zerlegt hatte.

Für die US-Filmindustrie sind die erfolgreichen Neo-Exploitationfilme eine willkommene Ergänzung zum Angebot der quasi jugendfreien Japan-Horror-Remakes: Während dort körperlose Gespensterkinder durch die Kommunikationskanäle der Einsamkeit geistern, fallen die rabiaten amerikanischen Psychopathen gleich mit der Tür ins Schlachthaus.

Das Blut der Anderen

Jungstar Eli Roth sieht seine Vorbilder ebenfalls in den Siebzigern: "Mich beeinflussten Pier Paolo Pasolinis 'Salò' und Ruggero Deodatos 'Cannibal Holocaust', zwei heftig angefeindete Filme, die sich auf unterschiedlichste Weise mit dem italienischen Faschismus auseinandersetzen." Sein "Hostel" thematisiert die schuldige Schaulust auf und vor der Leinwand - wenn auch nicht bei weitem so stringent wie Craven oder Alejandro Amenabárs selbstreflexiver Voyeurismus-Thriller "Tesis" (1996) - doch was Roths morbide Moritat wirklich auszeichnet, ist der Blick für die grausame Konsequenz eines marodierenden Kapitalismus: Ob Sex im Bordell oder Tod im Keller, hier ist alles gleichermaßen käuflich.

Für den Regisseur ist ganz klar, warum seine Landsleute wieder harte Horrorfilme sehen wollen: "Wie haben einfach Angst, denn wir werden von einem Schimpansen regiert und führen einen Krieg, den wir niemals gewinnen. Horrorfilme helfen, die eigene Angst zu verstehen." Selbstverständlich erinnerten die sadistischen Szenen in "Hostel" unweigerlich an die Folterbilder aus dem Irak, so Roth, doch die politische Dimension endet für ihn nicht dort: "Nur 12 Prozent der Amerikaner haben einen Reisepass, aber dennoch denken wir, dass wir die Welt kennen und vor allem besitzen. Die jungen Amerikaner in meinem Film etwa glauben, dass sie Frauen zu ihrem Vergnügen kaufen können. Aber dann werden sie selbst als lebende Ware an den meistbietenden versteigert und müssen - genau wie die USA heute - erkennen, dass es Feinde gibt, auf die unser vermeintlich allmächtiger Dollar keinen Einfluss hat."

Nun räumt Roths aufklärerischer Elan keineswegs die Zweifel daran aus, ob Ausbeutung denn ausgerechnet mit den Mitteln der Genre-Exploitation angeprangert werden kann. Aber sein Film schafft zumindest das, was die sonderbare Unterhaltung des Horrorkinos seit jeher leistet: Potente Alptraumbilder zu produzieren, die unsere gegenwärtigen Schrecken reflektieren und für anderthalb Stunden auf die Leinwand bannen.

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