Horrorfilm "Hell": "Wir fressen uns nicht, wir schlachten uns bloß"

Von Jörg Schöning

Ein höllisch gutes Lichtspiel: In seinem Regiedebüt "Hell" entwirft Tim Fehlbaum das gleißende Horror-Bild einer zerstörten Welt - Wälder verbrannt, Straßen verödet, alles Vieh verendet. Zwei Frauen und ein Mann kämpfen ums Überleben.

Der Firnis unserer Zivilisation ist dünn. "Wir fressen einander nicht", konnte Lichtenberg noch sagen, "wir schlachten uns bloß."

Das war im 18. Jahrhundert. "Hell" spielt in der nahen Zukunft. In fünf Jahren hat eine Klimakatastrophe Deutschland zerstört. 2016 sind die Wälder verbrannt, die Straßen verödet, alles Vieh ist verendet. Von der Zivilisation ist nicht viel übrig geblieben - ein paar "Ja!"-Milchtüten und der "Mr. Tom"-Erdnussriegel erinnern noch an sie. Golfschläger sind wieder das, was mit ihrer Hilfe doch eigentlich sublimiert werden sollte. Sie dienen dem Menschen primär als Keulen.

Durch eine staubige Einöde irren in einem klapprigen Caravan drei Überlebende auf der Suche nach Wasser, das sie sich in den südlichen Bergen erhoffen. Bis an die Nasenwurzeln vermummt, sehen sie aus wie ein zu allem entschlossener Tuareg-Trupp auf dem Weg durch die Sahara. Marie ( Hannah Herzsprung aus " Vier Minuten") hat sich mit ihrer jüngeren Schwester (Lisa Vicari) dem Besitzer des pannenanfälligen Automobils ( Lars Eidinger aus " Alle Anderen") angeschlossen - ein nur scheinbar freier Zusammenschluss freier Menschen, dessen schiere Lebensnotwendigkeit Marie noch am klarsten durchblickt. Zu dem Trio ist mit dem Mechaniker Tom (Stipe Erceg aus " Die fetten Jahre sind vorbei") ein weiterer Vertreter praktischer Vernunft gestoßen. Dann aber gehen sie Jägern in die Falle, woraufhin die Solidargemeinschaft auseinanderbricht.

Schon die Besetzung spricht für den Willen, "Hell" nicht als Bückware im Schmuddelregal einschlägiger Videotheken verstauben zu lassen. Produziert hat das Erstlingswerk des Schweizer Regiedebütanten Tim Fehlbaum, Absolvent der Filmhochschule in München, Thomas Wöbke. Der hat schon vor Jahren, etwa mit Hans-Christian Schmids Hacker-Thriller "23", bewiesen, dass Außenseiterthemen im Hauptstrom des deutschen Gegenwartskinos kommerziell nicht ganz chancenlos sind. Gut beraten war der erst 28 Jahre alte Regisseur zudem vom Weltuntergangsroutinier Roland Emmerich ("The Day After Tomorrow"), der im Abspann als Executive Producer firmiert.

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Endzeitdrama "Hell": Die Apokalypse erreicht Deutschland
Fehlbaums Vorbilder - von Tarkowskis Endzeitvision "Stalker" (1979) bis zu US-Zombiefilmen - hat sich "Hell" selbstbewusst einverleibt. Der Publikumspreis beim Fantasy Filmfest beweist, dass der Film auch aktuelle Mitbewerber - beispielsweise " The Road", die Verfilmung des thematisch verwandten Romans von Cormac McCarthy (2009) - erfolgreich aus dem Weg beißen kann.

Der Mensch ist hier des Menschen Wolf

Anders als im Genre des apokalyptischen Films sonst gang und gäbe, ist "Hell" keine Ausstattungsorgie. Neben der trivialen Markenware des alltäglichen Gebrauchs wirken auch die Schauplätze, die auf die Leinwand geraten, ausgesprochen gegenwartsnah. Sie beschränken sich im Wesentlichen auf einen gesichtslosen Autobahnabschnitt, die Tankstelle an einer beliebigen Bundesstraße, einen zappendusteren Eisenbahntunnel und einen Einödhof im Bayerischen. Nur für die gespenstischen Szenen, die in einem zu Holzkohle frittierten Hochwald spielen, musste das Team nach Korsika fliegen.

Auffälligstes Ausstattungsstück ist gleißendes Licht. Oft handelt es sich um schlichte Scheinwerferstrahlen, die das Filmmaterial partiell überbelichten und damit auch den Betrachter blenden. Klug lässt die Kameraführung in "Hell" das Publikum andererseits dann wieder im Dunkeln. Absenzen der Protagonisten infolge harter Schläge auf den Hinterkopf reißen wiederholt Löcher in die Erzählung, die vom Zuschauer selbst gefüllt werden wollen - und aktivieren dadurch dessen Denkvermögen.

Der erste Teil des Films spielt noch unter strahlendem Himmel, im zweiten verfinstert sich der Horizont. Auf einem abgelegenen Gehöft, auf das sich die Heldin Marie zunächst als einzige rettet, trifft sie auf ein Hinterwäldlervölkchen, das der ortsüblichen Christenpflicht zur Nächstenliebe nicht etwa mental, sondern physisch nachkommt - indem es sich nach dem Nächsten und den dann tatsächlich verzehrt. Hier stellt sich der vagabundierenden Jungschar ein alteingesessenes Sozialprinzip in den Weg, nämlich das der entfesselten Konkurrenz. Hier ist der Mensch dem Menschen ein Wolf. Übers Fortkommen entscheidet in "Hell" nun freilich nicht mehr das übliche Zähnefletschen - in "Hell" wird zum Zwecke des Überlebens wirklich zugebissen.

Angela Winkler als verhuschtes Muttertier einer Horde depravierter Menschenfresser ist mehr als ein gelungener Besetzungscoup - die souveräne, ganz und gar in sich ruhende Darstellungsweise der einstigen Schaubühnen-Schauspielerin stellt die panischen Fluchtbewegungen, die den Film bis dahin vorwärtstrieben, augenblicklich ruhig. Dem nun einsetzenden Keulen verleiht die "Katharina Blum"-Darstellerin, die ihre Kinokarriere 1969 mit "Jagdszenen aus Niederbayern" begann, geradezu filmhistorischen Rang.

Zudem tritt im Zweikampf zwischen ihrer martialischen Matriarchin und Hannah Herzsprungs Marie die Hauptschlagader von "Hell" deutlich hervor. Es sind unterschiedliche weibliche Lebensmodelle, die hier aneinandergeraten. Aus der radikal femininen Perspektive, die "Hell" 90 Minuten lang konsequent durchhält, ergibt sich schließlich das größte Wagnis, das Fehlbaum mit seinem Film eingegangen ist: dass sich das an Hektoliter von Hämoglobin gewohnte, mehrheitlich männliche Horror-Publikum während der gesamten Zeit mit dem Anblick von wenigen Tropfen Menstruationsblut zufrieden geben muss.

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1. ...
Mardor 20.09.2011
Danke, SPON. Wieder einmal wurde ich davor bewahrt, Zeit und Geld im Kino zu verschwenden.
2. Dann schon lieber...
CargoPeer 20.09.2011
Zitat von MardorDanke, SPON. Wieder einmal wurde ich davor bewahrt, Zeit und Geld im Kino zu verschwenden.
...auf Ice Age 4 im nächsten Sommer warten, gell?
3. ein bisschen hiervon....
Zynisch_Kontrovers 20.09.2011
Habe den Film in der Sneak gesehen und war wirklich angenehm überrascht, ob der Umsetzung. Für eine deutsche Produktion wirklich gut, macht wenig Aufhebens um Effekthascherei, sondern erzählt die Geschichte eben genau in der Tristess, in welcher der Film handelt. Einzig die viel zu zurückhaltende Herzsprung hat mich etwas gestört. Zu weinerlich, zu schüchtern und gleichzeitig zu passiv. Kann man sich aber trotzdem anschauen. Man sollte aber auf nichts unerwartetes hoffen. Hat man alles schon gesehen in Book of Eli, The Road und sogar Wrong Turn findet sich in Hell wieder. Dass SPON übrigens spoilert ist extrem bitter! Nimmt dann doch irgendwie den (vorhersehbaren) Überraschungsmoment!
4. ...
Retiramas 20.09.2011
Schöner Artikel mit ordentlicher Aussage, arg verklausuliert formuliert... Muss etwas, das mit Kultur zu tun hat so seltsam zu lesen sein, damit man weiss, dass es um Kultur geht? Kurze, verständliche Sätze waren doch mal chic bei Zeitungen. Ist doch keine Prosa... "Aus der radikal femininen Perspektive, die "Hell" 90 Minuten lang konsequent durchhält, ergibt sich schließlich das größte Wagnis, das Fehlbaum mit seinem Film eingegangen ist: dass sich das an Hektoliter von Hämoglobin gewohnte, mehrheitlich männliche Horror-Publikum während der gesamten Zeit mit dem Anblick von wenigen Tropfen Menstruationsblut zufrieden geben muss."
5. Ochnö
Cassandra105 20.09.2011
Das ist mit Abstand immer das Dümmste an all diesen postapokalytischen Stories, Kannibalen. Die Leute kämpfen eigentlich ums Überleben, aber für eine aufreibende Menschenjagd bleibt natürlich Zeit - zumal an den überlebenden Menschen ja auch noch so viel Fleisch dran sein dürfte... Erstaunlich ist auch, dass die Pflanzen alle verbrannt sind - wo man sich dann fragt, wie da jetzt nun noch genug Sauerstoff in der Luft sein soll. Der Mensch braucht schließlich eine Mindestsättigung und neben der fehlenden Sauerstoffproduktion dürften auch durch die Feuer das meiste davon verbraucht sein. Der Mensch ist sich selbst der Wolf, das ist dermaßen ausgelutscht, weil es in Filmen der absolute Standard ist, dass Menschen sich plötzlich gegenseitig sinnlos umbringen, wenn sie eh ums Überleben kämpfen. Da sind Ausnahmen schon eine positive Überraschung. Ich weiß den Namen nicht mehr, aber es gab da mal einen Horrorfilm über einen parasitäten Organismus, der nur aus Stacheln bestand und in andere Organismen damit hineinwuchs. Interessant war, dass es mit einem Überfall anfing, ein Raubmörder und seine Frau, die ein Pärchen auf der Straße als Geißel nahmen, um mit ihnen das Land zu verlassen. Während der vorher eher schüchternde Biologiestudent im Laufe des Horrors aus sich heraus kam, u.a. weil er sein biologisches Wissen einbringen konnte, hat der Kriminelle die Notwendigkeit der Zusammenarbeit erkannt, damit auch er überleben kann und wurde kooperativ. - Weitaus sinnvoller als diese immergleiche MadMax-Gangs Getue.
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Hell

Deutschland/Schweiz 2011

Regie: Tim Fehlbaum

Drehbuch: Tim Fehlbaum, Thomas Wöbke, Oliver Kahl

Darsteller: Hannah Herzsprung, Lars Eidinger, Stipe Erceg, Angela Winkler, Lisa Vicari

FSK: ab 16

Start: 22. September 2011