Horrorfilm "Mama" Mutti ist die Bestie

Gruselige Kaspar-Hauser-Kinder treffen auf die Hollywood-Schönheit Jessica Chastain, und das alles unter der Leitung von Horrormeister Guillermo Del Toro - "Mama" könnte ein Fest für Gruselfreunde sein. Und tatsächlich erinnert der Film an einen Klassiker: Frankenstein. Nur leider unfreiwillig.


Wohl dem, der treue Freunde hat: Das Horrorgenre kann sich auf eine der loyalsten Zielgruppen überhaupt verlassen. Obwohl keineswegs unkritisch, sind Horrorfans oft Komplettisten, die erst einmal bereitwillig alles ansehen, was halbwegs Schrecken verspricht. Dies ist ein Grund für die häufig hohen Einspielergebnisse an den US-Startwochenenden, mit denen auch "Mama" glänzen konnte.

Die kanadisch-spanische Co-Produktion stand ohnehin unter guten Vorzeichen. Die Grundidee hatte der argentinische Regisseur und Co-Autor Andrés Muschietti zuvor in einem Kurzfilm entwickelt, der Genre-Doyen Guillermo Del Torro ("Hellboy", "Pans Labyrinth") so sehr gefiel, dass er als Executive Producer die abendfüllende Adaption unterstützte. Hinzu kommt die prominente Besetzung der weiblichen Hauptrolle mit Jessica Chastain, Oscar-nominiert für ihre eindringliche Darstellung einer CIA-Agentin in Kathryn Bigelows "Zero Dark Thirty".

Doch leider enttäuscht "Mama" mit erschreckender Konsequenz. Missratene Horrorfilme gibt es genug, aber ein derartig hilflos aus Versatzstücken zusammengeschustertes Frankenstein-Monster von einem Film sieht man nicht alle Tage. Dabei lässt der Prolog noch hoffen: Im Jahr 2008 macht die Finanzkrise den verzweifelten Manager Jeffrey zum Mörder, der im Wahn seine Geschäftspartner und seine Ehefrau tötet. Mit seinen beiden Töchtern, der dreijährigen Victoria und der einjährigen Lilly, fährt er daraufhin aus der Stadt, entschlossen, erst die Kinder und dann sich selbst umzubringen.

Dann doch lieber Koma

Ein Unfall auf verschneiter Straße verschlägt die drei in ein einsames Waldgebiet, wo sie schließlich in einer vermeintlich verlassenen Hütte Zuflucht suchen. Kurz bevor der Vater seinen furchtbaren Vorsatz in die Tat umsetzen kann, greift eine diffuse, computergenerierte Geisterdame ins Geschehen ein und bricht Jeffrey das Genick - und das des Films gleich mit, denn schon vor der Titelsequenz ist alles Wesentliche enthüllt.

Was folgt, ist ein zäher Parcours durch Konventionen und Klischees: Erst fünf Jahre später werden die beiden verwahrlosten Mädchen im Wald aufgefunden und landen in der Obhut von Jeffreys Bruder Lucas (Nikolaj Coster-Waldau) und seiner Freundin Annabel (Chastain). Während ein Bilderbuch-Psychologe (Daniel Kash) noch rätselt, wie Victoria und Lilly scheinbar ohne fremde Hilfe in der Wildnis überleben konnten und wer oder was jene Mama ist, von der die beiden Wolfskinder mit ihrem rudimentären Wortschatz sprechen, sind die Zuschauer längst schlauer sowie latent angeödet.

Denn selbstverständlich kann die übernatürliche Ziehmutter nicht von ihren Schützlingen lassen und ist ihnen eifersüchtig ins neue Heim gefolgt. Dort sorgt sie als krude Kreuzung aus okkultem Makramee und animiertem Herbstgesteck für bösen Budenzauber. Dabei ist sie immer noch überzeugender als Jessica Chastain, die eine nonkonformistische Punkbassistin mit Bindungsangst geben soll. Ihre Figur der Annabel ist aber ebenso von der Stange wie ihre Ramones- und Misfits-Shirts, und einmal mehr zeigt sich, dass selbst hervorragende Schauspieler nicht gegen ein uninspiriertes Drehbuch ankommen. Nikolaj Coster-Waldau als Lucas macht es sich da leichter; er verabschiedet sich nach einer Begegnung mit der wütenden CGI-Mama für den Großteil des Films in ein bequemes Koma.

Sorgerechtsstreit mit der Spukmama

Dabei sind die ausgetretenen Erzählpfade mitnichten das grundlegende Problem des Films, sondern die Lust- und Planlosigkeit, mit der sie beschritten werden. Wirklich niemand würde sich beschweren, komponierte "Mama" aus unheimlichen Kaspar-Hauser-Kindern, grimmschen Märchenmotiven, Populärpsychologie und American Gothic ein flottes Gruselstück. Genrekino funktioniert nicht zuletzt durch geschickte Wiederholung und Variation von Vertrautem. Das bloße Aufhäufen von Zitaten allein genügt hingegen nicht. Muschiettis willenlose Copy-und-Paste-Inszenierung verschont auch den japanischen J-Horror nicht, und einige Szenenbilder sind schlichtweg dreiste Raubkopien aus Filmen wie "Ringu" oder "Dark Water".

Die Familie ist im Horrorgenre der ideale Hort des Grauens: als unmittelbare und intimste Ausprägung jener symbolischen Ordnung, die immer wieder aufs Neue zerstört oder restauriert werden muss. Das zeitigt mal reaktionäre, mal progressive Erzählungen, der spekulativ-spiritistische Sorgerechtstreit zwischen Annabel und Spukmama aber bleibt unfreiwillig komisch.

Als spannungsfreies Duell zwischen zwei gleichermaßen leblosen Ersatzmüttern ist "Mama" für Jessica Chastain somit ein ähnlich fragwürdiger kommerzieller Erfolg und gleichzeitiger künstlerischer Totalausfall, wie es die dümmliche Thrillerkolportage "House at the End of the Street" für Jennifer Lawrence war. Die Karrieren beider Schauspielerinnen werden zum Glück weitergehen, die Filme aber bleiben als abschreckende Beispiele für lieblose Konfektionen, die sich leider oft im US-amerikanischen PG-13-Horrorsegment finden.

Eben jene PG-13-Einstufung soll Kinder unter 13 Jahren von solchen Filmen fernhalten. Fragt sich nur, wer Erwachsene vor so viel Langeweile schützt.



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insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
flowrider 17.04.2013
1. to the author:
haven't seen the movie yet. anyway: brilliantly written. superb.
cipo 17.04.2013
2.
Zitat von sysopUniversal PicturesGruselige Kaspar-Hauser-Kinder treffen auf die Hollywood-Schönheit Jessica Chastain und das alles unter der Leitung von Horrormeister Guillermo del Toro - "Mama" könnte ein Fest für Gruselfreunde sein. Und tatsächlich erinnert der Film an einen Klassiker: Frankenstein. Nur leider unfreiwillig. http://www.spiegel.de/kultur/kino/horrorfilm-mama-gruseliger-kinoflop-mit-jessica-chastain-a-894738.html
Die angeblich ist der spanische Schauspieler Javier Botet. Soviel sollte man als Rezensent wirklich schon wissen...
marx4401 17.04.2013
3. So ist es!
Leider hat der Autor dieses eine Mal Recht. Ich habe den Film vor ein paar Wochen gesehen und war maßlos enttäuscht. Hatte mir von Guillermo Del Torro viel mehr erwartet... und dann ist da nichts, aber auch gar nichts gekommen. Stinklangweilig, eher Märchen als Horror und vor allem LANGWEILIG ohne Ende !!!
alexzzz 17.04.2013
4. Großartige Kritik
Der Einstieg und einige andere Passagen unterhalten -mutmaßlich - mehr als der Film. "Mama" scheint wohl wieder einer der Filme zu sein, die die endlose Reihe der Inspirationslosen Horrorfilme ein bisschen länger macht. Und erfüllt damit auch meine Erwartung.
hachel 17.04.2013
5.
Also Guillermo Del Torro hat laut IMDB weder am Drehbuch mitgeschrieben, noch Regie geführt, sondern als Executive Producer fungiert. Sämtliche Schuld sollte deshalb nicht auf ihm lasten.
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