Horrorfilm "Sinister": Böse, böse Bilder!

Von Tim Slagman

Old School Horror trifft auf Avantgarde-Gewalt: Mit "Sinister" liefern die Macher der "Paranormal Activity"-Reihe einen klug inszenierten Schocker ab. Ethan Hawke spielt einen Sachbuchautor, der dem Reiz des Bösen erliegt. Eine Hommage an die Kraft der Bilder.

Zuerst findet Ellison Oswalt (Ethan Hawke) einen Skorpion auf dem Dachboden seines neu gekauften Hauses, später dann eine Schlange. Da ist ihm längst der grantelige Sheriff des Ortes begegnet und hat festgestellt, dass sich manche Dinge nun mal nicht erklären ließen - im Jargon des Dorfbullen heißt das natürlich so viel wie: Verzieh dich, unsere Geheimnisse sollen gefälligst Geheimnisse bleiben!

Mit recht groben Pinselstrichen malt Regisseur Scott Derrickson das Bedrohungsszenario von "Sinister". Sein Protagonist allerdings schreibt True-Crime-Romane, sorgfältig recherchierte Bastarde aus Wahrheit und Fiktion. Der letzte Bestseller liegt schon eine ganze Weile zurück, die letzte Rate des alten Heims ist noch lange nicht bezahlt, da zieht ihn eine potentielle Riesenstory in eine Kleinstadt nach Pennsylvania, und er siedelt mit seiner Frau und den beiden Kindern über. Klar, dass sich so einer nicht abschrecken lässt von Hinterwäldlercops, von Skorpionen oder Schlangen. Klar, dass so einer hinschaut, wenn er neben all dem Ungeziefer eine Kiste alter Super-8-Videos auf dem Dachboden findet.

Nicht ganz so klar ist vielleicht, warum so einer seine Familie wissentlich in ein Anwesen schleppt, in dem vor einiger Zeit vier Menschen ermordet wurden. Doch dieser Ellison Oswalt ist eben ein Süchtiger - es ist die verflixte Sucht nach der Wahrheit, die ihn antreibt. Und nicht nur ihn, sondern das Horrorgenre als Ganzes. Auf der ersten Kassette findet er die grausam detaillierte Aufzeichnung des Verbrechens. Oswalt sieht sich gleich mehrmals an, wie die Mitglieder einer Familie, alle nebeneinander, an den großen Baum im Garten gehängt werden - und er tut dies sicherlich, um Hinweise auf ein Motiv oder die Täter zu finden. Sicherlich deshalb.

Immer wieder diese Geräusche im Haus

Oswalt ist leichte Beute für das Grauen, das ihn erwartet, und die Inszenierung ist ganz zugeschnitten auf das langsame Entgleisen eines Mannes, der ohnehin schon Schwierigkeiten hat, das leben in der Spur zu halten. Ethan Hawkes Gesicht, die Augen aufgerissen, den Mund gequält verzogen, spiegelt ein Entsetzen, das sich aus vielen Quellen speist. Er findet für diesen Oswalt den richtigen Ausdruck der Zerrissenheit zwischen beruflicher Leidenschaft, Liebe zur Familie und ökonomischer Unsicherheit.

Fotostrecke

8  Bilder
"Sinister": Süchtig nach dem wahren Schrecken
Bald beginnt Oswalt, Geräusche im Haus zu hören. Er schaut sich die anderen Videos an, die eine Mordserie zu zeigen scheinen, auf scheinbar harmlose Familienszenen folgt dort jedes Mal eine brutale Hinrichtung. Ihm fällt auf, dass dabei stets ein Kind fehlt, dafür entdeckt er eine bizarr maskierte - oder entstellte? - Gestalt.

Der klassische Grusel lenkt gekonnt ab

Und immer wieder diese Geräusche im Haus. Oswalts wacklige Kontrollgänge inszeniert Scott Derrickson geradezu aufreibend konventionell: Lange dunkle Korridore stehen wie eine Passage ins Verderben vor dem Schriftsteller. Unheilvolle Klänge wabern bedrohlich. Ecken, Türen, Büsche engen das Blickfeld ein. Und wenn Derrickson nicht sicher ist, ob all das etwas auslöst beim Zuschauer, dann lässt er es auch mal plötzlich und unerwartet laut auf dem Speicher krachen. So etwas sitzt, immer.

Keine Frage, der Film funktioniert, er ist einigermaßen spannend und unheimlich. Derrickson gelingt zum Beispiel eine wunderbare Szene im nächtlichen Haus, wo die Figuren der verschwundenen Kinder den ahnungslosen Oswalt mit fließenden Bewegungen umtänzeln, in einer diabolischen Choreografie über Tische herüber, um Ecken herum, durch Türen hindurch, Korridore entlang. Man kann "Sinister" auch einfach nur auf dieser manipulativen Ebene genießen. Und dennoch ist all dieser klassische Grusel, all das vorhersehbare Brimborium um dunkle, viel zu leicht zu entschlüsselnde Zeichen vor allem eins - nämlich ein sehr effektives Ablenkungsmanöver.

Denn auf den grobkörnigen Bildern der Heimvideos, die zynische Namen tragen wie "Familie hängt rum" oder "Gartenarbeit", explodiert die Gewalt in geradezu avantgardistischer Qualität. In gnadenloser Zeitlupe hält dort jemand drauf, bis auch das letzte Bein des letzten Gehenkten aufgehört hat zu strampeln. Ein Rasenmäher bahnt sich seinen Weg durch völlige Dunkelheit im Garten, bis er auf etwas stößt und selbst ein scheinbar so hartgesottener Zeitgenosse wie Oswalt den Blick abwenden muss.

Die Produzenten Jason Blum und Jeanette Brill waren auch an der immens erfolgreichen Horrorreihe "Paranormal Activity" beteiligt, in der sich das Grauen oft direkt gegen die Überwachungskameras und Camcorder richtet, die es aufzeichnen. Das Sichtbarmachen der Dämonen ist dort mit der Todesstrafe belegt. Den meisten Horrorfilmen, beileibe nicht nur den schlechten, genügt es, Angst und Schrecken auszulösen. "Sinister" aber verneigt sich in Ehrfurcht vor der verführerischen Kraft des Kinos selbst: Hier wird mit bösen Bildern erzählt, sicher. Vor allem aber wird hier vom Bösen in den Bildern erzählt.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Shining?
oneironaut 21.11.2012
Weiß nicht wie der Film so ist, aber der Plot erinnert mich doch schon sehr an Shining.
2. Super-8-Videos? Echt nicht.
MotziLLa 21.11.2012
Zitat von sysopWild BunchOld School Horror trifft auf Avantgarde-Gewalt: Mit "Sinister" liefern die Macher der "Paranormal Activity"-Reihe einen klug inszenierten Schocker ab. Ethan Hawke spielt einen Sachbuchautor, der dem Reiz des Bösen erliegt. Eine Hommage an die Kraft der Bilder. http://www.spiegel.de/kultur/kino/horrorfilm-sinister-ethan-hawke-im-bann-der-boesen-bilder-a-867042.html
Es sind Super-8-Filme. Richtige Filme. Analoge Schmalspurfilme, auf Filmstreifen, die auf Filmspulen aufgewickelt sind, und die man in einen Filmprojektor einlegt und auf eine Leinwand projiziert. Tja, unglaublich, aber wahr: Es gab einmal eine Zeit vor der elektronischen Bildaufzeichnung. Ganz echt jetzt.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Kino
RSS
alles zum Thema Kino
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 2 Kommentare
Sinister

USA 2012

Regie: Scott Derrickson

Buch: C. Robert Cargill, Scott Derrickson

Darsteller: Ethan Hawke, Juliet Rylance, Fred Dalton Thompson, Michael Hall D'Addario, Clare Foley

Produktion: Alliance Films, Automatik Productions, Blumhouse Productions et al.

Verleih: Wild Bunch

Länge: 110 Minuten

Start: 22. November 2012