Horrorfilm "Slither" Matschen im Verbotenen

Da ist der Wurm drin: Das Splatter-Genre erlebt zwar gerade ein Revival, steckt aber in Wahrheit tief in der Sinnkrise. Auch James Gunns Regie-Debüt "Slither" ist kein großer Wurf, entlarvt aber mit viel Spaß am Gemetzel die unbändige Fleischeslust der US-Gesellschaft.

Von Birgit Glombitza


Die Nacht wölbt sich sanft über dem kleinen Kaff Wheelsy. Die Gerechten schlafen. Ihre Wächter sitzen im Streifenwagen und lauern auf Ruhestörer und Raser. Mayor Jack MacReady prahlt wieder einmal damit, dass er Geschwindigkeitsübertretungen bis auf zwei Km/h genau schätzen könne. Nur beim Meteoriten, der in diesem Moment ganz in seiner Nähe einschlägt, verlässt ihn sein Messinstinkt. Dass es noch etwas Schlimmeres geben könnte als betrunkene Fahranfänger, die den Töchtern des Örtchens nach ihrer Unschuld trachten, passt nicht in das moralische Radar des Rednecks.

Doch dieser kosmische Klumpen hat es in sich. Mit seinen penetrierenden Würmern schickt er die schiere Fleischeslust als Seuche über die Gemeinde. Der stiernackige Grant (Michael Rooker), den seine Frau Starla (Elizabeth Banks) gerade mit Kopfschmerzen abgewiesen hat, ist erstes Opfer und Wirt. Nur seine Gattin verschont der zunehmend enthemmte Mann. Denn, wie Starla zu sagen pflegt: "Marriage is a sacred bond".

"Slither", das Filmdebüt von James Gunn, der auch das Drehbuch zum liebevollen Romero-Remake "Night of the Living Dead" verfasste, ist sicher keine Neuerfindung des Genres. Ebenso wenig wie der eben in den bundesdeutschen Kinos abgelaufene "Hostel" von Tarantinos Schützling Eli Roth, der seinen zelebrierten Sadismus nur insofern "modernisiert", als dass er absichtsvoll Folterbilder einspannt, die an Abu Ghureib erinnern. Auch die lange Reihe der Remakes, wie zuletzt Alexandre Ajas Aufbereitung von Wes Cravens "The Hills have Eyes", demonstriert eher Hollywood-Kalkül und kalte Systematik statt an die schmuddelige Kühnheit einstiger B-Movies anzuknüpfen.

Der Splatterfilm ist schon lange in der Krise. Vom großen Schock kann er nur noch träumen. Von jener fundamentalen Erschütterung etwa, die einst George A. Romeros "Night of the Living Dead" bewirkte, der 1968 in Zeiten bekannt gewordener Massaker im Vietnamkrieg die staatlich legitimierte Mordlust als ideologisches Unterfutter für seinen Zombie-Klassiker zu nutzen wusste. Ein Film, der zeigte, wie sich eine Gesellschaft selbst auffraß und eine gefährlich entschlossene Bürgerwehr gegen eine Armee aus armseligen Schatten in die Schlacht zog. Romero gelang eine Radikal-Metaphorik für die zweifelhaften Anpassungsprozesse einer Restzivilisation, die an Grausamkeit der ursprünglichen Bedrohung nicht nachsteht.

Soziale Ausgrenzung und staatliche Gewaltprivilegien gegen einen äußeren Feind, der sich am Ende doch als hausgemacht entpuppt, das sind Themen, die eigentlich immer noch funktionieren müssten. Doch dem Horrorgenre hat es über die Jahrzehnte die Film-Sprache verschlagen. Mainstream-Erfolgen wie "Das Schweigen der Lämmer", aber auch Tarantinos Spaßgemetzel haben die subversive Sprache der B-Movies einträglich und erschöpfend geplündert. Das Genre zog sich auf mehr oder weniger vergnügliche Selbstthematisierungen zurück, zirkulierte in der eigenen Zeichen- und Zitatenwelt und begnügte sich in Filmen wie "Scream" oder "Scary Movie" mit der Parodie des Bekannten.

Im derzeit halbherzigen Genre-Revival, das (mit Ausnahme des wunderbar schlicht erzählten "Wolf Creek", der am 13. Juli in die Kinos kommt) vor allem mit gedehnten Brutalitäten um Aufmerksamkeit ringt, kommt ein lustvoll schmuddeliger Film wie "Slither" vergleichsweise bescheiden daher. Mit durchaus subversiver Verve schlägt er eine Brücke zur letzten Blütezeit des Genres, die zugleich auch sein vorläufigen Ende markierte  zu Peter Jacksons furiosen Anfängen von "Bad Taste" bis "Braindead", der an skurrilem Witz und ins Absurde gesteigerten Zombie-Metamorphosen, an renitentem Gedärm und farbenfrohem Gemetzel schlichtweg nicht mehr zu überbieten war. In "Slither" geht es noch einmal um die infantil forschende Lust, im Verbotenen zu matschen, als ließen sich erst subkutan die wahren inneren Werte eines Systems ausmachen, dessen Zivilisiertheit und Triebkontrolle bloß vordergründig zu funktionieren scheinen.

Wheelsys fleischfressende Gemeinde lässt sich wunderbar als jene Fastfood-verschlingende "Supersize me!"-Generation lesen, aber auch als zeitgemäß verfettende Zombie-Truppe - das Ende der Nahrungskette nimmt sich selbst zum Anfang. So schließt sich der Kreis einer verrottenden Konsumgesellschaft, die, statt sich permanent Befriedigung zu verschaffen, nur eine traurige Horde von unersättlichen Mangelwesen gebiert. Und wenn Starla, die Lehrerin, ihren Schülern Darwins "Survival of the Fittest" erklärt, könnte man ins Grübeln geraten, welche der sich hier bekämpfenden Spezies ihr Überleben wirklich verdient.

"Slither" ist ein Spiel mit lustvollem Ekel und demokratisch verteilten Sympathien, in dem das Monströse ein zartes Gemüt behält und sich melancholische Anflüge leisten kann. Wie etwa in jener rührenden Szene, in der sich der bereits infizierte Grant seiner Gattin mit ungewohnter Zärtlichkeit nähert. Ein Liebeserlebnis, von dem Starla ihren Freundinnen noch am nächsten Tag selig berichten wird.

Überhaupt kommt das Mutierte hier nicht wesentlich beschränkter daher als der herrlich alberne Held, der Polizist Bill Pardy (Nathan Fillion), der nun endlich seine große Liebe retten und erobern darf. Wahrhaft absurd ist hier weniger das White-Trash-Gebaren, die überdimensionierten Fleischvorräte, die abgenagten Haustiere und der abartige Hunger der Zukurzgekommenen, sondern vielmehr die Sagrotanwelt der Anständigen, die sich mit ihrer verzweifelten Adrettheit den sozialen Dreck vom Pepitakostüm halten wollen. Das eigentliche Monster ist nicht die zur nimmersatten Ur-Mutter angeschwollene alleinerziehende Dorfschlampe, sondern die institutionalisierte Unschuld der Martha-Stewart-Gemeinde.



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