Horrorfilm "Stoker": Der Zauber der Gewalt

Von Oliver Kaever

Düster, mysteriös, unheimlich - mit "Stoker" legt der koreanische Horrormeister Park Chan-wook seinen ersten Hollywood-Thriller vor. Der Familienschocker mit Stars wie Nicole Kidman entführt seine Zuschauer zunächst in eine magische Bilderwelt, dann folgt das böse Erwachen.

Rapper Psy ist Schuld. Als der Südkoreaner 2012 im "Gangnam Style" via YouTube in den Westen hopste, erreichte der K-Pop von der Halbinsel endgültig ein globales Publikum. In Asien genießt Korea schon seit Ende der Neunziger eine erstaunliche kulturelle Vormachtstellung. Kids aus Kambodscha und Thailand, Japan und China hören koreanische Popmusik, schauen koreanische Soaps und Filme und stylen sich wie die Stars aus Seoul.

So weit wird es hierzulande wohl nicht kommen. Das koreanische Kino aber genießt schon seit Jahren auch im Westen einen herausragenden Ruf. Vor allem an der Filmindustrie des Landes zeigt sich die Vitalität und Bandbreite seiner Gegenwartskultur. Den Mainstream bedient sie mit Horror-, Fantasy- und Action-Blockbustern; auf den Festivals von Cannes bis Venedig räumen die Arthouse-Filmer wie Kim Ki-duk ("Pieta") ab. Und auch in Hollywood ist Korea angekommen: In diesem Jahr führten drei Fachkräfte von dort Regie. Den Anfang machte Kim Jee-woon mit dem Schwarzenegger-Vehikel "The Last Stand", voraussichtlich im Herbst folgt "The Host"-Macher Bong Joon-ho mit dem Sci-Fi-Thriller "Snowpiercer".

Ist das noch verwandtschaftliche Nähe?

Jetzt ist aber erst einmal Park Chan-wook an der Reihe, der im Westen wohl den besten Ruf aller koreanischen Regisseure genießt. Sein Rache-Drama "Oldboy" (2003) wird geradezu kultisch verehrt und bekommt noch dieses Jahr sein US-Remake. Kein anderer Filmemacher aus Korea versteht es, wie Park zwischen Kommerz und Arthouse zu oszillieren, niemand inszeniert blutige und zugleich ätherisch verrätselte Geschichten so überirdisch elegant wie er. Zuletzt drehte Park in Korea den Horrorfilm "Durst", eine Variation des von Bram Stoker geprägten modernen Vampir-Mythos. Sein erster englischsprachiger Film heißt nun zwar "Stoker", ist aber weder ein Biopic noch viktorianischer Grusel. Obwohl - mit Motiven der schwarzen Romantik spielt der Film durchaus.

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Horrorfilm "Stoker": Die blutrünstige Verwandtschaft
An ihrem 18. Geburtstag stirbt der geliebte Vater von India Stoker (Mia Wasikowska, "Jane Eyre") bei einem mysteriösen Autounfall. Sie bleibt allein mit ihrer verhassten Mutter Evie (Nicole Kidman) in der riesigen Familienvilla zurück. Beim Begräbnis des Vaters taucht dessen Bruder Charlie (Matthew Goode) auf, der die vergangenen Jahre angeblich in Europa verbrachte. Nicht nur, dass Charlie künftig bei den Stokers wohnen wird - zwischen ihm und der depressiven Evie scheint sich eine Beziehung zu entwickeln, die über verwandtschaftliche Bande hinausgeht.

India, die sich ungern berühren lässt, in der Schule eine Außenseiterin ist und immer leicht abwesend wirkt, steht dem Gast misstrauisch gegenüber. Bald entdecken die beiden aber eine ungeahnte Seelenverwandtschaft, die eng mit Charlies wahrer Vergangenheit zusammenhängt. Als India von einem Klassenkameraden sexuell bedrängt wird, greift Charlie ein - und bringt eine India zum Vorschein, für die Gewalt die wahre Poesie im Leben ist.

Der Graben zwischen USA und Korea

Die Spinne, die an der Innenseite von Indias Schenkeln entlangkrabbelt und unterm Rock verschwindet; die geheimnisvollen Steine im Garten; die Schuhe, der Zug, die Kühltruhe: Park bleibt in "Stoker" seinem Markenzeichen, dem metaphernschweren Bildkunstwerk, treu. Die Geschichte entwickelt sich als Kammerspiel in einer viktorianischen Villa und wirkt damit der Wirklichkeit und Gegenwart genauso enthoben wie viele seiner koreanischen Spielfilme.

Park schließt so nicht nur motivisch an frühere Arbeiten an. Dass die Geschichte zeitlos wirkt, dürfte ihm auch sonst recht gewesen sein. Der kulturelle Graben zwischen Korea und den USA ist tief, und der Regisseur, der sich schon früher darüber beschwerte, dass der Humor seiner Filme im Westen nicht verstanden wird, scheint sich in "Stoker" langsam an die kulturellen Codes des Westens heranzutasten.

Kein Zweifel, was den Hitchcock-Verehrer Park an dem Script aus der Feder von "Prison Break"-Darsteller Wentworth Miller reizte: "Stoker" ist eine lupenreine Hitchcock-Variation und eine Hommage an dessen Klassiker "Im Schatten des Zweifels". Dennoch entpuppt sich ausgerechnet Millers Drehbuch als einer der Schwachpunkte von "Stoker". Für einen Hitchcock-Thriller fehlt vor allem eines: Suspense. Quälend langsam entwirrt sich das Knäuel der Erzählfäden, selten zur Überraschung des Zuschauers. Und das Drehbuch buchstabiert alles aus, ohne den Dingen ihr Geheimnis zu belassen.

Gerade dieses Geheimnis machte aber Filme wie "Oldboy" so atemberaubend komplex und faszinierend. Parks Werke waren immer auch Meditationen über den freien Willen, das Böse, den Tod. Diese spirituelle Dimension fehlt "Stoker". Im besten Fall geht es hier um die amerikanische Faszination für Gewalt, ein Thema, an dem sich das US-Kino schon in unendlichen Variationen abgearbeitet hat. "Stoker" vermag dem nichts Neues hinzuzufügen.

Und so mündet der Film in einer etwas schalen Genre-Übung, die zwar wunderschön anzusehen ist. Aber zum ersten Mal wirken Parks magische Bilder wie blendender Budenzauber.

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insgesamt 9 Beiträge
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1. Usa
maxpowers2001 06.05.2013
Den Amis muss man alles erklären... deswegen würde auch Filme wie A Tale of Two Sisters, Oldboy, Moss usw ... nie 1 zu 1 verfilmt werden. Deshalb guck ich mir auch diese Filme wie Stoker gar nicht an.... ich freue mich schon auf den Film New World .....
2. Cinema Asia!
calexico55 06.05.2013
Es gibt zwar auch viel Schrott aus Korea, aber einige Regisseure zeigen schon wie man's besser hinbekommt als ein großer Teil dieses pseudospannenden Hollywood-Mist, der meist nur hektisch zusammengestoppelt ist um die inhaltliche Leere zu überdecken. "Frühling, Sommer, Herbst, Winter... und Frühling" von Kim Ki-Duk, der erwähnte "Oldboy" von Park Chan-Wook oder gar "I saw the Devil" (neben dem "Das Schweigen der Lämmer" wie eine netter Frühlingsgruß wirkt) von Choi Min Sik (oder, japanisch, z.B. "Hanabi" von Takeshi Kitano) sind dermaßen brilliant, daß es m.W. außer Tarantino momentan keinen im Westen gibt, der da mithalten kann. PS: auch wer eher Komodien wie "American Pie" mag, sollte es mal mit "Sex is zero" probieren.
3.
redunzel 06.05.2013
Meines Erachtens ist es völlig überflüssig, Oldboy neu zu verfilmen, man kann es nicht besser machen.
4. Schubladen sind nuetzlich
weitWeg 06.05.2013
"Den Amis muss man alles erklären ..." - nett dass alle Amis doch in die gleich Schublade passen. In den USA leben so ca 300 Mio. Menschen, and ihrer Ansicht nach sind alle etwas, wie soll man's sagen, langsam. Danke.
5.
tanzschule 06.05.2013
Zitat von weitWeg"Den Amis muss man alles erklären ..." - nett dass alle Amis doch in die gleich Schublade passen. In den USA leben so ca 300 Mio. Menschen, and ihrer Ansicht nach sind alle etwas, wie soll man's sagen, langsam. Danke.
ausgenommen sind anwesende amis. die deutschen lieben "keinohrhasen"diese aussage muß ich ja auch ertragen.
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Stoker

USA 2013

Regie: Park Chan-wook

Buch: Wentworth Miller

Darsteller: Mia Wasikowska, Nicole Kidman, Matthew Goode, Jacki Weaver, Dermot Mulroney, Harmony Korine

Produktion: Fox Searchlight Pictures, Indian Paintbrush, Scott Free Productions

Verleih: 20th Century Fox

Länge: 99 Minuten

Start: 9. Mai 2013