Horrorfilm "The Cabin in the Woods" Jeder Messerstich ein Akt der Liebe

So zärtlich kann ein Horrorfilm sein: Für "The Cabin in the Woods" sperren die Macher des TV-Klassikers "Buffy" fünf junge Menschen in ein Gruselhaus. Die Figuren sind keine willenlosen Opfer - sie wachsen über sich hinaus. Eine wunderbare Blutwäsche fürs Angstkino.


Irgendwann ist überall Blut. Dass es in "The Cabin in the Woods" so weit kommt, ist für sich genommen kaum verwunderlich. Denn auf der Oberflächenebene präsentieren Regisseur Drew Goddard und Produzent Joss Whedon in etwas mehr als 90 Minuten nahezu alle bekannten Horrorstandards. Doch nicht das Offensichtliche, sondern was im übertragenen wie buchstäblichen Sinne darunter liegt, macht ihren Film zu einem außergewöhnlichen Experiment. In dessen Verlauf gelingt ihnen sowohl die vollständige Dekonstruktion als auch die Revitalisierung des Genres. Das ist verblüffend, smart und mitreißend. Und ein Mordsspaß.

Dabei gehen die Filmemacher derart selbstbewusst vor, dass sie sich auch herzlich wenig um die chronische Spoiler-Panik ihres Publikums scheren. So wird schon in den ersten Szenen unverblümt das selbstreflexive Moment der Erzählung offengelegt: In einem geschäftigen Untergrundkomplex treten die Kittelträger Sitterson (Richard Jenkins) und Hadley (Bradley Whitford) mit eingespielter Routine den Dienst an. Auf den Bildschirmen ihres Kontrollraums beobachten sie fünf junge, offensichtlich arglose Studenten auf einem Wochenendtrip in eine entlegene Waldregion. Neben der zurückhaltenden Dana (Kristen Connolly) sind Musterathlet Curt (Chris Hemsworth), seine kokette Freundin Jules (Anna Hutchison), der akademisch ambitionierte Holden (Jesse Williams) sowie Marty (Fran Kranz), ein autoritätskritischer Marihuanaliebhaber, mit von der Partie.

Nicht nur die Zusammensetzung des Quintetts scheint den Konventionen eines Teen-Slasherfilms zu entsprechen, auch ihr Reiseziel entstammt dem Pauschalkatalog für unheilsschwangere Ausflugstouren. Denn die titelgebende Hütte im Wald vereint alle Bauelemente des Backwood-Horrors, erkennbar zusammengezimmert nach Vorbildern aus "The Evil Dead" und "Friday the 13th".

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Horror von den "Buffy"-Machern: Eine Cabin-Crew in höchster Angst
In Gestalt eines zwielichtigen Tankwarts ist sogar für den obligatorischen Sonderling gesorgt, der die Touristen am letzten Checkpoint vor der Wildnis mit diffusen Warnungen behelligt. Letztere werden geflissentlich ignoriert, sehr zur Zufriedenheit von Sitterson und Hadley, die über Kameras jeden Schritt der Probanden überwachen.

Das Grauen ist programmiert

Und mit diversen Eingriffen steuern sie, was spätestens nach Einzug der Gruppe in die Hütte deutlich wird. Unwissentlich finden sich Dana und ihre Freunde in einer perfiden Versuchsanordnung wieder, die von den Angestellten im Bunker nach Belieben manipuliert werden kann. Welche vermeintlich individuellen Entscheidungen die Fünf auch treffen, die Schreibtischtäter haben per Knopfdruck ein folgenschweres Resultat parat. Mit der Willkür von Sachbearbeitern entfesseln sie in Folge programmiertes Grauen, das allein dem Zweck dient, den gewaltsamen Tod der jungen Hüttengäste herbeizuführen.

Zu klären, warum und auf wessen Geheiß die Studenten in diesem ferngelenkten Themenpark des Schreckens sterben sollen, bleibt der wendungsreichen Handlung vorbehalten. Dabei wechselt die Perspektive der Zuschauer stetig vom wissenden Blick über die Schulter der Regisseure Sitterson und Hadley zur subjektiven Wahrnehmung der gehetzten Twens, die sich als weniger berechenbar erweisen als von den Bürohengsten erwartet. Goddard und Whedon inszenieren hier ein virtuoses Wechselspiel aus Schaulust und Anteilnahme, welches die voyeuristischen Prinzipien des Angstkinos selbst zum Thema macht.

Dass dabei aber keineswegs eine aufrichtige Begeisterung für das Horrorgenre in der Kritik steht, machen die suggestive Kameraarbeit von Peter Deming ("Drag Me To Hell") sowie die Inszenierung der Monster deutlich: Ausgehend von einer eindrucksvoll angefaulten Zombiefamilie, die zunächst auf die Studenten losgelassen wird, enthüllt der Film ein überbordendes - teils vertrautes, teils wirklich erstaunliches - Kreaturenkabinett, das im Untergrund auf seinen Einsatz wartet. Das Who is who der Alptraumgestalten ist ebenso im Plan der Bürokraten gefangen wie ihre designierte Beute, weshalb der Film folgerichtig nicht gegen das Leinwandgrauen per se, sondern vielmehr gegen den Zynismus und die Zwangsläufigkeit konventioneller Szenarios antritt.

Buffy lässt grüßen

Der menschliche Faktor, der im besten Fall reaktionäre Systeme zum Einsturz bringt, ist eine narrative Konstante im Werk von Joss Whedon. Für ihren Rundumschlag in Sachen Meta-Horror kehren Whedon und Goddard daher auch zur epochemachenden Serie "Buffy the Vampire Slayer" zurück, bei der sie erstmals zusammenarbeiteten. Nicht nur deshalb, weil die Gruseltechnokraten im Keller an die kontrollwütige "Initiative" der vierten Buffy-Season erinnern, sondern vor allem aufgrund des befreienden Credos, dass es kein natur-, gott- oder sonstwiegegebenes Schicksal gibt, von dem Frau oder Mann sich nicht emanzipieren kann.

Anstatt eine zugewiesene Opferrolle anzunehmen, stellen Whedons Figuren beharrlich die herrschende Ordnung in Frage, notfalls bis zum Weltuntergang. So kalkuliert auch das kurzsichtige Management der "Cabin in the Woods" mit willenlosen Stereotypen, doch Dana und ihre Casting-Kollegen sind widerständiger und eigensinniger als der gemeine Genredurchschnitt. Die Wiedererkennungseffekte weichen denn auch zusehends hinreißenden und hochkomischen Überraschungen.

Ob nun die brillante wie beiläufige Einspielung einer fröhlichen, japanischen Schulklasse, die endlich mal erfolgreich einen dieser renitenten, langhaarigen Rachegeister gebannt hat, oder der Sekundenauftritt eines überaus blutrünstigen Einhorns - so viele verschwenderisch hingeworfene Einfälle sah man lange nicht.

Ihr Film sei zugleich Liebes- und Hassbrief an des Genre, ließen Whedon und Goddard verlauten, die nach eigener Aussage vor allem der nihilistischen "Torture Porn"-Welle im Kino etwas entgegensetzen wollten. Der Versuch ist gelungen, und indem Whedon und Goddard die artifizielle Konstruktion ihrer Gruselhütte offensiv ausstellen, gelangen sie über das bloße Zitat hinaus zu neuer Originalität: Da ist überall Blut, aber auch eine Menge Hoffnung für den Horrorfilm.



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Seite 1
blut_ist_im_schuh 05.09.2012
1. Ein Meisterwerk,
ohne Frage. Großes Kino, so wie es sein soll: two thumbs up ;)
stickstoffgruppe 05.09.2012
2. werd ich schauen..
.. das hört sich doch nach einem kurzweiligen vergnügen an ;-)!
KnoKo 05.09.2012
3. Häh?
Faszinierend, was der Autor da so alles gesehen hat. Ich habe mich nach dem Anschauen gefragt, was das gewesen sein soll. Ein ernst gemeinter Horrorfilm oder eine unlustige Horrorparodie. Nicht eine Schrecksekunde oder irgendein Schockmoment. Stattdessen gähnde Langeweile und zum Schluss eine Metzelorgie, welche zu lächerlich wirkte, als dass sie noch irgendwas hätte retten können. Ganz ehrlich - ich fand, dass der Film sch**** war und ich habe keine Ahnung, wie der zu dieser IMDb-Bewertung kommt.
tokker 05.09.2012
4. fast eine komplette Inhaltsangabe
viel zu geschwätzige Filmbesprechung, die sich in zu vielen Details verliert. Durch die Besprechung habe ich erfahren, dass man so wenig wie möglich über den Film wissen sollte und habe zugleich zu viel über den Film erfahren.
Merkelfan 05.09.2012
5. optional
Ein Wort: Schrott.
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