Von Rüdiger Sturm
Hollywood sieht Gespenster. Im Oktober tauchten drei Horrorfilme in den Top Ten der amerikanischen Kinocharts auf. Ein Novum der Filmgeschichte. Doch keine blutrünstigen "Slasher"-Streifen faszinieren das breite Publikum, vielmehr lockt der Thrill des Übernatürlichen des Kinos. Der Siegeszug des Grusel-Genres begann mit "The Blair Witch Projekt“. In seinem Schlepptau schaffte auch "Stigmata", eine Exorzisten-Story im MTV-Stil, den Sprung an die Spitze der US-Hitliste. Als größter Erfolg entpuppte sich "The Sixth Sense" mit Bruce Willis, der mit seinem Slogan "Ich sehe Tote" bisher über 240 Millionen Dollar einspielte.
Einer der ersten Filme dieser Welle, "Das Geisterschloss", startet am 14. Oktober in Deutschland. "Speed"-Regisseur Jan De Bont lieferte eine effektlastige Version von Shirley Jacksons "The Haunting of Hill House" ab. "Es gab keine Perspektiven mehr für das Hochadrenalin-Actionkino", erkannte der 55-jährige Regisseur. Bis Ende des Jahres laufen noch weitere Genrestreifen in den USA an, darunter allein drei Teufels-Thriller: "End of Days" mit Arnold Schwarzenegger, "Lost Souls" mit Winona Ryder und Roman Polanskis "The Ninth Gate".

Angst durch Authentizität - "The Blair Witch Project"
Vielleicht ist dieser Prozess auch nur zufallsgesteuert. Kirk Honeycutt, Chefkritiker des "Hollywood Reporter" nennt einen banalen Grund: "Ein Produzent hat eine Idee, lässt dazu von verschiedenen Autoren Konzepte entwickeln, benutzt aber nur eines davon. Prompt zirkulieren in Hollywood verschiedene Drehbücher zum gleichen Thema."
Trotz der aktuellen Popularität solcher Storys, garantieren Gruselthemen allein noch keinen Megaseller. "The Astronaut's Wife", in dem eine außerirdische Macht Johnny Depp übernimmt, erlebte eine kommerzielle Bruchlandung. "Stir of Echoes" von "Jurassic Park"-Autor David Koepp hatte zwar die Rezensenten auf seiner Seite, zog aber gegen den zeitgleich gestarteten, hipperen "Stigmata" den Kürzeren.
Auch "Das Geisterschloss" war nur mäßig erfolgreich, gemessen an seinem Budget von 80 Millionen Dollar. Nach dem ersten Startwochenende fielen die Zuschauerzahlen um durchschnittlich 50 Prozent pro Woche. Das elaborierte visuelle Konzept, das De Bont in Interviews gerne hervorhebt, war kein Ausgleich für das blutleere Skript von David Self. Bei "The Sixth Sense" konzentrierte sich Autor-Regisseur M. Night Shyamalan auf seine persönlichen Ängste und Obsessionen. Das Ergebnis war die Geschichte über einen von Versagenskomplexen geplagten Psychiater, dessen Kinderpatient die Geister der Verstorbenen sehen kann. Die Verantwortlichen bei Disney hatten so wenig Vertrauen in den Film, dass sie sich Produktionspartner an Bord holten. Jetzt hat Shyamalan allen Grund zur Genugtuung: "Hätte 'Das Geisterschloss' 200 Millionen eingespielt, würden alle Studiobosse sagen: Mit großen Effekten kriegen wir unser Publikum. Jetzt heißt es: Hey, lass uns an den Charakteren arbeiten."
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