Horrormärchen "Gute Manieren" Werwolf, wenn nicht wir?

Das muss man erst mal hinkriegen: ein Märchen über Klassenunterschiede, lesbische Liebe und Werwölfe zu erzählen. Der bezaubernde brasilianische Film "Gute Manieren" kriegt es hin.

Edition Salzgeber

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Eigentlich spricht nichts dafür, Clara als Kindermädchen anzuheuern. Sie hat sich noch nie professionell um Kinder gekümmert, ihre Ausbildung zur Krankenschwester hat sie auch abgebrochen, und die einzige Referenz, die sie ihrer potenziellen Arbeitgeberin Ana zu bieten hat, ist ihre Vermieterin. Wo die Fernbedienung sei? Und wann sie endlich die Miete bezahle? fragt die Vermieterin, als sich Ana über Clara erkundigen will.

Doch als Ana, im fünften Monat schwanger, während des Vorstellungsgesprächs plötzlich heftige Schmerzen erfassen, weiß Clara, was zu tun ist. Sie drückt Anas verspannten Rücken zurecht, lockert ihre Schultern und stabilisiert den Atem. Mit sofortiger Wirkung kann sie einziehen und sich um die alleinstehende Ana, ihr ungeborenes Kind und das frisch bezogene Luxusapartment in der Innenstadt von São Paolo kümmern.

Ganz ähnlich wie Ana mit Clara kann es einer mit "Gute Manieren" ergehen: Noch bevor man sich eine abschließende Meinung dazu machen konnte, mit was für einem Film man es hier genau zu tun hat, fühlt man sich schon in den besten Händen und freut sich auf alles, was da kommt.

Und was da kommt! Werwölfe, das brasilianische Klassensystem, lesbische Liebe, katholische Kirche und nicht wenig Blutvergießen.

Ah, und Gesangseinlagen auch.

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Horrormärchen "Gute Manieren": Vorsicht, Vollmond!

"Modernes Märchen" trifft es als Charakterisierung von "Gute Manieren", dem zweiten Langspielfilm des brasilianischen Regieduos Juliana Rojas und Marco Dutra, wohl am ehesten. Anleihen an "Rosemary's Baby" oder "American Werewolf" kann man außerdem erkennen. Doch mit der weiteren Verschlagwortung sollte man sich nicht lang aufhalten, denn das Wunderbare an "Gute Manieren" ist, wie sehr der Film seine Kräfte bündelt für das, was wirklich zählt: für unwiderstehliche Figuren, denen man durch dick, dünn und sehr blutig folgt.

Allen voran Hauptdarstellerin Isabél Zuaa zieht mit ihrem intensiven Spiel ab der ersten Szene in den Bann. Die Arbeit bei Dona Ana (Marjorie Estiano) ist für sie vor allem eine Chance, dem kleinbürgerlichen Leben auf der anderen, ärmeren Seite des Flusses zu entkommen. Trotzdem tut sie sich zunächst mit Anas naiv-unbekümmerten Lebensstil schwer. Von der Familie wegen ihrer ungeplanten Schwangerschaft in die Stadt abgeschoben, vertreibt sich Ana ihre Tage mit Shopping und Styling und manchmal auch einigen Flaschen Bier.

Dass andere Menschen, vor allem so dunkelhäutige wie Clara, nicht mit Geländewagen und Benimm-Kursen aufgewachsen sind, kommt ihr nicht in den Sinn. Doch je besser Clara Ana kennenlernt, desto mehr scheint die sensible, liebesbedürftige Frau in ihr durch. Ein unvorhergesehenes Treffen in der Küche in der Nacht, ein leidenschaftlicher Kuss - und schon nimmt ihre Beziehung eine völlig andere Fahrt auf.


"Gute Manieren"
Originaltitel: "As Boas Maneiras"
Brasilien/Frankreich 2017
Buch und Regie: Juliana Rojas, Marco Dutra
Darsteller: Isabél Zuaa, Marjorie Estiano, Miguel Lobo, Cida Moreira, Felipe Kenji
Produktion: Dezenove Som e Imagens, Good Fortune Films et al.
Verleih: Edition Salzgeber
Länge: 135 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Start: 26. Juli 2018


Dass diese Entwicklung keinen Bruch darstellt und der Film es sogar schafft, zur Hälfte noch einmal neu anzusetzen und von einer ganz anderen Beziehung zu erzählen, liegt an den fantastischen Elementen, mit denen Rojas und Dutra "Gute Manieren" durchwirken und auflockern. Schon ihr São Paolo wirkt halb wie eine realistische Großstadt, halb wie eine leuchtende Märchenlandschaft. Immer wieder schwenkt die Kamera in einen dunklen Nachthimmel, der genauso gut ein üppiges Ölgemälde, gemalt mit pastosem Pinselstrich sein könnte.

Was in dieser Kulisse passiert, muss daher nicht zwangsläufig etwas mit der tatsächlichen brasilianischen Gesellschaft zu tun haben - könnte es aber. In diesem metaphorischen Schwebezustand findet "Gute Manieren" zu seiner einzigartigen Leichtigkeit. Er genießt es, zu Schlüssen zu verführen, ohne dass er sie selber ziehen müsste. Dass der Film dabei noch wunderschön anzuschauen ist, in seiner nachtblauen Grundschattierung Petrol- und Goldtöne um die Wette leuchten, hilft zusätzlich.

Nur größere Stücke Fleisch, den Vollmond und Schwangerenbäuche dürfte man danach mit anderen Augen sehen.

Im Video: Der Trailer zu "Gute Manieren"

Edition Salzgeber
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