Horrormärchen "Red Riding Hood" Die mit dem Wolf kuschelt

Triebe, Urängste, Sex: Die Geschichte vom Rotkäppchen und dem bösen Wolf bietet reichlich Subtext für eine deftige Kino-Adaption. Teenager-Spezialistin Catherine Hardwicke hat sich mit "Red Riding Hood" an der Horrormär versucht - und verlor sich im keuschen Kuschelkino.

Warner Bros.

Von wegen sanfte Gute-Nacht-Lektüre: Volksmärchen sind virtuose Urtexte des Horrors, in denen vor dem glücklichen Ende zumeist traumatische Erfahrungen von Angst, Tod und Verlust stehen. Die Geschichte von Rotkäppchen und dem Wolf, in Europa durch den französischen Schriftsteller Charles Perrault und die Brüder Grimm popularisiert, ist dabei ohne Frage eine der potentesten Erzählungen. Entsprechend fest ist die Mär in der Kultur verankert und hat bis heute nichts von ihrem Reiz verloren: Themen und Figuren ließen sich in der Kunst vielfach umdeuten und variieren; psychologische Motive und sexuelle Subtexte wurden entdeckt, manchmal auch als zu verstiegen verworfen und dann später doch wieder hervorgeholt.

Der narrative Reichtum Rotkäppchens ist immens und bietet eigentlich genug Material für eine weitere, spannende Neuinterpretation. Nur eben das ist "Red Riding Hood" leider nicht. Das ist tragisch, zumal der Film von Catherine Hardwicke zumindest in Ansätzen um eine originelle Lesart der Geschichte bemüht ist. Doch keine der Ideen wird konsequent zu Ende gedacht, und so bleibt in der Bilanz nur ein indifferentes, mutloses Schauerstück mit Hang zur Groschenheft-Romantik.

Der Auftakt verspricht da zunächst mehr: Das zeitlich und geografisch nicht näher einzuordnende Dorf Daggerhorn lebt seit Jahren mit der Bedrohung durch einen sagenumwobenen Wolf, der stets bei Vollmond die Umgebung heimsucht. Die Gemeinde hat sich daher in dornenbewehrten Häusern eingerichtet und bringt monatlich Tieropfer dar, um die Bestie zu besänftigen. In diesem Ort lebt die junge Valerie (Amanda Seyfried), die nun erfährt, dass ihre Eltern (Billy Burke und Virginia Madsen) sie mit dem Sohn des reichen Dorfschmieds verheiraten wollen. Tatsächlich ist Henry (Max Irons), der Bräutigam in spe, seit langem ein stiller Verehrer Valeries. Die ist jedoch seit Kindestagen in den armen, aber schmucken Holzfäller Peter (Shiloh Fernandez) verliebt und träumt von einer Flucht vor der Zwangsheirat.

Wenig Leben in der Märchenbude

Rat und Trost findet Valerie bei ihrer selbstbewussten Großmutter (Julie Christie), die trotz der allgemeinen Wolfsparanoia allein im Wald wohnt. Offene Panik bricht aus, als die Leiche von Valeries älterer Schwester entdeckt wird. Augenscheinlich wurde sie ein Opfer des Wolfs, der damit nach langer Zeit wieder einen Menschen angefallen hat.

Bei einer daraufhin organisierten Jagd kommt Henrys Vater zu Tode, während das vermeintliche Raubtier erlegt wird. Die Freude im Dorf währt indes nur bis zur Ankunft des berühmten Pater Salomon (Gary Oldman) und seines martialischen Gefolges. Laut wortreicher Selbstdarstellung bekämpft Salomon im göttlichen Auftrag übernatürliche Kreaturen, und genau damit habe man es in Daggerhorn zu tun: mit einem Werwolf, der unerkannt in der Mitte der Dorfgemeinschaft lebt. Das Monster schlägt denn auch umgehend wieder zu, und da es anscheinend die Nähe Valeries sucht, gerät sie ins Visier eines von Salomon angestachelten Mobs.

Der Konflikt zwischen bigottem Aberglauben und schwelgerischem Sturm und Drang liest sich indes weit spannender, als letztlich auf der Leinwand realisiert. Auch die Versuche Valeries, sich vom zugedachten Schicksal und der Geschlechterrolle zu emanzipieren, bleiben bestenfalls zaghaft. Da hilft es auch wenig, wenn Amanda Seyfried ("Jennifer's Body") sich tapfer mit den Fehlleistungen des Drehbuchs plagt und im roten Cape sehr fotogen durch die Wald- und Winterkulisse wandelt. Einzig Gary Oldman lässt als diabolischer Gotteskrieger alle Hemmungen fahren, und sein offensichtlicher Spaß am eigenen Overacting bringt zumindest etwas Leben in die Märchenbude.

Übergroße Wauzis

Mit mehr Mumm hätte sich auch mehr aus vereinzelten Einfällen machen lassen: Etwa aus der beklemmenden Szene, in der die plötzlich unter Hexereiverdacht stehende Valerie durch die Sehschlitze einer Schandmaske hindurch die Schmähungen eines Dorfmädchens - deren Name passenderweise auch noch Prudence lautet - ertragen muss. Da schafft der Film für einen kurzen, lichten Moment die mühelose Verbindung zwischen mittelalterlicher Verfemung und zeitgenössischer teenage angst, indem er zeigt, dass Gerüchte durch die Jahrhunderte hindurch buchstäblich töten können.

Und gerade von Catherine Hardwicke erwartete man im Vorfeld mehr Verständnis für das Jugenddrama, welches ja durchaus in Rotkäppchen angelegt ist. In ihrem vielbeachteten Regiedebüt "Thirteen" und der Skater-Saga "Lords of Dogtown" übte die Filmemacherin unbedingte Solidarität mit ihren heranwachsenden Helden, ohne dabei die schmerzvollen und destruktiven Seiten jugendlicher Identitätssuche zu beschönigen. Und im ersten - und bislang einzig erträglichen - Film der "Twilight"-Saga ignorierte sie kühn den mythologischen Mumpitz der Vorlage, und widmete sich stattdessen emphatisch dem süßen Horror der Adoleszenz.

Umso bitterer die Ironie, dass ihr aktueller Film nun exakt den dramaturgischen Mechanismen der "Twilight"-Sequels anheimfällt. Das angestrengt forcierte Beziehungsdreieck zwischen Valerie, Henry und Peter kopiert geradewegs das verschwiemelte Posterideal von Stephenie Meyers Vampirschmonzette. Und selbst der wenig furchteinflößende Wolf ähnelt fatal den übergroßen Wauzis aus "New Moon" und "Eclipse".

So verliert der Wolf auch all jene beunruhigenden Mehrdeutigkeiten, die etwa Neil Jordans zeitlos schöne Rotkäppchen-Adaption "The Company of Wolves" ("Zeit der Wölfe", 1984) illustrierte. In "Red Riding Hood" bleibt von ihm nicht mehr als ein Plüschmonster, das Geschmacksverirrte für ihre Freundin auf der Kirmes schießen.

Und genau diese flauschige Harmlosigkeit passt leider zu einem Film, der das Potential seiner Geschichte an ein erschreckend zahnloses Kuschelkino verschwendet.



insgesamt 6 Beiträge
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winfield06 24.04.2011
1. Wer
als Kritiker will denn wirklich mal eine vernünftige Kritik von einem Film schreiben den man gar nicht sehen wollte? Soll er doch dirket die Comic Adaption Grimm Fairy Tales lesen. Da kann man meckern dass nichts so ist wie es bei den Gebr. Grimm war. Obwohl die sexuelle Annäherung dort treffender zu den damaligen Erzählungen für Erwachsene zutrifft als die jetzige Verfilmung
gregor.zielinski 24.04.2011
2. Unverschämte Regisseurin
Zitat von sysopTriebe, Urängste, Sex: Die Geschichte*vom Rotkäppchen und dem bösen Wolf bietet*reichlich Subtext für eine deftige Kino-Adaption. Teenager-Spezialistin Catherine Hardwicke hat sich mit "Red Riding Hood" an der Horrormär versucht - und*verlor sich*im keuschen Kuschelkino. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,758318,00.html
Hat sich doch die Regisseurin tatsächlich erlaubt, ihren Film so zu machen, wie ihn der Kritiker nicht sehen wollte.
kleiner-moritz 24.04.2011
3. hä?
Zitat von sysopTriebe, Urängste, Sex: Die Geschichte*vom Rotkäppchen und dem bösen Wolf bietet*reichlich Subtext für eine deftige Kino-Adaption. Teenager-Spezialistin Catherine Hardwicke hat sich mit "Red Riding Hood" an der Horrormär versucht - und*verlor sich*im keuschen Kuschelkino. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,758318,00.html
Findet Ihr's vom SPIEGEL wenigstens ein wenig armselig, mit solch einem Mist aufzuwarten? *Ein guter Unternehmer ist der, der seiner Belegschaft eine Reproduktionsrate von 2,1 (pro Frau) ermöglicht - klar?*
Celegorm 25.04.2011
4. ...
Zitat von gregor.zielinskiHat sich doch die Regisseurin tatsächlich erlaubt, ihren Film so zu machen, wie ihn der Kritiker nicht sehen wollte.
Wie denn? Schlecht? Na das ist natürlich ganz schön fies, wenn Kritiker und Publikum sich nicht für das missratene Werk der offenbar so unverstandenen Regisseurin begeistern wollen. Vielleicht sollte sie es nochmals in der verkehrten Welt probieren, dort könnte der Film besser funktionieren..
tipp-ex 25.04.2011
5. Heldin
Das Rotkäppchen ist auf jeden Fall sehr niedlich :-)
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