Horst Schlämmer im Kino Humor mit Herpes

Der Wahlkampf nimmt an Fahrt auf - vor allem im Kino. Dort versucht sich Komiker Hape Kerkeling als Kanzlerkandidat. Der Film "Horst Schlämmer - Isch kandidiere" ist so genial schlecht wie Schlämmers Aussprache - und eine perfide Abrechnung mit der deutschen Medien- und Comedy-Kultur.

Von Daniel Haas


Aus diesem Film kommt nur einer unbeschadet heraus: Hape Kerkeling. Seine Darstellung des Horst Schlämmer hätte Stanislawski Tränen des Entzückens in die Augen getrieben; seine Performance sollte in Actors Studios von New York bis Los Angeles als Lehrmaterial herhalten. So wird man also ein schmieriger Provinzjournalist mit größenwahnsinnigen Ambitionen.



Überbiss, Walrossbart, Kassenbrille: Das sind nur die Accessoires einer Figur, die Kerkeling zur Ikone kleinbürgerlicher Spießigkeit gestaltet hat. Horst Schlämmer hat eine furchterregende Präsenz, auch auf der Leinwand. Er ist wirklicher als sein Schöpfer und verkörpert jene ins Hyperreale gesteigerte Echtheit, die seit "Borat" zu den Königsdisziplinen komödiantischer Artistik gehört.

Der Rest der Darsteller, egal, ob Schauspieler oder real existierende Leistungs- und Kulturträger, arbeitet dieser virtuosen Inszenierung zu - und verkommt dabei zum Knallchargentum. Damit ist nicht die amüsante Inszenierung von Peinlichkeit gemeint, sondern die Bloßstellung selbst. Wollte Kerkeling Rache nehmen an allen, die er für seine Wahlkampfcomedy verpflichtete? Und wenn ja, wofür?

Schief wie Heidegger

Medial ist das hochinteressant, gerade weil das Ganze schon nach 30 Minuten öde wird, ein auf Spielfilmlänge aufgeblasener Sketch ohne richtigen Konflikt, ohne dramatische Struktur, ohne Dramaturgie. Es darf ja auch kein straff erzählerisches Programm geben, weil hier die Fiktion des Dokumentarischen entstehen soll: ein paar Wochen an der Seite des berüchtigten stellvertretenden Chefredakteurs des Grevenbroicher Tagblatts, der eine Partei gründet, Wahlkampf macht und am Ende sogar ein Kanzlerduell mit Merkel im Fernsehen bestreitet.

Bis es soweit kommt, traktiert Schlämmer reale Schmalspurpolitiker mit einer Frage, die so schief ist wie seine Zähne und gleichzeitig nach Heidegger, nach tief ersonnener Daseinskepsis klingt: "Was mangelt?" Was mangelt in Deutschland? "Gefühl!", sagt ein Vertreter der feministischen Partei mit Softie-Miene, und in diesem Moment hat sowohl die Frauenbewegung einen deftigen Tiefschlag abbekommen als auch das Bekenntnis zur Emotionalität.

Gefühl ist ja gerade nicht das Programm von Kerkelings komischem Genius, es geht eher um die Demontage von Gefühligkeit. Schlämmer, dieser vom Chef gegängelte Kleinbürger, der "die da oben" hasst und die unten quält mit seiner Larmoyanz und Selbstbezogenheit, ist nämlich ein gespenstischer Charakter.

An ihm lässt sich das Gefahren- und das Erfolgspotential von politischem Kitsch ablesen. Natürlich sind Sprüche wie "Sonnenbank für alle!" und "Yes Weekend" Klamauk, aber wer mitverfolgt hat, wie Schlämmer die Massen mobilisieren kann - inklusive Journalisten und Politikern - weiß, wie viel Realität in der Realsatire steckt.

Woran sich Humor entzündet

Weshalb nehmen Schlämmers Wahlkampfhelfer, die peinlichen Ballermann-Helden und Castingshow-Opfer, dann Schaden? Weil sie die Ironiewerte des Films in die Höhe treiben sollen, neben dem Comedy-Genie Kerkeling aber nur als die Verlierer des kulturindustriellen Wettbewerbs dastehen. Ein Jürgen Drews hat auf Mallorca noch die Restwürde des professionell Würdelosen, bei einem Fake-Wahlkampfdinner, an der Seite von Kader Loth (Busen) und Gunter Gabriel (Stimme?) ist er nur ein Pappkamerad für Humorschnellschüsse unter Mario-Barth-Niveau.

In Alexandra Kamp, die sich selber spielt, verdichtet sich Kerkelings Bloßstellungsästhetik zur brutalstmöglichen Häme. Die Darstellerin, bislang tapfer in den mittleren Lagen des TV-Entertainments unterwegs, präsentiert sich als machtgeiles Starlet, das auf den Posten der First Lady spekuliert.

"Macht macht mich an", wirft sie sich Schlämmer an den Hals, nur um sich einen Herpes einzufangen. Mit geschwollener Oberlippe nimmt sie dann den fiktiven Filmpreis "Goldener Igel" entgegen, eine Ehrung für die mutmaßlich schlechteste Liebesszene aller Zeiten.

Das Spiel mit der Ironisierung des eigenen Medienbilds funktioniert auf der Basis der Diskrepanz: Große Stars verunglimpfen sich selbst, um damit ihren Status noch deutlicher herauszustellen. Hier aber greift die "Dschungelcamp"-Stilistik: Die Angezählten kannibalisieren sich selbst in der Arena der Aufmerksamkeit.

Demokratisch hämisch

Das Schöne, wirklich Demokratische am Schlämmer-Film: Auch der Nimbus eines Superstars wie Bushido zerfällt im Säurebad dieses Humors. Der Berliner Gangsta-Rapper nimmt einen Wahlkampf-Song mit Schlämmer-Slogans auf, und der entspricht nicht nur musikalisch, sondern auch inhaltlich genau jenen Songs, mit denen Bushido zum Millionseller wurde.

Die pseudokritische Ghettorhetorik, mit der Bushido Mittelschichtskids die Parolen zum Elternschocken lieferte, sie unterscheidet sich keine Silbe von der politischen Naivität des Schlämmer-Programms.

Und dann sind da noch die Spitzenpolitiker Cem Özdemir, Jürgen Rüttgers und Claudia Roth: Stolpern auch sie über den Draht der Peinlichkeit, den Kerkeling nur haarbreit über den Boden der Ironie gespannt hat? Erstaunlicherweise nicht, ihre staatstragende Rolle verhindert das Schlimmste.

Aber das kann ja noch kommen, spätestens wenn Schlämmer geht - und der echte Wahlkampf seine wahren Gesichter zeigt.



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oliver twist aka maga 15.08.2009
1.
Zitat von sysop"Isch kandidiere!" drohte Publikumsliebling Hape Kerkeling in seiner Erfolgsrolle als Boulevardjournalist Horst Schlämmer - und stellte sich in seinem neuen Film zur Wahl. Manche nahmen dem Komiker Kerkeling die Rolle nur zu gern ab. Braucht die Politik eventuell mehr Spaß und Satire? Oder sind die Zeiten zu ernst dafür? Diskutieren Sie mit!
Politainment? :-) Ich zögere. In Italien sieht man, wohin zu viel Politainment führen kann. Dann wird es für Satiriker manchmal schwer, den Unterschied zwischen Realität und Satire herauszuarbeiten. Im schlimmsten Fall übertrifft die Realität die Satire.
medienquadrat, 15.08.2009
2.
Zitat von sysop"Isch kandidiere!" drohte Publikumsliebling Hape Kerkeling in seiner Erfolgsrolle als Boulevardjournalist Horst Schlämmer - und stellte sich in seinem neuen Film zur Wahl. Manche nahmen dem Komiker Kerkeling die Rolle nur zu gern ab. Braucht die Politik eventuell mehr Spaß und Satire? Oder sind die Zeiten zu ernst dafür? Diskutieren Sie mit!
ob wir uns selbst totlachen oder mit bierernster Miene zur Schlachtbank geführt werden, das macht doch wohl einen Unterschied, oder? Mir ist Galgenhumor jedenfalls viel zu passiv! Man sollte sich zur Aufgabe machen - wenn es denn sein muss -, dass jeder noch mindestens einen Nachbarn mit totlachen sollte! Kerkeling hat angefangen. Gebt das als eine Art Kettenbrief weiter!
perpendicle, 16.08.2009
3. Bei Schlemmer werden Sie geholfen!
Zitat von medienquadratob wir uns selbst totlachen oder mit bierernster Miene zur Schlachtbank geführt werden, das macht doch wohl einen Unterschied, oder? Mir ist Galgenhumor jedenfalls viel zu passiv! Man sollte sich zur Aufgabe machen - wenn es denn sein muss -, dass jeder noch mindestens einen Nachbarn mit totlachen sollte! Kerkeling hat angefangen. Gebt das als eine Art Kettenbrief weiter!
das ist wohl auch wieder nur eine Populismuskomödie aus der untersten Schublade: Wie auch in der Wirklichkeit fokussiert er den Bürger auf kleine unbeutende Aufgaben und schwammige Aussagen- Er macht sich die Angsituation zunutze mit der man auch vomn offizieller Seite versucht mit Terror und Schrecken die diesen vom wirklichen Zusammenhang abzubringen. e Erklärt nun Hape K dem Bürger, wie wichtig doch der Erhalt der hypo real estate dafür ist, dass dieser überhaupt noch sein geld bei der Bank abheben kann, oder zeigt ihm dass man die Firma Opel an einen anderen zumindest meistbietenden Internationalen Investor verkaufen kann, der dann auch nur Arbeitsplätze abbauen wird: Jetzt darf ja jetzt soll darüber gelacht werden, war ja eh nicht ernst gemeint. Und damit macht sich Kerkeling die politische Hilflosigkeit die Hilflosigkeit der menschen ist was sich Kerkeling zunutze, um im diesem System mit seiner Komödie aber auch nur als Erfüllungsgehilfe zu punkten. Die jetzt Politik machen brauchen- solange alle Maschinen und Computer laufen allenfalls noch eine Regierung aber nicht mehr das Volk Ein bisschen Grunzen ab und zu und der Bürger fühlt sich auch bei Schlemmer bestätigt: Auch Politiker fressen sich nur den bauch voll, leben in Saus und Braus und lassen die Sau raus, während ihm keine Hoffnung mehr zu bleiben scheint ( dafür wird ja gesorgt ) Ich weiß das hat das ZDF mit produziert. Zumindest war es mit beim Thema Politik noch nie so wenig zum Lachen zumute wie jetzt, da sich dort wirklich die Creme de la creme de la creme de la creme des größtmöglichen irdischen Monopol und Machtpotentials breitgemacht hat .
Joachim Baum 16.08.2009
4.
Zitat von oliver twist aka magaPolitainment? :-) Ich zögere. In Italien sieht man, wohin zu viel Politainment führen kann. Dann wird es für Satiriker manchmal schwer, den Unterschied zwischen Realität und Satire herauszuarbeiten. Im schlimmsten Fall übertrifft die Realität die Satire.
Zustimmung, leider wird aber auf unseren Wahlzetteln die HSP nicht zum Ankreuzen angeboten. Damit hätte man leicht feststellen können, wie es um *uns* hier in D steht :-)
Transminator 17.08.2009
5. Politik sollte schon ernsthaft sein
Aber bei der ganzen Politik sollte man seinen Sinn für Humor nicht verlieren. Ein gewisser bärtiger, ehemaliger Bundestagspräsident schien ja vollkommen humorlos zu sein. Barack Obama scheint da eine gutes Vorbild zu sein. Ernsthaft in der Sache, aber recht locker als Person. Abgesehen davon sollte man mal wirklich ernsthaft Politik machen im Sinne von: neue Ideen wirklich mal untersuchen, statt nur auf die Wählerstimmen zu schauen (was inbesondere im Wahlkampf das A und O ist). Die Idee des Grundgehalts für alle. Es gibt einige Wirtschaftsexperten, die wirklich glauben es sei machbar. Ich weiss es nicht, man sollte es aber mal wirklich unter die Lupe nehmen, aber es wird nicht mal in Erwägung gezogen. Die Trennung von harten und weichen Drogen, um Prozesskosten zu sparen und Menschen nicht zu kriminalisieren. Durch versteuerung, ähnlich wie in Holland, könnte der Staat eine neue Steuerquelle anzapfen und gleichzeitig die Kriminalitätsstatistik korrigieren und den Dealer die einkunftsquelle und den anfixmarkt zu nehmen. Bislang gehen millionen an Steuergeldern schwarz in die Tasche von kriminellen. Wird auch nicht ernsthaft diskutiert, ist ja kein Wahlkampf mit zu gewinnen. Es werden Waffengesetze verschärft, um Amokläufe zu verhindern. Kleine Einhandmesser darf man nicht mehr als Taschenmesser mit sich führen (große Messer mit feststehender Klinge schon (balla balla)), weil kriminelle damit verbrechen begehen (könnten). Als ob diejenigen sich darum scheren würden. Gleichzeitig wird, mal wieder, diskutiert, ob man nicht doch Ballerspiele verbieten sollte (als ob das helfen würde) und sperren werden ins Internet eingebaut, statt das Problem an der Wurzel zu packen. Man macht lieber einen Deckel drauf, aber findige Leute bohren dann eben Löcher von den Seiten rein. Mit ernsthaftiger Politik meine ich, keine Hauruck-gesetze zu erlassen, deren Nutzen zumindest zweifelhaft ist. Stattdessen sollte man wirklich die Dinge vorbehaltslos untersuchen und dann Entscheidungen treffen und Gesetze erlassen, die Hand und Fuss haben. Egal ob die dann zunächst mal populär sind oder nicht. Sinn muss es machen. Was den Schlämmer betrifft: Das ist einfach nur wunderbare Unterhaltung, der den ganzen Wahlkampf mal ein bischen auf die Schippe nimmt. Abgesehen davon hat Hape mal wieder gezeigt, wer der König der Verwandlung ist. Hut ab, meine Stimme hat er... :-)
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