Hugh Jackman im Interview "Wer tanzen kann, hat mehr vom Leben"

In "The Greatest Showman" spielt Hugh Jackman den Zirkuspionier P.T. Barnum. Ein Gespräch über Unterhaltung als Lebenskunst - und darüber, was Steve Jobs von Barnum gelernt hat.

Ein Interview von


Zur Person
  • AFP
    Hugh Jackman, geboren 1968 in Sydney, studierte Kommunikationswissenschaften und Schauspiel, bevor er 1995 in der TV-Serie "Corelli" seine erste größere Rolle spielte. Im Kino gelang ihm der Durchbruch als Superheld Wolverine in den "X-Men"-Filmen. Immer wieder ist er aber auch in Musicals zu sehen, auf der Bühne wie im Kino. Für seinen Auftritt in "Les Misérables" wurde er 2013 mit dem Golden Globe ausgezeichnet und für den Oscar nominiert. Sein neues Musical "The Greatest Showman" startet am 4. Januar in den deutschen Kinos.

SPIEGEL ONLINE: Herr Jackman, erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Zirkusbesuch?

Jackman: Ja, es war in Australien, meiner Heimat. Es handelte sich um einen Zirkus, in dem es keine Tiernummern gab. Dafür aber Clowns, die gleichzeitig komisch und traurig waren. Dass sich diese beiden Gefühle vermischen können, hat mich sehr beeindruckt.

SPIEGEL ONLINE: In dem Film "The Prestige" haben Sie einen Zauberer gespielt, in "Greatest Showman" verkörpern Sie nun den Zirkuspionier P. T. Barnum. Was fasziniert Sie an dieser Welt der Artisten und Magier?

Jackman: Zirkus ist das unmittelbarste Schauspiel, das ich kenne. Als Zuschauer hast du das Gefühl, du bist mitten in der Manege. In beiden Filmen spiele ich Männer, die sich dieser Welt ganz und gar verschrieben haben, die alles aufs Spiel setzen, um andere Menschen zu unterhalten, unter Umständen sogar ihr Leben. Das lässt mich nicht los.

SPIEGEL ONLINE: Als Barnum Mitte den 19. Jahrhunderts in New York zunächst ein Kuriositätenkabinett eröffnete und dann ein Zirkusunternehmen gründete, war das der Beginn des modernen Showgeschäfts?

Jackman: Auf jeden Fall, ich sehe Barnum als Pionier der Unterhaltungsindustrie. Er war seiner Zeit weit voraus und probierte Dinge aus, die sich niemand außer ihm vorstellen konnte. Dabei hatte er mit enormem Gegenwind zu kämpfen. Doch als in einer Zeitung ein vernichtender Verriss von einer seiner Shows erschien, sagte er: "Lasst uns das nachdrucken, in allen Blättern!" Der Satz, dass es keine schlechte Publicity gibt, soll von ihm stammen. Ein Visionär. Heute würde man sagen: ein "disruptor".

SPIEGEL ONLINE: Ein Mann wie Steve Jobs oder Elon Musk?

Jackman: Jobs hat sich viel bei Barnum abgeschaut, da bin ich sicher. Jobs wusste, dass er ein gutes Produkt hat. Aber er musste lernen, es zu verkaufen. Barnum hat Leute angeheuert, die vor seiner Show Schlange standen, um Passanten anzulocken. Er verstand, wie die Psychologie des Massenpublikums funktioniert. Er kannte fünfzig Millionen Tricks, einen Hype zu kreieren.

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"The Greatest Showman": Zum Entertainer geboren

SPIEGEL ONLINE: Und war überaus geschäftstüchtig.

Jackman: Ja, die Leute sollten nicht nur Eintritt bezahlen, um in seine Shows zu kommen, sie sollten dort auch konsumieren, Getränke kaufen - wie heute in jedem Multiplex-Kino. Er machte alles zu Geld.

SPIEGEL ONLINE: Überschritt er dafür nicht auch moralische Grenzen? Er führte in seinen Shows Menschen vor, die aus der Art geschlagen waren: siamesische Zwillinge, bärtige Frauen, zwergwüchsige Männer.

Jackman: Ja, er machte sich unsere Schaulust mit einer gewissen Skrupellosigkeit zunutze. Das gibt es bis heute, wenn etwa in Fernsehshows Pleiten, Pech und Pannen gezeigt werden. Ohne Barnum gäbe es kein Reality-TV. Moralisch war das manchmal zweifelhaft, durchaus. Andererseits hat Barnum diese Menschen aus dem Schatten geholt und zu Stars gemacht. Charles Stratton, der kaum einen Meter groß war, stand dank Barnum eines Tages vor der Königin von England.

SPIEGEL ONLINE: Im vergangenen Mai gab der von Barnum gegründete Zirkus seine letzte Vorstellung. Ist diese Art der Unterhaltung vorbei?

Jackman: Wenn man bedenkt, wie stark sich die Vorstellung von Unterhaltung gewandelt hat, ist es verblüffend, dass Barnums Zirkus überhaupt so lange existieren konnte. Es zeigt aber auch, wie stark sein Konzept war. Doch heute würde er nicht mehr mit einem Zelt durch die Gegend ziehen. Heute wäre er im Silicon Valley und würde sich dort mit Virtual Reality beschäftigen. Er wäre auf der Suche nach der neuesten Technologie, um so viele Menschen wie möglich zu erreichen und zu unterhalten.

SPIEGEL ONLINE: In seiner Anfangszeit musste das Kino lange darum kämpfen, als Kunstform anerkannt zu werden. Es galt eher als Jahrmarktvergnügen. Ist "Greatest Showman" auch ein Film über das Kino?

Jackman: Bis heute gelten das Musical oder die Komödie als eher leichte Genres, als Verwandte des Zirkus. Doch für mich gibt es gar keinen Zweifel, dass "Singin' in the Rain", "Tootsie" oder "Jäger des verlorenen Schatzes" ganz große Kunstwerke sind. Nur weil etwas populär oder unbeschwert ist, heißt das noch lange nicht, dass es weniger wert ist.

Kurzkritik "The Greatest Showman"
    Man hätte aus dem Leben des Zirkuspioniers P. T. Barnum ein großes, episches Biopic machen können. Doch Regisseur Michael Gracey und sein Star Hugh Jackman haben sich gegen den langen Atem und fürs Hyperventilieren entschieden. "The Greatest Showman" ist eine rasante Nummernrevue, eine rund 100 Minuten lange Montage der Attraktionen, die nichts unversucht lässt, den Zuschauer bestmöglich zu unterhalten. Der Film über den Mann, der Mitte des 19. Jahrhunderts in New York ein Kuriositätenkabinett aufmachte, funktioniert selbst wie eine Zirkusshow. Er ist bunt, schrill, überbordend vor Phantasie und Energie, ohne Scheu vor billigen Effekten. Damien Chazelles "La La Land" gab vor zu zeigen, was wahre Kunst von bloßer Unterhaltung unterscheidet. "The Greatest Showman" singt und tanzt diesen Unterschied einfach gut gelaunt weg. (lob)

SPIEGEL ONLINE: 2017 gewann das Musical "La La Land" sechs Oscars, doch als bester Film wurde das Drama "Moonlight" ausgezeichnet.

Jackman: Wir wollten einen Film machen, der sich an ein breites Publikum richtet, der nicht zu düster ist, den auch Kinder sehen können. Wie Barnum wollen wir möglichst gut unterhalten. Wenn ein Film es schafft, dich die Welt mit anderen Augen sehen zu lassen, ist das Kunst. Gene Kelly schnappt sich einen Mopp und verwandelt ihn in einen wunderbaren Tanzpartner. Tanzen und Singen können uns von den Fesseln des Alltags befreien. Das schafft so kein anderes Genre.

SPIEGEL ONLINE: Kelly ist ein Idol von Ihnen?

Jackman: Schon als Jugendlicher mochte ich diese Kombination aus Kraft und Eleganz, fand das ungeheuer maskulin. Kelly war für mich so etwas wie die tanzende Arbeiterklasse, der lebende Beweis, dass das nicht nur ein Zeitvertreib für die höheren Kreise ist. Er schnappte sich nicht umsonst einen Mopp.

SPIEGEL ONLINE: Und dann haben Sie selbst tanzen gelernt.

Jackman: Ja, aber meine Brüder haben sich alle über mich lustig gemacht. Irgendwann ging ich dann zu Tanzkursen der Sydney Dance Company. Hundert Teilnehmer, davon nur zehn Männer. Ich kam zurück nach Hause und sagte: "Jungs, ihr werdet es nicht glauben: Neunzig Frauen, zehn Männer, davon einige vermutlich schwul." Am nächsten Tag kamen alle meine Brüder mit. Wer tanzen kann, hat mehr vom Leben.

Im Video: Der Trailer zu "The Greatest Showman"

insgesamt 8 Beiträge
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anselmwuestegern 04.01.2018
1.
Gute Aussage zum Tanzen! Auch seine Ansicht zur sogenannten leichten Muse kann ich teilen. Die Aufteilung in 'E' und 'U' ist ohnehin willkürlich. Will die Oper etwa nicht unterhalten? Allerdings, was seine Aussage zum Tanzen betrifft, möchte ich ergänzen, dass (fast) jede Fertigkeit einem Leben mehr Sinn und Wert verleiht. Leider kann ich nicht alles und auch nicht alles erlernen.
hexenbesen.65 04.01.2018
2.
Ein sehr sympatischer Mann. Leider versucht "Peta" wieder, den Film madig zu machen. Es ist ein UNTERHALTUNGSFILM , keine Dokumentation. Die Tieraufnahmen ("kunststückchen") wären Animiert ...so ein TV-Beitrag von heute.. Und ja, wer als Mann tanzen kann, hat sehr,sehr gute Chancen bei den Damen ! (Und wenn das auch noch so klasse aussieht wie bei Hugh Jackman.....ich werde mir den Film anschauen..)
franxinatra 05.01.2018
3. Bestimmt ein guter Kontrast zur Netflix-Produktion 'Zirkus'
in der Reihe der 'American Horror story'; jedes für sich betrachtet ist anregender als eine allen Aspekt gerecht werden wollende Werkschau zum Thema... Die Vorschau hat mich jedenfalls angesprochen, und da ich das eine bereits gesehen habe tue ich mir diesen Streifen auch gerne an!
Jor_El 05.01.2018
4. Ach Hugh,
Jackmann beweist, dass man ein ganzer Kerl sein kann, ohne zum grapschenden Proleten zu verkommen. Männlichkeit und Niveau,, das macht ihn so sympathisch.
112211 05.01.2018
5. Nicht mein Geschmack ... aber ...
Aber hoch zu loben ist, wenn ein Schauspieler sich aus der Hollywood Langeweile der ewig selben Rolle befreit. Obwohl ich dieses Filmgenre nicht unbedingt favorisiere, werde ich mir aus diesem Grund den Film vielleicht doch ansehen.
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