SPIEGEL ONLINE: Aber wir leben ja nicht im luftleeren Raum. Was ist mit US-Serien wie "Lost" oder Filmen der Coen-Brüder, die werden hierzulande auch angesehen.
Levy: Das ist richtig. Ich denke, es hat mit unserer nationalen Kultur zu tun, mit bestimmten Qualitäten, auf die man sich geeinigt hat: Unsere Geschichten sollen realistisch sein, sollen glaubwürdig sein, aber im Sinne einer möglichst erfundenen Glaubwürdigkeit. Persönliche oder sogar biografische Filme wirken hierzulande eher befremdlich. Vereinzelt gibt es sie inzwischen, von Fatih Akin, Doris Dörrie, Oskar Roehler, Matthias Glasner und einigen anderen. In Frankreich gibt es diese Tradition aber seit langem - und natürlich in den USA. Dort ist auch die Stand-up Comedy seit jeher zu Hause, von Lenny Bruce bis Craig Ferguson, da hat das Spielen mit seiner eigenen Autobiografie nichts Anrüchiges oder Narzisstisches. In Frankreich gibt es heute Regisseure wie Gaspar Noé, die unglaublich verstörende, persönliche, von ihrer Sehnsucht geprägte Filme machen, hinter denen sie vollständig als Person stehen. Und die werden auch geliebt, diese Filme. Das ist hierzulande durchaus ein Konflikt für mich.
SPIEGEL ONLINE: Wie gehen Sie eigentlich damit um, gleichzeitig unbequem sein zu wollen und doch als Künstler geliebt zu werden?
Levy: Ich glaube, das ist ein weitverbreitetes künstlerisches Problem und ziemlich unlösbar. Man kann nicht universelle Liebe für etwas bekommen, das so fragmentarisch und selbstzweiflerisch ist wie das, was ich mache. Aber ich fühle mich nicht ungeliebt! Ich habe schon das Gefühl, dass es ein Publikum gibt, das Dani-Levy-Filme grundsätzlich interessant findet und mich auch dafür liebt, worüber wir gerade sprechen. Diese Zuneigung spüre ich auch, wenn ich Schauspieler anfrage. Aber ich war schon enttäuscht darüber, dass "Mein Führer" nicht so gesehen wurde, wie ich ihn gedacht hatte.
SPIEGEL ONLINE: Woran lag das?
Levy: Das hatte damit zu tun, dass der Film von der Kritik auf zum Teil sehr unkreative und nörgelige Art niedergeschrieben wurde, so dass man als Leser gar nicht mehr neugierig war.
Levy: Im Gegenteil: Ich glaube, ihr Kritiker unterschätzt umgekehrt euren Einfluss. Das ist mir unverständlich. Unser Publikum liest die Kritiken und lässt sich durchaus davon beeinflussen! Filmkritik hat bei anspruchsvollen Filmen und einem zeitungslesenden Publikum einen großen Stellenwert, aus dieser Verantwortung kommt ihr nicht raus. Ich wünschte mir von der Filmkritik vermehrt, dass sie, auch wenn sie ihn nicht mag, gerade bei einem interessanten Film wie zum Beispiel "Mein Führer" - und interessant war er, das kann niemand leugnen! - trotz allem sagt: Geht 'rein, macht euch ein eigenes Bild.
SPIEGEL ONLINE: Der Film war mit einer knappen Million Zuschauern dennoch recht erfolgreich.
Levy: Klar. Aber er hatte ein anderes Publikum als das, was ich erreichen wollte. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe mich ja gefreut! Aber ein Teil des Publikums, für das ich den Film eigentlich gemacht hatte, ist aufgrund der Kritik nicht reingegangen. Ich habe mir die Seele herausgerissen, um etwas Substantielles und Wichtiges über Adolf Hitler zu erzählen und die schwarze Pädagogik - und dann wird das nicht wirklich gesehen.
SPIEGEL ONLINE: Das klingt ein bisschen beleidigt.
Levy: Ach Quatsch beleidigt, es schmerzt eben. Ich wünsche mir natürlich bei jedem Film, dass ihn möglichst viele Leute angucken und sich damit beschäftigen. Ich mache ja immer noch Filme, die mir wirklich wichtig sind. Das fordert mich emotional und bringt mich manchmal an die Grenzen meiner Zurechnungsfähigkeit, aber es macht Riesenspaß! Und ich glaube, meine Filme vermitteln auch, dass sie von einem gewissen Swing getrieben sind. Die Leute schauen sich so viel mittelmäßige, langweilige Konsenskultur an, dann sollen die sich gefälligst auch mal so etwas anschauen!
SPIEGEL ONLINE: Sie wünschen sich also, dass die Leute sagen: Komm, wir schauen uns den neuen Levy an, wird schon interessant sein.
Levy: Ja. Ich muss nicht geliebt werden, aber ich wünschte mir, dass man sieht, dass die Kinder, die ich auf die Welt bringe, Kinder der Liebe sind. Es gibt Filme, die brauchen die Filmkritik, und Filme, die sie nicht brauchen. Til Schweiger zum Beispiel ist nicht auf die Filmkritik angewiesen, der zeigt seine Filme den Kritikern vor Kinostart auch gar nicht mehr. Aber ich sitze nicht im Til-Schweiger-Boot! Meine Filme brauchen die Filmkritik, und ich wünschte, dass der Grundkonsens, um den es uns doch allen geht, bewahrt wird: die Leidenschaft und Neugier fürs Kino. Und die könnte man dem Publikum auch vermitteln.
SPIEGEL ONLINE: Man kann Sie nicht so leicht einordnen wie zum Beispiel Christian Petzold oder Andreas Dresen: Sie changieren, lassen sich nicht festlegen, machen Komödien. Daran kann man sich reiben. Müssen Sie nicht genau damit leben?
Levy: Wahrscheinlich. Wir sind ja damals mit X-Filme angetreten, U- und E-Filme näher aneinanderzurücken, also intelligente Mainstream-Filme zu machen. Das ist nicht einfach, aber bis heute unser Anspruch. Und ich frage mich manchmal: Warum gehen die denn nicht alle mit?
SPIEGEL ONLINE: Und, warum nicht?
Levy: Keine Ahnung! Eigentlich haben die Zuschauer doch das Bedürfnis, intelligente Unterhaltung zu sehen. Aber wenn es darauf ankommt, rennen wieder alle in den banalsten Kram. Ich hab' die Diskussion ja manchmal selber zu Hause mit meiner Frau: Es kommt einem so anstrengend vor, den anspruchsvolleren Film zu wählen. Das ist es doch gar nicht!
Das Interview führte Andreas Borcholte
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