James-Baldwin-Doku auf Arte Der gerade noch beherrschte Zorn

Schon vor 50 Jahren fand der Schriftsteller James Baldwin die klarsten Worte zum Rassismus in den USA. Raoul Pecks beeindruckender Dokumentarfilm "I Am Not Your Negro" zeigt, wie brennend aktuell sein Denken ist. Nun läuft er auf Arte.

Von Julian Brimmers


Jede Entschuldigung benötigt einen verständigen, verzeihenden Empfänger, um zu gelingen. Wird dieser einfach vorausgesetzt, ist die Entschuldigung nicht mehr als Teil einer Performance und ein weiterer, das Machtgefüge bestätigender Gewaltakt.

Im Zentrum von "I Am Not Your Negro", Raoul Pecks oscarnominiertem Dokumentarfilm über den schwarzen Zeitchronisten und Schriftsteller James Baldwin, steht eine Montage solcher Entschuldigungen. Unter anderem beteuern Richard Nixon, Arnold Schwarzenegger, Bill und Hillary Clinton, Donald Trump, Anthony Weiner und schließlich Thomas Jackson, Ex-Polizeichef von Ferguson, Missouri, ihre Bestürzung über den angerichteten Schaden an Land, Wählern und dem privaten Haussegen. Sie alle eint neben ihrer weißen Hautfarbe und Klassenzugehörigkeit, dass sie nur bedingt Konsequenzen fürchten mussten.

Fotostrecke

9  Bilder
Dokumentarfilm "I Am Not Your Negro": Die Schuld der Weißen

James Baldwin sprach in solchen Fällen von einer zur Tugend verklärten amerikanischen Unreife. Und obwohl sein Protagonist seit 30 Jahren tot ist, hat Raoul Peck nicht nur in dieser Hinsicht einen Film über Verantwortung und Konsequenzen im Hier und Jetzt gedreht.

Das Script von "I Am Not Your Negro", der im März bereits in den Kinos lief und am Dienstagabend nun um 20.15 Uhr auf Arte gezeigt wird, basiert auf einer 30-seitigen Notiz zum Buchprojekt "Remember This House", in dem James Baldwin 1979 die Morde an Medgar Evers, Malcolm X und Martin Luther King neu beleuchten wollte. Die unveröffentlichten Blätter erhielt Peck von Baldwins Schwester Gloria Karefa-Smart, zusammen mit Zugang zum gesamten Nachlass ihres Bruders.

Der Film sei ein "funky dish of chittlers" (etwa: eine zum Himmel riechende Schweinsgedärmpfanne), so Peck in Anlehnung an Baldwins Text. Sein mutiger Umgang mit dem Quellmaterial hat sich ausgezahlt. Verhedderte sich Pecks internationale Spielfilmproduktion "Der junge Karl Marx" mit überbordender Didaktik zwischen Proseminar und Kostümfilm, so fordert "I Am Not Your Negro" seinen Zuschauern einiges mehr ab. Hier passiert alles auf einmal: die rassistischen Ausschreitungen in Little Rock 1957 und "Black Lives Matter"-Proteste in Ferguson 2014, die Vereidigung Barack Obamas neben den Morden an Evers, Malcolm X und King, die Aufstände in Watts von 1965 neben Bildern der jüngsten Opfer von Polizeigewalt.

Über all dem liegt die sonore Erzählstimme von Samuel L. Jackson, dessen größte Leistung es ist, sein prominentes Image gänzlich hinter den Worten Baldwins verschwinden zu lassen.

Ein Amerikaner unter Europäern

James Baldwin kam 1924 in Harlem, New York zur Welt. Seine Kindheit verbrachte er inmitten der Blütezeit der Harlem Renaissance, als der Stadtteil im Norden Manhattans das Epizentrum schwarzer Kultur darstellte. Das Harlem seiner Jugend erinnerte Baldwin als von lautstarken schwarzen Medien geprägt, antisemitisch, bettelarm und offensiv stylisch. Frustriert vom Alltagsrassismus und aus Angst vor Ressentiments gegenüber seiner sexuellen Ambivalenz, verließ er die USA mit 24 Jahren.

Er ging nach Paris, mit, wie er schrieb, nichts als 40 Dollar und der Theorie, dass er nichts Schlimmeres erleben werde, als ihm in den USA widerfahren war. Erst in Paris, in der Schaltzentrale der europäischen Boheme, wurde er zum gefeierten Autor - und gewann einen neuen Blick auf seine sexuelle und kulturelle Identität. In seinem ersten Essayband "Notes of a Native Son" beschrieb Baldwin die sensationelle Erfahrung, als Amerikaner unter Europäern wahrgenommen zu werden, nicht als Schwarzer unter Weißen. In seinem zweiten Roman "Giovanni's Room" verhandelte er wenig chiffriert seine eigene Homosexualität und sorgte 1955 für einen kleinen Skandal.

Er sei in Paris von der Illusion befreit worden, Amerika zu hassen, schrieb Baldwin in seinem zweiten Essayband "Nobody Knows My Name". 1957 kehrte er in die USA zurück: Er habe nicht länger mit Franzosen über Little Rock, wo ein weißer Mob gegen die Öffnung von Highschools für Schwarze protestierte, diskutieren wollen, wenn er doch selbst nach Little Rock reisen könnte, um seinen Beitrag zu leisten.

Pecks Film umkreist diesen Moment von Baldwins Wiedereintritt in den US-amerikanischen Race-Diskurs. Bereits Ende der Fünzigerjahre galt Baldwin als wichtiger amerikanischer 'Public Intellectual'. Seine Prominenz zeigte sich allerdings vor allem unter den liberalen weißen Eliten, weniger innerhalb der afroamerikanischen Community. Dies änderte sich schlagartig Anfang der Sechziger.

Immer öfter war Baldwin nun im Fernsehen zu sehen, er debattierte mit Martin Luther King, Malcolm X und Marlon Brando oder trat vor Studenten in Cambridge auf. Diese Auftritte, die Peck ausführlich zeigt, sind rhetorische Glanzstücke. Baldwins Sätze, geschrieben wie gesprochen, sind klar, ohne uneitel zu sein, und seine Beobachtungen finden ihren Humor auch im Elend. Gleichzeitig zeigt sich hier auch Baldwins schärfste Waffe - sein gerade noch beherrschter Zorn, der seiner Eloquenz den nötigen Nachdruck verlieh und ihn zu einem wichtigen Mittler der Bürgerrechtsbewegung machte.

Wie steht es um die eigene Toleranz?

In einem der stärksten Momente des Films liest Samuel L. Jackson über eine ikonische Szene aus "Flucht in Ketten". Während Sidney Poitier sich vom Zug fallen lässt, um seinen weißen Mitgefangenen nicht im Stich zu lassen, beschreibt Baldwin die unterschiedliche Gefühlslage schwarzer und weißer Kinobesucher. Das weiße Publikum sah eine Versöhnung, während sich schwarze Kinogänger fragten, was zur Hölle Poitier sich dabei dachte. Ganz ähnliche Verhaltensmuster mit vertauschten Rollen ergaben sich 40 Jahre später bei der berühmten Schlussszene von "Do The Right Thing", in der Spike Lee in der Hauptrolle per Mülltonnenwurf einen Aufstand in Brooklyn verursacht.

Viele von Baldwins Thesen wirken erschreckend aktuell, und "I Am Not Your Negro" gelingt es, die verschiedenen Zeitebenen effektvoll zu verknüpfen. Seine Antithese zu Trumps "Make America Great Again" lieferte Baldwin bereits 1963, in einem an seinen Neffen adressierten Brief aus dem Band "The Fire Next Time". Den Kampf gegen das Gedankengut der 'White Supremacy' verortete Baldwin hier auf denkbar komplexem Terrain - der Psyche des weißen Amerikas.

Junge Afroamerikaner sollten nicht darauf hoffen, akzeptiert zu werden. Vielmehr müssten sie ihre weißen Brüder dabei unterstützen, ihre eigene Rolle in einer Geschichte voller Unrecht zu begreifen. Zusammen könne man ein Amerika schaffen, wie es immer hätte sein sollen. 2015 erhielt diese Form des politischen Briefessays mit Ta-Nehisi Coates "Between the World and Me" einen würdigen Nachfolger.

Geschichte ist nicht Vergangenheit, sondern unsere Gegenwart. Jede andere Einstellung sei buchstäblich kriminell, heißt es in Baldwins Notizen. Ohne Anspruch auf biografische Vollständigkeit - die queere Dimension von Baldwins Biografie wird beispielsweise nur am Rande thematisiert - ist "I Am Not Your Negro" weniger ein historisches Biopic als eine Aufforderung an den Zuschauer, seine eigene Toleranz und Handlungsfähigkeit zu hinterfragen.

Somit wird Pecks Dokumentarfilm zum Zeugnis eines Konflikts, der andauert, obwohl, so Baldwin, er schon vor langer Zeit entschieden wurde: "Diese Welt ist nicht länger weiß, und sie wird nie wieder weiß sein."


"I Am Not Your Negro", Arte, 20.15 Uhr

Im Video: Der Trailer zu "I Am Not Your Negro"

Mehr zum Thema
Newsletter
Neu im Kino: Tops und Flops


insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
tsitsinotis 29.03.2017
1.
Wenn Sie dies auf angeblich millionenschwere schwarze Anwälte schieben, ist diese Reduktion eine schwere Beleidigung aller von weißem Rassismus betroffenen Afroamerikaner --- und das sind Millionen. - Ich finde, Sie machen es einem leicht, zu dechiffrieren, dass Sie zur White Supremacy gehören.
bigmitt 30.03.2017
2. Der Artikel und....
....Der Trailer machen wirklich Lust auf den Film. Amerikas Spaltung und Rassismus ist zum größtenteil ein ökonomisches Problem.,MLK, Malcolm X , Richard Pryor , sie alle haben immer wieder proklamiert das es "Racial Justice" nur in Verbindung mit "economic" Justice geben kann. Leider ist die Spaltung seit ( trotz, oder wegen?) Obama größer als je zuvor und noch öfter wird in Kategorien gedacht die für überwunden gehalten wurden. Anders kann ich mir nicht erklären wie zum bsp. der Entertainer Steve Harvey von der schwarzen Community als Uncle Tom bezeichnet wird nur weil Er sich mit Trump getroffen hat um die Probleme der Inner Cities zu besprechen? .
Worldwatch 30.03.2017
3. Die Chancen ...
... sozialen Aufstiegs, beruflicher Karrieren, mannigfacher Aus- wie Fortbildungen, gesellschaftlicher Anerkennungen, u.s.w., waren fuer Afro-US-Amerikaner noch nie so gut wie derzeit. Und nicht wenige Afroamerkaner haben die sich bietenden Chancen dazu auch genutzt. Sie sind in Top-Anwalts- wie Richterposten, in leitender Funktion in den Administrationen, dem Gesundheitswesen wie auch der Industrie angekommen. Auch einen US-Praesidenten aus den Reihen der Afroamerikaner hat es bereits gegeben, diverse Ministerposter wurden wie werden an Afroamerikaner vergeben. Und Stars im showbiz wie Sport stellt dieser ethnische, nicht-minoritaere Bevoelkerungsanteil, schon reichlich. Gemessen am US-Bevoelkerungsanteil aber -prozentual- sicher noch zu wenige. Woran aber liegt das? Und, so bedauerlich dazu auch die Betrachtungen, insb. von Kennern wie Experten, ausfallen moegen. Die dahingehende Unsichtbarkeit der US-Urbevoelkerung stimmt mich noch mehr bedenklich.
Kudi 30.03.2017
4. Den Rassismus in den USA höchstpersönlich erlebt
Mein Vater war zwischen 1965 und 1967 für ein Schweizer Unternehmen in South Carolina, wo jenes eine Tochterfirma aufbaute. In den Schulferien reisten wir jeweils in die USA und unternahmen ausgedehnte Reisen mit dem Auto. Eines Tages standen wir in New York City an einer roten Ampel. Vor uns überquerten Fußgänger den Zebrastreifen. Ein schwarzer Fußgänger hielt an, blickte auf das Kennzeichen aus "South Carolina" und begann damit, auf die Motorhaube unseres Autos einzuhämmern und auf die Windschutzscheibe zu spucken. Mein Vater konnte den Mann nur durch beherztes Gasgeben entfernen.
Pride & Joy 30.03.2017
5. Die USA war schon vor ihrer Gründung tief rassistisch
und zwar deshalb, weil ganze Kulturen vertrieben, getötet, oder außer Landes gebracht wurden. Danach begann man sich über Jahrhunderte um Territorien zu streiten - bis heute, wo den Natives auch noch ihre Reservate genommen werden sollen, weil Trump dort gedenkt eine Pipeline zu bauen, oder Ressourcen aubeuten möchte - ein Trauerspielt. Jeder, der die Möglichkeit hatte, diese Reservate zu besuchen, kommt sich wie in der Dritten Welt vor. Armut, soziale Verwahrlosung, Elend, wo man hinsieht. Lost Souls - Vertriebene ihres eigenen Kontinents. Bemerkenswert ist aber, dass die protestantisch englischen Einwanderer, die sich als Herrscher sahen, ihren Hass auf Katholiken (Iren, Italiener) in den Kontinent brachten und etablieren konnten, der heute noch unterschwellig gelebt wird. Was James Baldwin in seinen Büchern beschreibt, ist das Gefühl des Nichtangenommenseins. Ein Fremder und Entwurzelter zu sein. Unter diesem Gefühl hat er lebenslang gelitten und konnte dem nur zeitweise durch seine Fluchten nach Frankreich/in die Schweiz entfliehen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.