US-Komödie "I Feel Pretty" Sexy dank Schädeltrauma?

Amy Schumer als verzagte Durchschnittsfrau, die sich plötzlich begehrlich findet: Die US-Komödie "I Feel Pretty" will empfindliche Themen wie Lookism und Bodyshaming verhandeln - und verstolpert sich.


Schicke Boutiquen führen ihre Konfektionsgröße nicht, Babys brüllen bei ihrem Anblick, und Männer lernen immer nur die anderen kennen: Renee (Amy Schumer) leidet. Sie leidet darunter, über ein Datingportal keine einzige Zuschrift zu erhalten, beim Bestellen in der Bar ignoriert zu werden und in einer Kosmetikfirma voller ätherischer Modelwesen einen unglamourösen, trostlosen Job zu fristen. Der Grund, Renee ist sicher, liegt an ihrem Äußeren - sie ist einfach zu "durchschnittlich".

Als Renee während eines Cyclingkurses vom Rad stürzt und sich mächtig die Birne stößt, passiert es: Aus einer Kurzohnmacht erwacht, empfindet sie sich plötzlich als "schön", "begehrenswert", "sexy". Sie trägt die Highheels mit erhobenem Kopf, bewirbt sich in ihrer Firma erfolgreich für einen prestigeträchtigeren Job, und lernt einen Mann kennen, von dem sie solange wie selbstverständlich annimmt, dass er scharf auf sie ist, bis er es tatsächlich ist. Schönheit liegt im Auge des Betrachters und der Betrachterin, die Botschaft könnte deutlicher nicht sein. Und wenn man an sich selbst und seine inneren Werte glaubt, dann tun es auch die Anderen.

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"I Feel Pretty": Schön, als der Schmerz nachließ

Die Regisseure und Drehbuchautoren Marc Silverstein und Abby Kohn, die mit Filmen ("How To Be Single", "Er steht einfach nicht auf dich") schon lange im RomCom-Genre rühren, spielen in ihrer neuen Komödie mit dem Begriff des "lookism" - jener Diskriminierung, die normativ "weniger attraktive" Menschen beruflich und sozial erfahren. Um eine amtliche Comedy-Fallhöhe für ihre Protagonistin zu konstruieren, lassen sie Renee anfangs genau unter diesem Phänomen leiden, um sie dann, nach der rüden Kopfnuss im Gym, als selbstbewussten Vulkan zu inszenieren. Nimm das, "lookism"!

Viele Denkfehler

Doch leider machen die Regisseure in ihrem von der furiosfeministischen US-Komikerin Schumer mit viel Verve verkörperten Konstrukt mehrere ärgerliche Denkfehler: Renee wird nach ihrem Unfall keineswegs öfter oder bewundernder angeschaut und angesprochen. Sie missinterpretiert jetzt nur die Situationen. Silversteins und Kohns Botschaft lautet also im Grunde nicht "Jeder ist schön", sondern "Eine wie du muss schon einen Schlag auf den Kopf bekommen, um nicht mehr zu merken, wie hässlich sie alle finden".


"I Feel Pretty"
USA/ China 2018

Drehbuch und Regie: Abby Kohn, Marc Silverstein
Darsteller: Amy Schumer, Michelle Williams, Rory Scovel, Emily Ratajkowski
Produktion: Huayi Brothers Pictures, Voltage Pictures, Wonderland Sound and Vision
Verleih: Concorde Filmverleih
Länge: 110 Minuten
FSK: ohne Altersbeschränkung
Start: 10. Mai 2018


Der Humor des Films generiert sich aus der Tatsache, dass sie eben (äußerlich) doch die Gleiche geblieben ist. Auf dieser Prämisse basiert etwa eine Szene, in der Renee in der Warteschlange der Reinigung einen Mann darauf festnagelt, sie nach ihrer Telefonnummer gefragt zu haben - dabei wollte er nur ihre Wartenummer wissen. Jemand wie Renee kann sich anscheinend nur einbilden, die Aufmerksamkeit eines anderen Menschen zu erwecken. Und man lacht - über Schumers Comedytalent, aber eben auch über ihre Figur.

Der zweite Fehler ist genau diese Besetzung mit Amy Schumer. Als Profi-Komödiantin jagt sie ihre Renee gewohnt uneitel und energetisch durch den Film und liefert verlässlich Gags ab - etwa wenn sie eine ultraschlanke Sportkollegin fragt "Wo sind überhaupt deine Organe!?". Doch Schumer selbst ist eine intakte, junge, weiße, etablierte und somit privilegierte Schauspielerin - die Schwierigkeiten ihrer Figur mit einem Umfeld, dass sie aufgrund von Äußerlichkeiten diskriminiert, wirken albern. Und auch unsympathisch, denn es scheint vor allem Neid auf andere Frauen zu sein, der an Renee nagt, selbst wenn sie irgendwann im Verlauf des Films zu einer Einsicht kommt.

Im Video: Der Trailer zu "I Feel Pretty"

Ein weiterer Fehler verbirgt sich in einem Handlungsstrang, in dem die "Durchschnittsfrau" Renee durchsetzt, dass die neu gelaunchte, günstige Nebenlinie ihrer Kosmetikfirma mit genau solchen "Durchschnittsfrauen" beworben wird. Renee erntet Applaus, und feiert Gleichberechtigung und Selbstakzeptanz. Um die hochpreisigen Luxusprodukte der Marke darf es in der fragwürdigen Logik des Films jedoch nicht gehen - denn für die, das ist ärgerlicherweise die Conclusio, dürfen weiterhin nur "wirklich hübsche" Frauen Testimonials sein.

Genderbedingte Unterschiede in der eigenen und fremden Körperwahrnehmung, Feminismus, Body-Positivismus, Statements gegen das "Bodyshaming", Toleranz gegenüber der Mannigfaltigkeit der menschlichen Hülle - relevante Ansätze zu diesen Themen muss man in "I Feel Pretty" lange suchen. Irgendwann zu Beginn des Produktionsprozesses waren solche Gedanken garantiert mal vorhanden. Sie sind nur, nun ja, abgespeckt worden. Bis nur noch ein manchmal hübsch unflätiges, meist aber zahmes, wenn nicht reaktionäres Frauen-finden-sich-zu-dick-Komödchen übriggeblieben ist. Das ist einfach zu dünn.

Im Video: Wa(h)re Schönheit - Besser aussehen um jeden Preis?

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insgesamt 11 Beiträge
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peteftw 09.05.2018
1. ?
Was sind denn "ätherische Modelwesen" ?
barbierossa 09.05.2018
2. Es gibt kein wahres Leben
im Falschen (Holywood). Aus dem Betrieb und seiner Objektivizierung alles Menschlichen kommt man schon erst recht nicht mit einem auf mainstream gebügelten Kommödchen heraus. Hab die Vorschau zu dem Streifen letztens im Kino gesehen und diese Rezension bestätigt genau den Eindruck, den der Teaser schon auf mich machte. Amy Schumer ist eine wirklich tolle Schauspielerin. Wird Zeit, dass sie mal eine ernsthafte Rolle in einer sich mit ernsthaften Themen jenseits des sixth-wave-feminism beschäftigenden Serie bekommt. Meinetwegen so eine wie Mandy Patinkin in "Homeland". Also eine Rolle, für die das Geschlecht keinerlei Rolle (sic!) spielt. Als kürzlich nochmal Alien1 im TV wiederholt wurde, und ich danach dann nochmal nach Zusatzinfos googelte, erfuhr ich, dass die Rolle, die Sigourney Weaver darin spielt, ursprünglich für einen Mann gedacht war. Wenn eine pummelige Frau wie Schumer eine solche Figur (vielleicht mit weniger Akzent auf körperlicher Toughness) in einer Triple-A-Produktion spielen würde, wäre das vermutlich ein größerer Erfolg in Richtung "Anerkennung von nicht dem klassischen Ideal Entsprechenden" als zehn solcher sich satirisch gebender Streifchen.
Olaf 09.05.2018
3.
Witzig, wie jeder positive Ansatz sofort ins negative gedreht wird. Feministinnen brauchen schließlich Probleme und keine Lösungen. Eine dicke Frau kann nicht schön sein, da ist die deutsche Feministin vor.
Cr4y 09.05.2018
4. Hä?
"Doch Schumer selbst ist eine intakte, junge, weiße, etablierte und somit privilegierte Schauspielerin - die Schwierigkeiten ihrer Figur mit einem Umfeld, dass sie aufgrund von Äußerlichkeiten diskriminiert, wirken albern." D.h. aufgrund Schumer's Alter, Hautfarbe und - von der Autorin - ausgedachtem persönlichen Befinden soll sie als Schauspielerin ungeeignet sein!? Also das z.B. Martin Luther King vorzugsweise von einem 'Schwarzen' geschauspielert werden sollte - geschenkt. Aber wäre der Film tatsächlich besser und glaubwürdiger, nur weil die Schauspielerin nicht intakt, alt, schwarz, unetabliert und somit unprivilegiert gewesen wäre? Komische Weltsicht, die mir ein wenig rassistisch und diskriminierend vorkommt...
naundob 09.05.2018
5. Wie denn auch sonst?
Wie besetzt man denn sonst eine Mainstreamkomödie, wenn nicht mit einer bekannten Mainstream-Schauspielerin, für die Privilegiertheit immer zur Standardausstattung gehört? Nochmal: Das ist keine Arthouse-Produktion, die beim Sundance-Filmfestival beeindrucken will, sondern an der normalen Kinokasse. "Bodyshaming" ist hier einfach nur ein halbwegs origineller Aufhänger für eine weitere "Bridget Jones"-Film-Variante. Nicht mehr und nicht weniger. Wer mehr Tiefe möchte, findet sicher ein paar gelungene Dokumentationen oder Dramen zum Thema.
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