"Ice Age" Frühzeitliches Dschungelbuch

Zeichentrickfilme waren immer beliebt und erfolgreich. Nun aber drängen Animationsfilme in Originalität und Umsatz die Spielfilme zunehmend ins Hintertreffen. Nach "Shrek" und "Die Monster AG" ist nun auch das prähistorische Abenteuer "Ice Age" das bessere Kino zurzeit.

Von Oliver Hüttmann


Sympathischer Schussel Sid: Mit Bambi und Aristocats wenig zu tun
20th CENTURY FOX

Sympathischer Schussel Sid: Mit Bambi und Aristocats wenig zu tun

Wer über Hollywood nachdenkt, muss auch immer wieder über Zahlen sprechen. "Box Office" nennen sich die amerikanischen Kinocharts, und der Stellenwert der wöchentlichen Rangliste für die Studios, Produzenten und Investoren lässt sich als Frontbericht aus Börsenkursen und Pferdewetten umschreiben. Mit Schadenfreude und Faszination haben sich dabei die Fragen, welcher Film auf den ersten Platz einläuft, nach einer Woche abstürzt und am Saisonende das meiste Geld eingespielt hat, längst zu einem Sport von globalem Interesse entwickelt.

2001 hatte Hollywood ein Rekordjahr zu vermelden ­ mal wieder. Denn über die Flops und Differenzen zwischen Ausgaben und Einnahmen ist schon so manches Mal hinweggetäuscht worden, weil schlicht mehr Filme gestartet oder die Eintrittspreise erhöht worden waren. Das Plus im vergangenen Jahr wird vor allem "Harry Potter" und "Herr der Ringe - Die Gefährten" zugeschrieben, die noch immer in den Kinos sind und bisher rund 315 beziehungsweise 280 Millionen Dollar eingespielt haben. Bedeutsamer aber sind die Umsätze dreier Animationsfilme in den letzten neun Monaten: Dreamworks "Shrek" erspielte 270 Millionen Dollar, Disneys "Die Monster AG" steht bei 250 Millionen Dollar ­ und "Ice Age" von Fox dürfte bald in ähnliche Sphären vorstoßen, nachdem er vor einer Woche in den USA mit 48 Millionen Dollar Umsatz am ersten Wochenende gestartet ist.

Gefährten Sid, Diego: Aus erstem Respekt wird Freundschaft
20th Century Fox

Gefährten Sid, Diego: Aus erstem Respekt wird Freundschaft

In gebührendem Abstand folgen in der Jahresbilanz schließlich mit "Ocean's Eleven" (180 Millionen Dollar) und "A Beautiful Mind" (125 Millionen Dollar) zwei so genannte Realfilme ­ ein Begriff, der fast anachronistisch anmutet. Denn noch nie in der Geschichte von Hollywood ist das klassische Filmformat gegenüber Trickfilmen derart ins Hintertreffen geraten. Das gilt nicht nur für die kapitale Quantität, sondern auch für die künstlerische Qualität. Die besten Filmemacher zur Zeit drehen entweder kleine, feine Werke oder arbeiten für Animationsabteilungen. Was mal mit "Toy Story" in den Neunzigern als Sensation begonnen hat und bei "Final Fantasy" und seinen am Computer generierten Darstellern kurz als Menetekel für Schauspieler überschätzt wurde, könnte in der Zukunft dennoch den neuen Mainstream definieren.

In seinem Kinodebüt "Ice Age" erzählt Regisseur Chris Wedge, der 1981 für den Sci-Fi-Film "Tron" die Animationssequenzen gestaltete, von den Abenteuern eines prähistorischen Trios. Das geschwätzige Faultier Sid und das lakonische Mammut Manfred finden an einem Flussufer ein Menschenbaby. Sie beschließen, es zu seinem Stamm zurückzubringen, der jedoch bereits weitergezogen ist. Nur deshalb nehmen sie den verschlagenen Säbelzahntiger Diego mit, der sich als Fährtensucher anbietet. Er ist bei seinem Rudelführer Soto in Ungnade gefallen und soll ihm nun das Kind als zarte Mahlzeit servieren. So ziehen sie durch karge Landschaften und über verschneite Berge, werden von Lava, zwei urzeitlichen Rhinozerossen und einem Schwarm militärisch organisierter Dodos, urzeitlicher Hühner, bedroht. Obwohl sich die drei Einzelgänger nicht leiden können und unterschiedliche Interessen verfolgen, helfen sie sich gegenseitig immer wieder aus der Klemme. Aus erstem Respekt wird schließlich Freundschaft.

Partner wider Willen: Mammut Manny und Faultier Sid
20th Century Fox

Partner wider Willen: Mammut Manny und Faultier Sid

Der Plot ist ähnlich vorhersehbar wie bei den meisten herkömmlichen Filmen, zumal sich "Ice Age" dort ausgiebig bedient. Eine furiose Rutschpartie durch die Höhlen eines Eisgletschers etwa ist "Indiana Jones und der Tempel des Todes" entlehnt ­ den übrigens auch "Shrek" und "Die Monster AG" beliehen haben. Was Spielfilmen jedoch zur Schwäche gereicht, machen Animationsfilme zu ihren Stärken: Die digitale CGI-Technik erlaubt es den Trickexperten, in Tempo, Motiven und Schnitt mit Action-Filmen gleichzuziehen und darüber hinaus jede noch so bekannte Genre-Geschichte ­ auch selbstironisch ­ mit originellem Irrwitz durchzuspielen. Und während im Kino die ständig gleichen prominenten Visagen längst langweilen und der Nachwuchs, immer öfter besetzt nach Körbchengröße und Bauchmuskelmuster, aussieht wie am Computer erschaffene Klone, werden die programmierten Phantasiegestalten zunehmend glaubwürdiger. Mit "Bambi" oder den "Aristocats" haben sie nur noch wenig zu tun.

"Ice Age" ist nicht so subversiv angelegt wie "Shrek" oder ästhetisch ausgefeilt wie "Die Monster AG". Aber in der Mischung aus "Das Dschungelbuch" und "Drei Männer und ein Baby" sind die Charakter und ihre Marotten, die Dialoge und Pointen, Situationskomik und anrührende Sentimentalität köstlich und perfekt aufeinander abgestimmt. Sid ist eine vorlaute, feige, diktatorische Nervensäge, der in jeden Schlamassel tapst und beim Gehen herrlich mit seinem breiten Hintern wackelt. Einzelgänger Manny will nur seine Ruhe haben und ist schon deshalb der Boss, wehrt sich mit stoischer Süffisanz aber vergeblich gegen den ungebetenen Begleiter Sid. Und in dem drahtigen Kraftpaket Diego, der frustriert ist von seiner Situation, schlummert ein gutes Herz. Als das Baby während der Odyssee durch die Eiszeit seine ersten Schritte macht, ringt er tapfer und furchtbar mitreißend mit seiner Rührung.

Heimlicher Held: Prähistorisches Eichhörnchen Scrat
20th Century Fox

Heimlicher Held: Prähistorisches Eichhörnchen Scrat

In der deutschen Synchronisation wird der Schussel Sid von Otto Waalkes gesprochen. Und obwohl einige seiner typischen Sprüche ("Wir sind ein tolles Team, lass uns nach Schweden zieh'n") eingeflossen sind, passt seine hektische Stimme prima zu der Figur. Als running gag huscht zudem immer das einfältige Eichhörnchen Scrat durch die Szenen, das verzweifelt eine Eichel im zugefrorenen Boden vergraben will ­ und dabei eine katastrophale Kettenreaktion auslöst, die so brillant getimt und zum Brüllen komisch ist wie klassische Cartoons.

"Ice Age", USA 2002. Regie: Chris Wedge; Drehbuch: Peter Ackermann; Michael J. Wilson, Michael Berg; Originalstimmen: Ray Romano, John Leguizamo, Denis Leary, Jack Black; Deutsche Stimmen: Otto Waalkes, Arne Eisholtz, Thomas Fritsch, Christian Brückner; Länge: 90 Minuten; Produktion: Blue Sky Studios, Fox Animation Studios; Verleih: Twentieth Century Fox; Start: 21. März 2002



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