Sozialdrama "Ich, Daniel Blake" Ich gegen das System

Ken Loach zeigt in "Ich, Daniel Blake" den Kampf eines Arbeitslosen gegen den britischen Sozialstaat. Eine Geschichte, die umso politischer ist, weil Loach sie schmerzhaft alltäglich erzählt.


Daniel Blake ist ein ordentlicher Mann. Einer, der seine Tablettendöschen penibel neben der Spüle aufreiht. Einer, der sein Leben lang als Schreiner gearbeitet und Steuern gezahlt hat. Vor allem einer, der am liebsten ewig so weitermachen und niemandem zur Last fallen würde. Aber: Daniel Blake ist krank. Ein schwerer Herzinfarkt, noch kein Jahr her. Zum ersten Mal in seinem Leben muss er beim Arbeitsamt um Hilfe bitten. Die Mitarbeiter dort sehen in ihm nur eine Nummer. Sie interessieren sich nicht für ihn, sprechen nicht seine Sprache - sie nehmen ihn nicht ernst.

Das Individuum gegen das System: ein Konflikt, der sich durch die meisten Filme von Ken Loach zieht. Der britische Regisseur, mittlerweile 80 Jahre alt, hat seine Geschichten stets am Rand der Gesellschaft gesucht. Hat den Blick derer eingenommen, die im Klassenkampf unterzugehen drohen. In dem Sozialdrama "Ich, Daniel Blake", für das er im Mai dieses Jahres mit der Goldenen Palme in Cannes ausgezeichnet wurde, ist das nicht anders: Loach und sein Stammautor Paul Laverty inszenieren Daniel Blake (Dave Johns) als so bescheidenen wie entschlossenen Einzelkämpfer, der sich dem britischen Sozialsystem entgegen stellt und Menschlichkeit gegen bürokratische Kälte verteidigt.

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Sozialdrama "Ich, Daniel Blake": Underdogs unter sich

An sich ist die Sache ganz einfach: Ginge es nach Daniel, würde er schon morgen wieder in der Schreinerei stehen. Doch so sehr der 59-Jährige seinen Herzinfarkt wegzuwitzeln versucht ("Ein Marathon ist nicht mehr drin"), der Arzt verbietet es. Zu früh, zu riskant. Im Arbeitsamt ist Daniel überfordert, besonders von den Onlineformularen. Als ihm ein anderer Antragsteller erklärt, sein Bildschirm sei eingefroren, fragt er: "Können Sie ihn nicht auftauen?"

Termin für Termin verlässt Daniel das Amt mit dem Gefühl, nichts erreicht zu haben. Loach verstärkt die Verlorenheit mit schlichten, grau verhangenen Bildern. Mit der verklinkerten Vortstadt-Tristesse Newcastles, durch die Daniel nach Hause läuft, die schwarze Wollmütze tief ins Gesicht gezogen, die Hände in die Taschen seiner ausgewaschenen Jeans gesteckt.

Partners in crime gegen die Armut

Auch Katie (Hayley Squires) nimmt im Arbeitsamt niemand ernst. Im Warteraum verliert die junge Mutter die Nerven, ihre Kinder Daisy (Briana Shann) und Dylan (Dylan McKiernan) stehen hilflos daneben. Daniel Blake kann den harschen Ton im Amt nicht mit anhören: Er verteidigt Katie, während die anderen Antragsteller wegschauen.

Die beiden kommen sich näher, werden zu partners in crime gegen die Armut. Katie ist gerührt von Daniels hemdsärmeligem Einsatz. Davon, wie er ihren Kindern Mobiles schnitzt und ihre Wohnung mit Luftpolsterfolie isoliert, um Heizkosten zu sparen. Daniel wiederum blüht auf in der Familie, die er sich immer gewünscht hat, mit seiner verstorbenen Frau aber nie haben konnte. Vor allem aber verbindet die beiden eines: Sie lassen sich von den Behörden ihre Würde nicht nehmen.


"Ich, Daniel Blake"

GB, FR, BE 2016
Regie:
Ken Loach
Drehbuch: Paul Laverty
Darsteller: Dave Johns, Hayley Squires, Sharon Percy, Briana Shann, Dylan McKiernan
Verleih: Prokino Filmverleih
Länge: 100 Minuten
FSK: 6 Jahre
Start: 24.11.2016


Der Film begleitet diesen Kampf ohne Pathos, fast dokumentarisch, und entwickelt seine politische Kraft gerade, weil er so schmerzhaft alltäglich bleibt. Weil Loach die Szene nicht zusätzlich aufbläst, in der Katie mit leeren Augen durch eine Essensausgabestelle läuft, heimlich eine Dose Baked Beans öffnet und sich die suppigen Bohnen kalt und mit bloßen Händen in den Mund schaufelt. Selbst als Daniel zum offenen Protest übergeht und an die Außenwand des Arbeitsamtes sprayt, dass er, Daniel Blake, angehört werden will bevor er verhungert: kein Trara, nur ein paar irritierte Blicke und ein Obdachloser, der mit ihm die Fäuste in die Luft reckt. Die Passanten aber laufen weiter, die Busse fahren weiter, im Amt macht man weiter wie gehabt.

Den Underdogs einen Namen gegeben

Dass Ken Loach mit "Ich, Daniel Blake" die Goldene Palme in Cannes gewonnen hat - nach "The Wind that Shakes the Barley" schon zum zweiten Mal -, hat viele irritiert. Zum einen, weil junge Filmemacherinnen wie Maren Ade mit "Toni Erdmann" ebenso preiswürdig waren. Zum anderen, weil der Regisseur die Geschichte um Daniel Blake so oder so ähnlich schon in vielen anderen Filmen erzählt hat.

Keine Frage: "Ich, Daniel Blake" ist ein klassischer Ken-Loach-Film, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Wie ungeschminkt er Klassenunterschiede aufzeigt, wie hartnäckig er den Underdogs immer wieder einen Namen gibt: Damit steht Ken Loach, ähnlich wie Daniel Blake, nach wie vor ziemlich allein da.

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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
Pfuerzken 25.11.2016
1. Wie wenig ....
Sozialstaat es in Deutschland gibt, erfährt man erst wenn man Hartz 4 bekommt, bzw. in Rente geht!....Viele parallelen zu Deutschland sind hier erkennbar! Die soziale Marktwirtschaft gibt es hier kaum noch, und der Sozialstaat als solches hat sich der freien Marktwirtschaft schon längst untergeordnet, welches die sozialen Leistungen von einem der niedrigsten Mindestdumpinglohn abhängig macht!
IB_31 25.11.2016
2.
Zitat von PfuerzkenSozialstaat es in Deutschland gibt, erfährt man erst wenn man Hartz 4 bekommt, bzw. in Rente geht!....Viele parallelen zu Deutschland sind hier erkennbar! Die soziale Marktwirtschaft gibt es hier kaum noch, und der Sozialstaat als solches hat sich der freien Marktwirtschaft schon längst untergeordnet, welches die sozialen Leistungen von einem der niedrigsten Mindestdumpinglohn abhängig macht!
Eigentlich sind keine Parallelen erkennbar, denn Hartz 4 in Dwird zeitlich unbegrenzt gezahlt, es gibt weltweit überhaupt nur zwei Länder in denen "zeitlich unbegrenzt der Fall ist, das andere Land ist die Schweiz. D.h, das entsprechende Schicksal in GB ist härter als in D.
Stäffelesrutscher 25.11.2016
3.
Nein, lieber Autor, einen »Kampf ... gegen den britischen Sozialstaat« führte nicht der Protagonist dieses Films, sondern Margaret Thatcher. Was der Film zeigt, ist der Kampf eines mörderischen Asozial-Staates gegen seine Bürger. Er stützt sich auf Recherchen, die anderswo erwähnt wurden, beispielsweise dass eine Bürgerin während eines Termins auf dem Amt einen Herzinfarkt erlitt und ihr die Stütze gestrichen wurde, weil sie den Termin abgebrochen habe.
sarkasmis 25.11.2016
4. Typischer britischer Linker
Ken Loach hat nie selbst in seinem Leben harte körperliche Arbeit geleistet, sondern hat in Oxford Jura studiert und ist anschließend Schauspieler geworden, was man im Regelfall nur wird, wenn es einem zu gut geht. Dazu kommt eine furchtbar konstruierte Geschichte. Als, ob sich das so in der Realität abspielen würde. Entweder man ist so krank, dass man jederzeit an der Arbeit sterben kann, oder man man ist es nicht. Ich bin mir extrem sicher, dass es in den meisten Sozialstaaten viel mehr Leute gibt, die nicht arbeiten, obwohl sie könnten, als Menschen denen grundlos keine Sozialleistungen erbracht werden. Es ist ein Film allein um das linke Renstiment to bedienen, ohne wertvolle Botschaft.
.patou 25.11.2016
5.
Zitat von sarkasmisKen Loach hat nie selbst in seinem Leben harte körperliche Arbeit geleistet, sondern hat in Oxford Jura studiert und ist anschließend Schauspieler geworden, was man im Regelfall nur wird, wenn es einem zu gut geht. Dazu kommt eine furchtbar konstruierte Geschichte. Als, ob sich das so in der Realität abspielen würde. Entweder man ist so krank, dass man jederzeit an der Arbeit sterben kann, oder man man ist es nicht. Ich bin mir extrem sicher, dass es in den meisten Sozialstaaten viel mehr Leute gibt, die nicht arbeiten, obwohl sie könnten, als Menschen denen grundlos keine Sozialleistungen erbracht werden. Es ist ein Film allein um das linke Renstiment to bedienen, ohne wertvolle Botschaft.
Loach stammt aus einer Arbeiterfamilie (Vater Elektriker, Mutter Friseurin). Er wurde also keineswegs Schauspieler, weil er finanziell versorgt war. Und dass man erst nach "harter körperlicher" Arbeit das Recht hat sich zu sozialen Fragen zu äußern, wäre mir ebenfalls neu. Normalerweise habe ich eine große Schwäche für die Stilisten des Kinos - Wes Anderson, Nicolas Winding Refn etc. - , auch wenn bei denen nicht immer alles gelingt. Aber trotzdem bewundere ich Ken Loach rückhaltlos für seine jahrzehntelange, unbeirrbare, eindeutige Parteinahme. Und dabei schafft er es erstaunlicherweise, nie dröge zu sein. Dies unterscheidet ihn etwa von deutschen Vertretern des Betroffenheitskinos, die oft von der intellektuellen und didaktischen Seite her kommen, und bei denen man ständig das Gefühl hat, Zeuge einer verfilmten Soziologie-Vorlesung zu sein. Bei Loach spürt man dagegen immer ganz unmittelbar die Wut über die Verhältnisse. Gut, dass er aus dem "Ruhestand" zurückgekommen ist.
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