Horrorfilm "Ich seh, ich seh" Böser Abend, böse Nacht

Horror hoch zwei: Im österreichischen Schocker "Ich seh, ich seh" erkennen zwei Jungen ihre Mutter nach einer Gesichtsoperation nicht wieder. Doch was tun gegen die Unbekannte im Familienheim?

Von


Nicht toben, nicht rufen, und trotz Hochsommer tagsüber die Jalousien runter. Die Anweisungen, die die Mutter ihren zehnjährigen Zwillingen gibt, sind strikt. Gerade ist sie von einer komplizierten Gesichtsoperation nach Hause gekommen, nun beharrt sie auf absoluter Ruhe. Wüsste man nicht, dass man in einem österreichischen Film sitzt, würde man es spätestens an der Reaktion der Kinder erraten: Einer der Jungen setzt sich ans Klavier und spielt im abgedunkelten Wohnzimmer "Guten Abend, gute Nacht".

"Ich seh, ich seh" ist der erste Spielfilm der österreichischen Filmemacher Veronika Franz und Severin Fiala, die 2012 bereits gemeinsam einen Dokumentarfilm über den Regisseur Peter Kern drehten. Als Co-Autorin der Filme ihres Ehemanns Ulrich Seidl ("Hundstage", "Paradies"-Trilogie) ist Franz aber schon lange eine der wichtigsten Drehbuchschreiberinnen im deutschsprachigen Raum. In "Ich seh, ich seh" ist deshalb auch keine Spur von debütantenhafter Unsicherheit zu finden, vielmehr eskaliert die Geschichte von der unheimlichen Mutter schnurstracks und aufs Schönste.

Fotostrecke

5  Bilder
"Ich seh, ich seh": Böser Abend, böse Nacht
Gleich zu Anfang nehmen Franz und Fiala einen Standard des Horrorgenres und pervertieren ihn gekonnt: Nicht mit den unnahbaren Kindern scheint Satans Brut ins Familienheim eingezogen zu sein. Die Bedrohung geht von der Mutter (Susanne Wuest) aus. Jedenfalls zuerst.

Vor ihrem Krankenhausaufenthalt hat sie den Zwillingen Elias und Lukas (Elias und Lukas Schwarz) auf CD ein Gute-Nacht-Lied aufgenommen, damit die zwei auch ohne sie liebevoll in den Schlaf finden. Nach ihrer Rückkehr, mit einem Verband ums Gesicht, der nur noch Löcher für Augen, Mund und Nase frei hält, wird beständig geschimpft und gestraft, die Spielkonsole aus der Hand gerissen und nur einem der Zwillinge etwas zu trinken gegeben. Unter der Bettdecke, dem einzigen Ort, wo sich die Jungen noch laut zu reden trauen, stellen sie sich schließlich die Frage: Ist das wirklich unsere Mama?

Unschuldige Kinder? Doch nicht in Österreich!

Wechselmutter statt Wechselbalg: So lassen sich kindliche Verlustängste kunstvoll neu evozieren. Gleichzeitig scheuen Franz und Fiala nicht davor zurück, auch konventionelle Horrorbilder und -erzählmotive aufzufahren. Ein Ausschnitt aus dem Fünfzigerjahre-Schinken "Die Trapp-Familie", in dem Ruth Leuwerik inmitten einer Kinderschar ein Wiegenlied singt, beschwört als Prolog den melodramatischen Schrecken von David Lynch. Das Familienhaus ist ein moderner Steinquader, der sowohl an einem einsamen See als auch einem düsteren Wald liegt. Das aseptische Interieur des Hauses gleicht in seiner aggressiven Seelenlosigkeit den Tableaus von Stanley Kubrick, an dessen epochalen Schocker "Shining" nicht zuletzt auch das Zwillingspaar erinnert.

Doch wo bei Kubrick die blutbeschmierten Mädchen nur mit vorwurfsvollen Blicken strafen, halten bei Franz und Fiala die Jungen nicht lang still - unschuldige Kinder, wo kämen wir in Film-Österreich denn hin? Und bei der Familie kann die Demontage trügerischer Idylle natürlich nicht Halt machen, auch die katholische Kirche muss in Mitleidenschaft gezogen werden.

Was in der Aufzählung womöglich wie die Aneinanderreihung von Genre-Versatzstücken und Selbstzitaten erscheint, fügt sich in der brillanten Cinematografie von Martin Gschlacht ("Amour Fou", "Die Wand") zu einem dichten Geflecht des Schreckens zusammen. Die Dopplung im Titel ist hier Programm: Leben und Tod, grelles Licht und dunkle Schatten sind in jedem Bild gleichermaßen präsent. Und auch wenn Franz und Fiala zum Schluss eine Art Begründung dafür liefern, warum geschehen ist, was geschehen ist: Der Horror von "Ich seh, ich seh" bleibt hoch zwei.

Sehen Sie hier den Trailer zu "Ich seh, ich seh"

"Ich seh, ich seh"

Österreich 2014

Buch und Regie: Veronika Franz, Severin Fiala

Darsteller: Elias Schwarz, Lukas Schwarz, Susanne Wuest

Produktion: Ulrich Seidl Film Produktion

Verleih: Koch Media

Länge: 99 Minuten

FSK: ab 16 Jahren

Start: 2. Juli 2015

Mehr zum Thema
Newsletter
Neu im Kino: Tops und Flops


© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.