Polnischer Ausnahmefilm "Ida" Der beiläufige Oscar-Favorit

Über 50 Filmpreise und 2 Oscar-Nominierungen: Das polnische Drama "Ida" hat Publikum und Kritiker weltweit begeistert. In Deutschland ist der stille Film über Identität, Schuld und Antisemitismus untergegangen. Höchste Zeit, ihn neu zu entdecken.

Arsenal

Anna schaut durch das Autofenster des alten Wartburgs in die Welt, als ob sie sie zum ersten Mal sähe. Dass die dunklen, blanken Augen mit den hellen Wimpern so sehr aus dem Bild herausstechen, und einem die Szene nachhaltig in die Erinnerung einbrennen, liegt am Rahmen: Anna ist eine Novizin. Sie trägt den Schleier eines Habits, kein Haar stört also die Wirkung ihres Gesichts, auch keine Farbe - "Ida" wurde in schwarz-weiß gedreht.

"Manche Filme sind für die Oscars gemacht, dieser hier nicht", sagte der Regisseur von "Ida", Pawel Pawlikowski, vor ein paar Wochen beim Interview in Riga, wo ihm fünf europäische Filmpreise verliehen wurden: für den besten Film, das beste Drehbuch, die beste Regie, die beste Kamera. Und den Publikumspreis gab es obendrauf.

Die Aussage mit den Oscars wird Pawlikowski, 57, noch mal im Kopf bewegen müssen: Seit vergangenem Donnerstag ist "Ida" zwei Mal für den berühmtesten Filmpreis der Welt nominiert - als bester fremdsprachiger Film und für die beste Kamera. Falls "Ida" gewinnt, würde ein verblüffender Triumphzug seinen vorläufigen Höhepunkt erreichen. Seit seinem Debüt auf dem Filmfest London 2013 hat der Film über 50 Preise gewonnen. Er wurde von Filmkritikern weltweit in die Bestenlisten 2014 gewählt. In Frankreich kam er auf 600.000 Zuschauer, in den USA setzte er bemerkenswerte 3,7 Millionen US-Dollar um.

Vergiss Drehbücher

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In Deutschland ging der Film dagegen unter: Beim Kinostart im April 2014 erreichte "Ida" nur knapp 20.000 Zuschauer. Vielleicht ist ja mit den Oscar-Nominierungen die Zeit gekommen, dass auch hier ein Film entdeckt wird, der auf beiläufige Weise alles anders gemacht hat.

Das beginnt beim Script: Er halte nicht viel von Drehbüchern an sich, sagt Pawlikowski. Eigentlich seien sie ohnehin nur dafür da, die Geldgeber zu beruhigen. "Würde man den fertigen Film wieder in ein Drehbuch zurückverwandeln, wäre es nicht länger als 25 Seiten", sagt Pawlikowski. Denn für ihn müsse Kino auch ohne Dialoge funktionieren. "Die Auswahl der Schauspieler, die Umgebung, die Akustik - das erzählt viel mehr. Die Dialoge können höchstens Zusatzinfos liefern, Charakterzüge festigen, Vergangenheiten klären. Handlung dürfen sie nicht transportieren."

Und so ist "Ida", trotz eines fantastischen, jazzorientierten Soundtracks, ein stiller, aber nicht ruhiger Film. Die Geschichte, die von den Kameramännern Lukasz Zal und Ryszard Lenczewski in nahezu quadratischen Bildern eingefangen wurde, handelt von Identität, Vergebung, Schuld, Antisemitismus. Polen, 1962: Die Novizin Anna lernt kurz vor ihrem Gelübde ihre einzige lebende Verwandte kennen, die wie ein Schlot rauchende, Schnaps trinkende und überhaupt das Leben mit vollen Händen ausschöpfende Tante Wanda.

Eine Nonne mit jüdischen Wurzeln

Ihre und somit auch Annas Familie sei jüdisch, erzählt die als "Rote Wanda" bekannt gewordene Richterin, die ihren Spitznamen als gnadenlose Verfolgerin von politischen Gegnern in der stalinistisch geprägten Volksrepublik Polen erhielt. Annas richtiger Name, erklärt Wanda ihrer staunenden Nichte, laute Ida, auf der Flucht habe man sie als Kleinkind in ein Kloster gegeben.

Um die (äußere) Reise zum Grab der Eltern, das erst ausfindig gemacht werden muss, und die (innere) Reise zu Idas Identität haben Pawlikowski und seine Kameramänner vorsichtig und leichthändig Bilder und Szenen arrangiert, die formal an die Nouvelle Vague erinnern, besonders in der Darstellung einer zarten Liebesgeschichte. Er habe als Referenz an "Die Geschichte der Nana S." von Godard gedacht, stimmt Pawlikowski zu, vor allem visuell: Durch das Format 1:1.33 sind die Bildinhalte enorm konzentriert, Gesichter, Gegenstände, Körper werden oft in einer Ecke des Bildes arrangiert, sodass Strukturen und Hintergründe dominieren. Auch die frühen Filme Polanskis und Skolimowskis zitiert der Aufbau.

Doch im Gegensatz zu Godard berührt Pawlikowski, der vor zehn Jahren mit dem atmosphärisch flirrenden Coming-of-Age-Drama "My Summer of Love" bereits seine Sensibilität für heimliche und verdrängte Emotionen offenbarte, mit "Ida" auch "the bigger picture", also eine gesellschaftliche Relevanz: Wie geht Polen Anfang der Sechzigerjahre mit den Kriegsereignissen um? "Das ist kein Film über Antisemitismus", sagt Pawlikowski zwar. Dennoch sei ihm bewusst, dass die Frage nach den Mördern, die unter uns sind, einen "wunden Punkt" trifft.

Zurück nach Warschau

Dass ausgerechnet er diese Frage stellt, ist womöglich kein Zufall. Pawlikowski wurde zwar in Warschau geboren, verließ mit seiner Familie Polen aber schon als Teenager. Ab 1977 lebte er in England, studierte in Oxford und drehte Dokumentarfilme für die BBC mit Schwerpunkt Osteuropa, bevor er mit "The Stringer" 1998 sein Spielfilmdebüt gab. Mit dem Erfolg von "My Summer of Love" schien er sich als Regisseur für fiktive Stoffe etabliert zu haben.

Doch der Tod seiner Frau warf ihn aus der Bahn. Er zog nach Paris und drehte den Flop "The Woman in the Fifth" mit Ethan Hawke. Erst danach wurde ihm klar, dass er zurück in seine Geburtstadt wollte. "Meine Filme reflektieren immer, wo ich in meinem Leben stehe", hat Pawlikowski dem "Guardian" gesagt. "Warschau ist ein Ort der Einfachheit und der Kohärenz. An diesem Punkt bin ich in meinem Leben."

Einfach und kohärent, das ist "Ida" tatsächlich, aber auch vielschichtig und assoziativ: Pawlikowski hat es geschafft, einen Film zu drehen, der auf ganz unterschiedlichen Ebenen Zugang zu seinen Figuren und seinen Themen bietet. Das könnte den Academy-Mitglieder gefallen.

Die Konkurrenz ist allerdings stark: Mit "Leviathan", gegen den "Ida" jüngst bei den Golden Globes verlor, geht ein beeindruckender, enorm bildgewaltiger Film für Russland ins Oscar-Rennen, der inhaltlich aktuelles Politikgeschehen thematisiert - Machtmissbrauch und der Umgang mit Autoritäten auf dem russischen Land. Falls der kleine Film "Ida" trotzdem am 22. Februar prämiert wird, wäre das ein Triumph für filmische Vielfalt. Und für den Heimkehrer Pawlikowski.

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"Ida" ist auf DVD erschienen.

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