Ikone Romy Schneider "Sie hat sich vergiftet, bis ihr Herz stehen blieb"

Kaum jemand kannte Romy Schneider besser als der französische Schauspieler Jean-Claude Brialy. Im Interview spricht der 74-Jährige über seine langjährige Freundschaft mit der in Frankreich hochverehrten Schauspielerin und beschreibt, wie er heute vor 25 Jahren ihren Todestag erlebte.


SPIEGEL: Monsieur Brialy, 1999 kürte die französische Tageszeitung "Le Parisien" Romy Schneider in einer Umfrage zur größten Schauspielerin des 20. Jahrhunderts. Warum so viel Bewunderung für einen deutschen Star in Frankreich?

Brialy: Zunächst einmal sind wir in Frankreich nicht sektiererisch. Wir bewunderten Ingrid Bergman, Greta Garbo, Marlene Dietrich oder Anna Magnani. Wenn uns jemand durch sein Talent berührt, und Romy Schneider ganz besonders durch ihre Schönheit, dann adoptieren wir sie und machen keinen Unterschied. Die Franzosen haben nie wieder eine Schauspielerin gefunden, die so schön, so sinnlich, so sensibel ist. Sie war nicht so intellektuell wie die Moreau und nicht so kühl wie die Deneuve. Sie war die Konzentration all dessen, was die Franzosen lieben: Emotion.

SPIEGEL: Mit einem gehörigen Maß an Melancholie. Sah man Romy Schneider in Frankreich als deutsche Romantikerin?

Brialy: Nein, ich glaube nicht. Schon deshalb, weil achtzig Prozent der Franzosen gar nicht wissen, was die deutsche Romantik ist. Ich glaube, sie sind ganz natürlich und instinktiv auf diese Frau zugegangen. Die Männer waren sofort total verliebt, und die Frauen waren nicht allzu eifersüchtig, weil sie so viel Talent hatte. Darum haben sie ihr alles verziehen, auch wenn ihr Privatleben, wie das von Edith Piaf, oft chaotisch war. Ich war 25 Jahre mit ihr befreundet, und was ihr Liebesleben mit Alain Delon anging, habe ich zu ihr gesagt: "Du hast das Schlimmste gewählt. Ich kenne den Jungen ein wenig, der ist nichts für Dich." Aber es war, als ob sie vom Teufel angezogen wurde, vom Abgrund. Sie hatte danach Affären mit sehr wichtigen Leuten, die geheim gehalten wurden, ich rede von Politikern und großen Musikern.

SPIEGEL: Sie haben Romy Schneider 1958 bei den Dreharbeiten zu "Christine" kennen gelernt. Damals verliebte sie sich in Delon. Als sich die beiden kennenlernten, sprach sie kaum Französisch. Haben sie den Übersetzer gespielt?

Brialy: Ganz und gar nicht. Liebe braucht doch keine Worte! Sie unterhielten sich in einer Art Kauderwelsch und brauchten mich nicht, um irgend etwas zu regeln.

SPIEGEL: Es heißt, Magda Schneider hätte lieber Sie als Alain Delon an der Seite ihrer Tochter gesehen.

Brialy: Sie fand mich wohl höflicher und charmanter. Alain Delon hatte den Ruf eines Gauners, obwohl das nicht stimmte. Er liebte aber zwielichtige Milieus, und das beunruhigte sie. Sie dachte: Meine Tochter, die so wohlbehütet aufwuchs, wird mit diesem Jungen leben, der fähig ist, ihr einen Revolver an die Stirn zu halten. Ich dagegen wirkte wie der ideale Schwiegersohn.

SPIEGEL: In Deutschland gilt Alain Delon immer noch als derjenige, der unsere Sissi vom rechten Weg abgebracht hat.

Brialy: Aber nein! Die beiden waren wirklich sehr, sehr verliebt ineinander und blieben fünf Jahre zusammen. Sie waren sich ebenbürtig in Talent, Ruhm und Geld. Ihre Beziehung war sehr exzessiv. Die beiden gefielen sich in einer täglichen Schlacht: Romy war eifersüchtig und autoritär, Alain ehrgeizig und besitzergreifend. Da waren zwei Menschen, die sich gegenseitig belauerten, die manchmal sehr hart miteinander umgingen. Aber sehen sich doch große Liebesgeschichten an, lesen Sie Georges Sand und Chopin, lesen Sie Verlaine und Rimbaud: Ihre tägliche Beziehung zueinander war keineswegs sanft

SPIEGEL: Romy Schneider nannte Sie "Papa", obwohl Sie kaum älter waren. Fühlten Sie sich als eine Art Ersatzvater?

Brialy: Nein, eher als ihr Bruder. Ihr zweiter Bruder, aber sie nannte mich "Papa". Ich glaube, weil sie ihren Vater so sehr liebte und verehrte und das Vertrauen in ihn auf mich übertrug. Sie vertraute mir ihren Kummer an oder rief mich an, wenn sie glücklich war. Ich brachte sie zum Lachen, und Romy liebte es, zu lachen, sie liebte das Leben. Sie war das Gegenteil einer melancholischen Frau.

SPIEGEL: War sie sehr deutsch, wie Visconti einmal sagte?

Brialy: Zu Beginn hatte sie einen dicken Akzent. Wir zogen sie damit auf. Vor allem am Anfang der Dreharbeiten zu "Christine". Da hat sie einmal vor Wut ihre Sachen zu Boden geschmissen. Ich sagte ihr dann: "Aber was soll das denn jetzt? Du bist doch nicht Scarlett in 'Vom Winde verweht'! Du wirst jetzt schön deine Sachen aufräumen. Die Garderobiere ist nicht deine Magd." Dabei war Romy im Grunde sensibel im Umgang mit Menschen. Darum hörte sie auf mich und hob ihre Sachen wieder auf.

SPIEGEL: Sie ist mit der Zeit immer mehr auf Distanz zu Deutschland gegangen.

Brialy: Ja, aber die deutsche Presse hat sie ja nie losgelassen. Sie hatte jedes Mal Angst, wenn sie nach Berlin, München oder Wien fahren sollte. Sie sagte sich: Ich werde wieder diese blöden Idioten sehen, sie werden mir wieder auf die Nerven gehen. Darum ließ sie sich lieber von der französischen Presse verhätscheln als von der deutschen Presse kaputtmachen.

SPIEGEL: Noch Jahre nach ihrem Tod fanden Sie Liebesbotschaften von ihr, die sie damals für Sie versteckt hatte?

Brialy: Ja, sie schrieb ständig drei-, vierzeilige Botschaften, mit einer etwas nervösen Schrift. Ich habe vor kurzem noch eine Nachricht in einer Schublade gefunden. Wie kleine Kinder ihre Süßigkeiten versteckte sie ihre kleinen Liebesbotschaften, die sagten: "Mir geht es gut hier bei Dir, Papa. Ich danke Dir. Ich gewinne wieder Lust am Leben. Ich fühle mich stärker, ich fühle mich besser."

SPIEGEL: Warum diese indirekte Kommunikation?

Brialy: Sie hatte Scham, Gefühle direkt auszusprechen. Wenn sie sagen wollte "Ich liebe dich" oder "Du fehlst mir", dann fand sie immer einen Weg, das auf Umwegen zu sagen. An einem Abend, so um 22 Uhr, waren wir beim Essen, als sie unvermittelt fragte: "Hast du Neuigkeiten von Marlene Dietrich?" Und ich sagte ihr: "Ja, ich hab sie vor zwei Tagen gesehen." Ich erzählte Romy, dass es Marlene gutging und dass sie nach ihr gefragt hatte. Romy sagte dann: "Wie schön. Ich habe sie furchtbar gern, ich vergöttere sie." Romy wurde ganz aufgeregt: "Ich muss ihr sofort schreiben." Ich sagte ihr: "Du kannst ihr ja morgen schreiben." Aber nein, es musste sofort sein. Sie bat also um Papier und schrieb acht Seiten an Marlene.

SPIEGEL: In welcher Sprache?

Brialy: Auf Deutsch. Und sie trug ihrem Chauffeur auf, den Brief sofort bei Marlene in der Avenue Montaigne abzugeben. Ich sagte ihr: "Bist du verrückt, um diese Uhrzeit?!" Doch Romy nahm die Goldkette von Boucheron, die sie trug, legte sie mit in den Umschlag und schickte den Brief ab. Eine halbe Stunde später kam eine Antwort von Marlene, mit zwei Ketten. Sie gab die Kette an Romy zurück und hatte zudem ihre eigene Kette in den Umschlag gelegt. Das war wunderbar, echte Zuneigung. Marlene mochte Frauen sonst nicht so gern, aber sie liebte Romys Charakter. Die beiden waren sich ähnlich: sehr gediegen und sehr solide.

SPIEGEL: Es heißt, vor der Kamera sei Romy eine Perfektionistin gewesen. War sie eigentlich je mit sich zufrieden?

Brialy: Niemals. Sie war vor allem unglaublich konzentriert. Piccoli und Depardieu brachten sie gern aus der Ruhe und versuchten, sie zu verwirren. Einmal zog Gérard ständig Grimassen. Romy musste lachen und sagte: "Der ist doch verrückt, der Typ dort, er ist einfach verrückt." Aber eine Sekunde später war sie wieder konzentriert.

SPIEGEL: Vertraute sie ihren Regisseuren?

Brialy: Sie sagte: "Regisseure sind Diebe. Sie versuchen, mir meine Seele zu rauben. Manchmal gebe ich ihnen ein wenig davon, manchmal auch gar nichts." Sie hatte immer das Gefühl, dass man plündern kam, dass man ihr etwas Geheimes, etwas Intimes wegnahm.

SPIEGEL: Ging das über die Rolle hinaus?

Brialy: Natürlich. Weil sie alles gab, ab dem Zeitpunkt, als es hieß "Kamera läuft". Nichts anderes mehr existierte, nur noch die Person, die sie spielte. Sie wurde zu dieser Person, doch sie war unruhig, ängstlich. Wenn man ihr sagte, sie sei schön, dann sagte sie "Ach ja, gut", wenn man ihr sagte, sie habe Talent, dann sagte sie auch "Ach ja, gut". Sie hatte eine Leidenschaft für Katharine Hepburn Ingrid Bergman, Anna Magnani. Sie sagte, das seien echte Schauspielerinnen und meinte, sie würde niemals diese Höhe erreichen. Aber das war völlig falsch, denn Romy war keine leere Schönheit. Sie hat gezeigt, dass sie im Inneren etwas Besonderes hatte, etwas Gravierendes und Berührendes.

SPIEGEL: Sind die Parallelen zwischen ihrer Biografie und ihren Filmen zufällig?

Brialy: Romy ernährte sich unbewusst von dem Leid, das ihr widerfuhr, und übertrug es auf ihre Filmrollen. Wenn ihr die Regisseure diese Rollen gaben, dann deshalb, weil sie etwas Tragisches an sich hatte. Dabei hatte sie ganz und gar keine Lust, unglücklich zu sein.

SPIEGEL: Sie sagen, Romy habe nicht gewählt, im Leben zu leiden. Sie erzählten aber auch, dass Menschen wie Romy das Leid geradezu anziehen. Was meinen Sie damit?

Brialy: Man muss leider feststellen, dass ihr Privatleben von Dramen geprägt wurde. Ihr erster Ehemann, Harry Meyen, war ein schöner Mann. Aber er hat Romy ausgesaugt, ihr Geld weggenommen. Er zog sie an, und im gleichen Moment zerstörte er sie. Sie entschloss sich deshalb, ihn zu verlassen. Danach beging er Selbstmord, und sie fühlte sich dafür verantwortlich. Ja, man könnte sagen, sie hatte immer Geschichten mit Männern, die dazu da waren, sie zu zerstören. Sie hatte zweifellos eine masochistische Ader.

SPIEGEL: In ihrem Tagebuch schrieb sie: "Ein Mann muss mich in die Knie zwingen."

Brialy: Ein schwacher Mann, der vor ihr in Bewunderung schwelgte, nervte sie. Sie brauchte eine heftige, gewaltige Beziehung. Sie fand, dass der Mann sie dominieren musste.

SPIEGEL: Wie erfuhren Sie von ihrem Tod?

Brialy: Ich hörte es im Radio, um 8 Uhr morgens: Romy Schneider ist tot. Ich sagte mir: Die sind verrückt! Ich habe gestern noch mit ihr gesprochen! Danach habe ich versucht, ein paar Leute zu erreichen. Endlich, es war schon 11 Uhr, hatte ich einen gemeinsamen Freund am Telefon, ihren Agenten Jean Louis Levy. Er sagte mir: "Ja, Romy ist tot. Herzstillstand. Kein Suizid." Und dann sagte ich mir: Wie ist das möglich? Neben dem Schmerz, dem Leid, meine Freundin verloren zu haben, wollte ich verstehen und rief Laurent an, ihren Freund. Er schluchzte wie ein kleines Kind und konnte nicht sprechen. Es war furchtbar. Ich sagte ihm also: "Ich rufe dich zurück, wenn du dich beruhigt hast. Es ist normal, dass du in diesem Zustand bist".

SPIEGEL: Was geschah dann?

Brialy: Ich habe ihn dann also zurückgerufen, und er sagte: "Hör zu, gestern Abend ging es ihr noch gut. Wir sind um 20.30 Uhr zu meiner Schwester gefahren, um Abend zu essen." Um ein Uhr morgens sagte Romy zu Laurent: "Geh nur schlafen, ich bleibe noch ein wenig bei meinem Sohn." Das machte sie oft. Sie legte Musik auf, sie setzte sich auf ein Sofa und hörte Musik. Und über die Musik in ihrem Kopf sprach sie zu ihrem Sohn David. Es war eine Art von zärtlicher, liebevoller Beziehung zwischen Mutter und Sohn.

Und dann setzte sie sich an den Schreibtisch und schrieb einen Brief. Sie schrieb einen Brief an einen Fotografen, um ihm zu sagen, dass sie leider morgen keine Fotos machen könne, weil sie zu müde sei: "Wir verschieben den Fototermin drei, vier Tage, wenn ich mich besser fühle." Und dann zeigte mir Laurent den Brief, mit einem langen Strich: Ihr Kopf war auf den Tisch gefallen. Ihr Herz stehen geblieben.

Es war also ein Herzstillstand wegen zu viel Leid, zu viel Unglück, zu vielen Pillen, um sich wachzuhalten und um einzuschlafen. Sie lebte seit drei, vier Jahren mit Mitteln, keine Drogen, aber Pillen um einzuschlafen, Pillen, um wieder aufzuwachen, um abzunehmen. Sie hat sich vergiftet, bis ihr Herz stehen blieb. Ihr Herz war verbraucht, vor drei Monaten hatte man ihr eine Niere entfernt, sie hatte also schon gesundheitliche Probleme.

Laurent sagte zu mir "Komm rüber und sieh sie dir an. Sie ist sehr schön." Ich erwiderte: "Nein, ich verabscheue Tote." Und noch dazu Romy, das konnte ich einfach nicht. Etwa zehn Personen waren ständig in diesem Appartement, ich weiß nicht mehr, wer dort war. Die Schwester, der Bruder. Und dann sagte Laurent: "Komm bitte, ich würde mich sehr freuen, wenn du da sein könntest." Ich hatte schon Angst, die Fotografen zu sehen, die Journalisten, ich hatte wirklich Herzklopfen, aber ich sagte mir: "Ich werde das schaffen", und dann bin ich in ihr Zimmer gegangen. Und da sah ich ein junges Mädchen von 20 Jahren, schön, wunderschön, schlafend, lächelnd. Sie trug ein Kleid von Yves Saint Laurent, ein wenig indisch, aber schön. Man hatte Lust, sie in die Arme zu nehmen, sie tanzen zu lassen, ihr zu sagen, bleib noch ein wenig… Sie war überwältigend.

SPIEGEL: Und dann kam noch jemand hinzu, nicht wahr?

Brialy: Richtig. Ich war gerade fünf, zehn Minuten dort, als sich plötzlich die Türe öffnet. Wie in einem Western, mit einem "Klack", und Alain Delon steht im Zimmer. Wir haben uns nicht abgestimmt, wir haben überhaupt nicht miteinander gesprochen. Und er kommt herein, schließt die Tür, tränenüberströmt. Er nimmt meine Hand und weint. Nach fünf Minuten sagt er mir diesen formidablen Satz: "Lass uns, lass uns allein, sie und mich. Du hast hier nichts mehr zu tun." Und ich bin gegangen.

SPIEGEL: Sie sagten einmal: "Gegen Ende ihres Lebens schlich der Tod um sie herum, und ich habe es erst im Nachhinein bemerkt." Hatten Sie eine Vorahnung?

Brialy: Ich glaube, dass es im Leben keine gerechte Waage gibt, dass man, wenn man auf der einen Seite glücklich ist, auf der anderen Seite unglücklich sein muss. Romy liebte das Leben so sehr, dass es sie umbrachte.

Das Interview führten Lars-Olav Beier und Stefan Simons



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