"Illuminati"-Star McGregor "Ich bin immer sehr arrogant gewesen"

Als Jedi-Ritter verkörperte er das Gute, in "Illuminati" spielt er einen Gottesmann. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt Hollywood-Star Ewan McGregor, warum ihn religiöse Figuren reizen, er mit Gott dennoch nichts anfangen kann - und was eine Motorradtour fürs Leben lehrt.


SPIEGEL ONLINE: In der Dan-Brown-Verfilmung "Illuminati" spielen Sie die rechte Hand des Papstes. Sind Sie selbst religiös?

McGregor: Nein, gar nicht. Meine Großeltern waren nicht religiös, meine Eltern nicht; in meiner ganzen Familie spielte der Glaube keine Rolle. Umso verstörender war mein erster Kontakt mit Religion. Einen Sommer, ich muss 13 gewesen sein, schickten mich meine Eltern in ein christliches Abenteuercamp. Eines Abends schnappten sie mich und waren ganz zudringlich und wollten wissen, ob ich Jesus in meinem Herzen akzeptieren würde. Naja, ich war ein Teenager, ich wusste nicht, was ich wollte, also nahm ich das alles sehr ernst, fing an zu flennen und sagte schließlich: Ja, ja, ich akzeptiere Jesus in meinem Herzen! Danach war ich dann fünf, sechs Wochen lang sehr religiös, las die Bibel und so weiter.

SPIEGEL ONLINE: Und dann?

McGregor: Dann fand ich heraus, dass ein Junge in meiner Schule, der aus einer wirklich ultrareligiösen Familie stammte, von seinem Vater zusammengeschlagen worden war. Da dachte ich: Scheiß drauf!

SPIEGEL ONLINE: Insgeheim muss Ihnen die Metaphysik aber zusagen. Der Jedi-Ritter Obi-Wan Kenobi, den Sie in "Star Wars" spielen, ist ja auch nichts anderes als ein Priester.

McGregor: Religiöse Menschen zu spielen, ist einfach sehr interessant, weil sie so unglaublich selbstsicher sind. Ich bin in vielen Lebensbelangen eher unsicher. Das macht es sehr spannend, sich in eine so festgefügte Glaubenswelt hineinzuversetzen. Und natürlich ist es großartig, sich vor Tom Hanks hinzustellen, ihm fest in die Augen zu schauen und mit tiefer Stimme zu fragen: "Glauben Sie an Gott?", wie ich es in "Illuminati" tun durfte.

SPIEGEL ONLINE: Um einen gläubigen Menschen zu spielen, müssen Sie dieses Gefühl der Selbstsicherheit und Festigkeit ja irgendwo hernehmen. Worauf greifen Sie zurück?

McGregor: Als Schauspieler arbeitet man viel mit der eigenen Vorstellungskraft und greift letztlich auf alles zurück, was man erlebt. Ich bin niemand, der jeden Tag Nachrichten liest. Aber ich kriege mit, was passiert, ob nun hier in Berlin oder in Darfur. Ich gehe mit weit offenen Augen durchs Leben und liebe die Musik, die ich gerade höre oder den Film, den ich gerade drehe. Oder meine Motorradfahrten, bei denen ich viel von der Realität mitbekomme, viel mehr als sonst in meinem Schauspielerleben.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind mit ihrem Freund Charley Boorman um die halbe Welt gereist, nur Sie beide und ihre Motorräder - quer durch Europa, Russland, Alaska, Kanada und die USA - und haben darüber einen Film gedreht. Warum diese Ochsentour?

McGregor: Es war die erste wirklich große Herausforderung, der ich mich als erwachsener Mann gestellt habe. Von London nach New York, auf dem Motorrad! Aber es war dann vor allem eine phantastische Lektion fürs Leben, weil es so einfach zu machen war.

SPIEGEL ONLINE: Einfach? Das müssen Sie erklären.

McGregor: Naja, du reißt einfach eine Meile nach der anderen ab und denkst nicht groß über die Zukunft nach. Wissen Sie, ich habe letztes Jahr in New York Shakespeare gespielt, den Jago aus "Othello". Bevor es an die Proben geht, lerne ich meistens meinen Part komplett auswendig. Also fing ich an: Wochenlang nur lernen, lernen, lernen. Irgendwann stand ich kurz vor einem Nervenzusammenbruch! Fünf Akte, drei Stunden Theater, all dieser Text - niemals würde ich das hinkriegen! Bis wir dann anfingen zu proben und ich realisierte, dass wir einfach immer eine Szene nach der anderen machen. Stückchen für Stückchen. Wie auf unserer Tour. Der Kilometer vor uns war wichtig - sonst nichts.

SPIEGEL ONLINE: Die Kritiker waren ganz begeistert von Ihrer Darstellung des Intriganten Jago. Vor allem lobten sie, wie viel Menschlichkeit Sie dem Schurken verliehen haben. Können Sie nicht mal so richtig den Bösewicht rauslassen?

McGregor: Ich kann nicht einfach einen bösen Menschen spielen, ich weiß gar nicht, was das ist. Denn selbst wenn jemand schreckliche Dinge tut, basieren sie auf einem Motiv, einem Glauben, der für die Person wichtig und entscheidend ist. Bei Jago habe ich mir angesehen, woher seine Eifersucht, seine Angst und sein unglaublicher Hass kommen. Und wenn man sich einmal überlegt hat, woher das alles kommt, dann kann man ihn nicht mehr als Bösewicht spielen, dann muss man auch die Erbärmlichkeit in ihm sehen. Er ist gefangen in seinem eigenen, schrecklichen Chaos. Und das habe ich versucht, darzustellen.

SPIEGEL ONLINE: Sie spielen Theater, haben eine Familie, gehen auf Weltreise, spenden viel Geld für Unicef und haben sogar in Hollywood Erfolg. Man kann sie sogar als Actionfigur kaufen. Was treibt Sie eigentlich noch an?

McGregor: Ich habe eigentlich keine Ziele. Ich bin immer sehr arrogant und selbstbewusst gewesen, was meine Arbeit betrifft. Ich mag die Schauspielerei und versuche immer, besser zu werden. Vielleicht treibt mich das an: Noch mehr Erfahrung als Schauspieler zu sammeln.

SPIEGEL ONLINE: Wann haben Sie zuletzt etwas gelernt?

McGregor: Ich drehe gerade auf Sylt mit Roman Polanski, und ich fand es sehr angenehm, mit einem Regisseur zu arbeiten, der auch tatsächlich Regie führt, also den Schauspielern Anweisungen gibt. Das machen nämlich gar nicht so viele. Daran kann ich wachsen. Und besser werden.

Das Interview führte Andreas Borcholte



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